Zum 80. Geburtstag "Du kannst doch nicht ohne Haltung leben"

70 Länder in 50 Jahren. Bilder aus Kriegsgebieten und Elendsvierteln rund um den Globus, die heute teils Ikonen der Fotogeschichte sind und auch in Magazinen wie "Life" oder "Paris Match", "Stern" oder "Spiegel" erschienen, wechseln in seinem Werk mit Reportagen aus dem sozialistischen Alltag. Thomas Billhardt wurde am 2. Mai 2017 80 Jahre alt. Wir blicken mit ihm auf sein Werk und seine Mission.

Also, ich hab' immer geglaubt, ich wäre sehr politisch, weil ich eine Haltung haben wollte (...) War das ein Irrglauben? Kann doch nicht sein.

Thomas Billhardt

Vietnam Mitte der 1960er-Jahre. Im Südosten Asiens führen Ost und West einen brutalen Stellvertreterkrieg. Millionen sterben - in der Mehrheit Zivilisten. Der Fotograf Thomas Billhardt ist mitten drin in den Kampfgebieten. Bis heute hört er das dumpfe Zischen der Abwehrraketen, die Schreie der flüchtenden Menschen:

Der Krach, das Vibrieren, dir platzt der Kopf und du möchtest in der Erde versinken, in den Bunker gehen, du musst aber raus.

Gut gegen Böse

Thomas Billhardt: Piloten im Pyjama - Abgeschossener US-Pilot Major Wayne Waddell, Ha Tay Provinz, 1967
"Piloten im Pyjama" - Abgeschossener US-Pilot Major Wayne Waddell, Ha Tay Provinz, 1967 Bildrechte: Camera Work/Thomas Bildhardt

Eins seiner berühmtesten Fotos macht Billhardt 1967 in Nordvietnam. Es zeigt einen großgewachsenen US-Piloten, der von einer zierlichen Vietnamesin mit aufgepflanztem Bajonett in die Gefangenschaft abgeführt wird. Es scheint wie eine Metapher für seine Mission zu zeigen, wie das Gute gegen das Böse siegt: David gegen Goliath, Ost gegen West. Das Foto wird hundertfach gedruckt, nicht nur in der DDR, auch im Westen. Anders als andere Kriegsfotografen zeigt Billhardt nicht nur Tod und Zerstörung, sondern das Überleben, den Alltag der Menschen, denen er sichtbar mit großer Empathie begegnet. Billhardt ist ein Humanist, das demonstrieren schon seine frühen Arbeiten aus Berlin. Seine Liebe zu den Menschen, sagt er, habe nichts zerstören können. Nicht der Krieg und auch nicht der Verlust politischer Ideale.

Augusto Pinochet und Salvador Allende, Santiago de Chile 1970. Der Sozialist, der gerade seinen Wahlsieg feiert, neben seinem späteren Mörder.
Augusto Pinochet und Salvador Allende, Santiago de Chile 1970. Der Sozialist, der gerade seinen Wahlsieg feiert, neben seinem späteren Mörder. Bildrechte: Camera Work/Thomas Bildhardt

Billhardt bringt seine Bilder vom Krieg mit in die scheinbar heile Welt der DDR. Die Vietnam-Eindrücke verändern seine Perspektive auf das seit Jahren durch die Mauer abgeschottete Land, lassen die Unzulänglichkeiten, die ökonomischen Engpässe und politischen Zwänge in milderem Licht erscheinen. Billhardts Privileg ist es, dass er dieses kleine und enge Land immer wieder hinter sich lassen kann, für seine Reisen als Fotoreporter: 1969 - nach Libyen, wo Hauptmann Gaddafi die Macht nach einem Putsch ergreift, 1970 - nach Chile, wo der Sozialist Allende seinen Wahlsieg feiert, 1972 - nach Bangladesh, wo Mujibur Rahman erster Präsident des unabhängigen Landes wird.

Hätte ich nicht reisen können, wäre ich in diesem Gefängnis DDR sehr unglücklich gewesen.

Freifahrtschein: 70 Länder in 50 Jahren

Billhardt soll den Siegeszug der sozialistischen Idee bezeugen. Die DDR bekommt die Bilder für ihre Propaganda vom antiimperialistischen Befreiungskampf der Völker, der lebenshungrige Fotograf einen Freifahrtschein. Ihm scheint es rückblickend wie ein großer glücklicher Zufall, dass ausgerechnet er, der junge Absolvent der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst vom Zentralrat der FDJ als Fotograf 1961 nach Kuba geschickt wird. Dort "verliebt" er sich - "in das Temperament" und "in den wirklichen sozialistischen Gedanken", der angesichts der düsteren kolonialen Vergangenheit und der Aufbruchstimmung mit einer Figur wie Fidel Castro an der Spitze "absolut glaubhaft" war.

Doch so wie die Aufbruchstimmung in Ländern wie Kuba oder Nikaragua verblasst, wachsen die Zweifel, die Nähe zu seinen politischen Auftraggebern macht ihm zunehmend Angst: "Geheimnisträger wollte ich nicht sein. Und in Abhängigkeit wollte ich auch nicht kommen", sagt Billhardt rückblickend. Seine Bilder - etwa von Staats- und Parteichef Honecker - taugen aus seiner Sicht nicht zur Propaganda, er sieht sie als Psychogramme der Macht und erinnert sich schmunzelnd an den Staatsbesuch Fidel Castros 1972 in der DDR: Wie der Revolutionär, "ein großer Kerl", "eine Persönlichkeit" locker in die Menge grüßt und "die Frauen schreien", wie Honecker versucht, Schritt zu halten und auch was abhaben will von dem Applaus und dann als "steifer verklemmter Mann" in Castros Armen hängt.

70 Länder in 50 Jahren. Bilder aus Kriegsgebieten und Elendsvierteln rund um den Globus, die heute teils Ikonen der Fotogeschichte sind und auch in Magazinen wie "Life" oder "Paris Match", "Stern" oder "Spiegel" erschienen, wechseln in seinem Werk mit Reportagen aus dem sozialistischen Alltag. Heute sind sie allesamt Dokumente einer ganzen Epoche.

Eine ganze Epoche in Nahaufnahme

Aus Anlass von Billhardts 80. Geburtstag zeigt die Berliner Galerie Camera Work noch bis 6. Mai eine Retrospektive mit 100 seiner Bilder.

Dass der Sohn einer berühmten Porträt-Fotografin, der am 2. Mai in Chemnitz geboren wurde, die Nahaufnahme bevorzugte, hat - wie Galerist Jan Burkhardt erklärt - auch einen technischen Grund:

Während die ganzen westlichen Fotografen auch die Möglichkeit hatten, mit großen Teleobjektiven und langen Brennweiten zu fotografieren, war das im Mittelformat deutlich eingeschränkter. Thomas hatte einfach nie die Möglichkeit, aus großen Entfernungen Bilder zu machen, sondern musste immer nah ran. - Robert Capa hat mal gesagt: 'Wenn das Foto zu schlecht ist, warst du einfach nicht nah genug dran'.

Jan Burkhardt, Galerist
Cambochia-2008-3
Cambochia-2008-3 Bildrechte: Thomas Billhardt

Der Ausnahmefotograf kam zu einigem Ruhm, genoss Ausnahmeprivilegien, was ihm manch einer neidete, auch wenn Billhardt darauf hinweist, dass er schließlich keine Urlaubsreisen unternommen hat, Gefahren in Kauf nahm und unterwegs eher karg lebte: "Für mich war es meine Mission, meine Aufgabe, die ich erfüllen wollte, aber das haben nur wenige Leute akzeptiert." Für seine Mission stehen auch seine international beachteten Kinderfotos aus aller Welt, sein Engagement für das Kinderhilfswerk UNICEF. Die Kehrseite eines solchen Lebens: Seine eigenen Kinder wuchsen weitgehend ohne den Vater auf. Seine Tochter starb 2016 mit nur 46 Jahren an Krebs, sein Sohn lebt heute als Fotograf auf den Philippinen.

Unterwegs in Berlin

Er habe immer darauf geachtet, dass sich seine Bilder nicht instrumentalisieren lassen, sagt Billhardt. Sie sollten zeigen, dass Krieg und Ideologie nichts als Zerstörung bringen. Auch deswegen hat er wieder angefangen zu fotografieren, nach sieben Jahren, diesmal allerdings vor der eigenen Haustür - bei Bärgida in Berlin. Der alte Mann, der schon viel gesehen hat, ist fassungslos nach einer Visite Anfang des Jahres:

Lebensläufe Thomas Billhardt
Thomas Billhardt bei Bärgida Bildrechte: Lebensläufe/ MDR FERNSEHEN

Ich habe die Schnauze voll. Man sieht immer Ausschnitte im Fernsehen, aber die Wirklichkeit sieht man erst, wenn man dazwischen steht und hört, wie sie schreien. Ich kann nicht sagen, das sind nette Gesichter, es sind Fressen. Dazwischen sind Leute, die sehen harmlos aus. (...) Aber diese Gesichter, tätowiert, alles voll, auf Krawall gebürstet ... was die sich vorstellen, ist Großdeutschland wieder. (...) Ich war in allen Konzentrationslagern, ich habe alle angesehen als Journalist. (...) Und jetzt sind da welche, die wieder so denken. Das ist es, was mich erschüttert, da bin ich nicht mehr bereit, menschlich zu fotografieren und neutral zu sein. Ich werde das anklagen. Das ist es, was man mir immer vorwirft, dass ich nicht neutral bin. (Aber) du kannst doch nicht leben, ohne eine Haltung zu haben!

Thomas Billhardt, Fotograf

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 04.05.2017 | 23:05 Uhr
MDR KULTUR - Das Radio | Feature | 29.04.2017 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Mai 2017, 07:41 Uhr

Bilder

Thomas Billhardt: Kinder der Welt (1990 bis 2011)

Nach der Wende begibt sich Thomas Billhardt auf selbstbestimmte Reisen in die USA, nach Afrika und in die Elendsquartiere von Bangkok und Manila, wo er die schönsten Kindergesichter findet.

Madagaskar-1990
Nach der deutschen Wiedervereinigung begibt sich Thomas Billhardt jedoch schnell wieder auf selbstbestimmte Reisen. Foto: Madagaskar 1990 Bildrechte: Thomas Billhardt/Camera Works
Madagaskar-1990
Nach der deutschen Wiedervereinigung begibt sich Thomas Billhardt jedoch schnell wieder auf selbstbestimmte Reisen. Foto: Madagaskar 1990 Bildrechte: Thomas Billhardt/Camera Works
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... und eine neue Generation - eine Generation, die Hoffnung auf ein besseres Leben hat! ... , Foto: Cambochia 2008 Bildrechte: Thomas Billhardt
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Diese Kinder wollen zur Schule. Sie kommen zum Teil von weit her in das Dorf, in dessen Zentrum der Unterricht stattfindet. Foto: China Yunnan 2009 Bildrechte: Thomas Billhardt
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Foto: Cambochia 2008. Thomas Billhardt: "Ich hab mich oft gefragt: Was mache ich da? ... Bildrechte: Thomas Billhardt
Cambochia-2008-3
Warum gehe ich jetzt in Asien in die schlimmsten Ecken? - Weil ich dort die schönsten Kindergesichter finde ... Cambochia 2008 Bildrechte: Thomas Billhardt
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... aber auch weil ich zwischen all dem Elend immer wieder auf Überraschendes und Lebendiges treffe - wie hier den kleinen Jungen, der den Mut hat, es mit dem Größeren aufzunehmen." Foto: Cambochia 2008 Bildrechte: Thomas Billhardt
Cambochia-2008-Waisenkind
"Dieses Waisenkind in Cambochia hat niemanden mehr. Passanten haben es auf der Straße aufgelesen und in ein Krankenhaus gebracht. Die Ärzte versuchen das Kind wieder aufzupeppeln. Aber seine Neugier können die Mediziner dem Waisen nicht mehr zurückgeben. Sie ist verschwunden. Sehen Sie das auch?," fragt Fotograf Billhardt. Foto: Cambochia 2008 Bildrechte: Thomas Billhardt
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Thomas Billhardt: "Wir haben so viele Vorurteile gegenüber Moslems auf Grund der Blüten des Terrorismus. Dabei sind die meisten Moslems freundlich und friedlich wie diese Kinder, die genauso wie unsere in der Schule lernen." (Foto: Indonesien Java 2008) Bildrechte: Thomas Billhardt
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In Bali in einer Tanzschule. Foto: Indonesien Bali 2008 Bildrechte: Thomas Billhardt
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Foto: Indonesien Bali 2008. Thomas Billhardts Fotos "... sind Fotos, bei denen man heulen könnte vor Rührung, vor Entzücken und Mitleiden und ... Bildrechte: Thomas Billhardt
Indonesien-Bali-2008-3
... vor Freude über die Schönheit eines Gesichts, die Zartheit einer Bewegung." So schrieb die Schriftstellerin Brigitte Reimann 1964 in ihrem Tagebuch. Foto: Indonesien Bali 2008 Bildrechte: Thomas Billhardt
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In Peking in einem Vergnügungspark. Foto: China 2008 Bildrechte: Thomas Billhardt
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Im schwer zugänglichen Yunnan - etwa 5000 km von Peking entfernt - bekommen die Kinder per Fernseher Unterricht. Foto: China 2009 Bildrechte: Thomas Billhardt
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In Gansu gehen die Kinder von Minderheiten in den eigenen Trachten in die Schule. Foto: China 2009 Bildrechte: Thomas Billhardt
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Dieser Junge läuft durch die Straßen in Shanghai. Die Art Hose, die er trägt, soll übrigens bei vielen Müttern in Shanghai beliebt sein ... Foto: China 2009 Bildrechte: Thomas Billhardt
Indonesien-Papua-2009
Dieses Mädchen mit der weißen Puppe gehört zu den Nachkommen der Einwohner auf der östlichsten Insel von Indonesien, auf Papua. Foto: Indonesien, Papua 2009 Bildrechte: Thomas Billhardt
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Service-Infos

Retrospektive mit 100 Bildern | Bis 06.05.2017 Thomas Billhardt - Ein Leben in Bildern

Thomas Billhardt - Ein Leben in Bildern

CAMERA WORK
Kantstraße 149
10623 Berlin–Charlottenburg

Öffnungszeiten
Di-Sa: 11:00-18:00 Uhr

Buchtipp Thomas Billhardt: Fotografie

Thomas Billhardt: Fotografie

Mit einem Essay von Steffen Lüddemann
Edition Braus
320 Seiten
ISBN 9783862280483

Buchtipp Thomas Billhardt: Meine Abenteuer mit der Kamera

Thomas Billhardt: Meine Abenteuer mit der Kamera

Nora Verlag