Debatte um Kunstfreiheit Freibergs Theaterintendant Schulze: "Schweigen halte ich für sehr gefährlich"

Dass Kunst- und Meinungsfreiheit auch in Europa und sogar in Sachsen immer mehr unter Druck geraten, beklagte gerade Ministerin Eva-Maria Stange bei MDR KULTUR. Aufsehen erregte zuvor, dass der Freiberger Oberbürgermeister Sven Krüger dem Theater der Stadt eine Gesprächsreihe untersagt hatte und dem Intendanten vorwarf, "Wahlwerbung betrieben, Statuten verletzt und Geld zweckentfremdet zu haben". Jetzt nahm die künstlerische Leitung Stellung.

Die Debatte um die Freiheit der Kunst nimmt am Theater Freiberg weiter Fahrt auf. In einer öffentlichen Stellungnahme verwahrte sich die gesamte künstlerische Leitung des Hauses jetzt gegen politische Eingriffe ins Programm und wies die Vorwürfe, mit einer Diskussionsrunde, "Wahlwerbung betrieben, Statuten verletzt und Geld zweckentfremdet zu haben", zurück. Im Gespräch mit MDR KULTUR erklärte Intendant Ralf-Peter Schulze, die Veranstaltungsreihe "DIALOG" sei konzipiert worden, um für Freiheitsrechte und schützenswerte Formen des Zusammenlebens einzutreten. Angesichts ernster Symptome eines gesellschaftlichen Wandels halte er dies für notwendig.

Wir sind eine Bühne, die sich weltoffen präsentiert und wir entwickeln ein positives Bild von der Gesellschaft. Wir machen das mit Achtsamkeit und Verantwortung und vielen Formaten. Wir sind nicht nur zu reduzieren auf Schauspiel, Musiktheater und philharmonische Konzerte, auch wenn das der Wunsch der Gesellschafter wäre.

Ralf-Peter Schulze, Intendant Im Gespräch mit MDR KULTUR

Neutralitätsgebot für ein Theater?

Vorausgegangen war der Wirbel um eine Veranstaltung des Theaters in der Reihe "DIALOG – Wir haben die Wahl - Was ist zu tun?" Ende März. Geladen war die Publizistin Liane Bednarz mit ihrem Buch "Angstprediger", das sich damit befasst, wie rechte Christen Einfluss auf Gesellschaft und Kirche nehmen. Vorgeblich wegen zu erwartender Störer verlegte die Gesellschafterversammlung die Veranstaltung kurzfristig vom Theater in den Festsaal des Rathauses - gegen den Willen des Intendanten, aber mit Zustimmung des Geschäftsführers. In einer Stadtratssitzung am 2. Mai nahm der inzwischen parteilose Oberbürgermeister Sven Krüger auf eine AfD-Anfrage Stellung. Bei diesem Termin unterstellte er Intendant Ralf-Peter Schulze nach einem Zeitungsbericht, "Wahlwerbung betrieben, Statuten verletzt und Geld zweckentfremdet zu haben". Am Ende hatte Krüger mit Blick auf die "Zeiten des Vorwahlkampfes" in der Fragestunde erklärt, "strikte Neutralität" sei geboten. Derartige Veranstaltungen dürften deswegen künftig nicht mehr in den Räumlichkeiten des Theaters organisiert und durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang verschwand auf Veranlassung von Geschäftsführer Hans-Peter Ickrath auch der Link auf die Erklärung DIE VIELEN von der Website.

Kunst - und Meinungsfreiheit sind nicht verhandelbar, sie sind die Grundlage der künstlerischen Arbeit der Theater. Die Erklärung der Kulturministerkonferenz vom 13.3.2019 gilt auch für das Mittelsächsische Theater. Theater sind Erfahrungsräume der Demokratie.

Aus der Stellungnahme

Umstrittener "DIALOG"

Doch ein Neutralitätsgebot sieht die künstlerische Leitung mitnichten und betont zugleich in der Stellungnahme, dass die Veranstaltung nach ihrer Auffassung "keinen wahlempfehlenden Charakter" hatte. Thema gewesen sei "weder die AfD, noch eine andere Partei, sondern die Neue Rechte und ihre Wirkungsmöglichkeiten und Wirkungsweisen innerhalb der Kirche und unter Christen, auf die auch Kirchenvertreter schon seit Jahren mit großer Sorge hinweisen".

Im Gespräch mit MDR KULTUR fügte Intendant Ralf-Peter Schulze hinzu, das Podium sei mit der Autorin und einem Pfarrer auch nicht politisch, sondern rein themenorientiert besetzt gewesen. Auch künftig werde die künstlerische Leitung auf ihre inhaltliche Hoheit in der Programmgestaltung bestehen, in "hartnäckiger Kommunikation" mit den Gesellschaftern und mit einer deutlichen Botschaft aus dem Theater, "dass wir diese Prozesse, die uns betreffen, weil sie unser zukünftiges Zusammenleben und demokratische Prozesse in Frage stellen könnten, immer wieder ins Bewusstsein bringen".

Schweigen halte ich für sehr gefährlich, wir müssen an dieser Stelle Verantwortung für die Zivilgesellschaft von Morgen übernehmen.

Ralf-Peter Schulze, Intendant Im Gespräch mit MDR KULTUR

In der Stellungnahme weist die künstlerische Leitung außerdem darauf hin, dass das nun in Frage gestellte Format "DIALOG" Teil eines vom Freistaat ausdrücklich gewollten und bestätigten Konzepts des Hauses zum Kulturpakt 2019-2022 sei. Somit könne von einer Zweckentfremdung von Steuermitteln nicht die Rede sein.

Politischer Einflussnahme auf die Theaterarbeit gilt es unmissverständlich entgegenzutreten und sie nicht zuzulassen. Entscheidungen über die öffentliche Förderung dürfen nicht als Druckmittel eingesetzt werden, um meinungskonforme oder unkritische Haltungen gegenüber gesellschaftspolitischen Prozessen zu erzwingen.

Aus der Stellungnahme

Veröffentlicht wurde das Schreiben am Dienstag, unterzeichnet haben es neben Intendant Ralf Peter Schulze auch Generalmusikdirektor Raoul Grüneis, Schauspieldirektorin Annett Wöhlert, die Oberspielleiterin des Musiktheaters Judica Semler und Chordirektor Peter Kubisch. Gefordert wird darin, auch dass die sächsische Erklärung DIE VIELEN umgehend wieder auf der Homepage erscheint, weil sich das Haus zu den dort definierten demokratischen Werten bekenne.

"Unerhörter Vorgang"

Die Vorgänge in Freiberg sorgten über die Stadt hinaus für Aufsehen. Bautzens Theaterintendant Lutz Hillmann sprach von einem unerhörten Vorgang. Für das Programm eines Hauses sei der Intendant mit seinem Team zuständig. Es gelte die Freiheit der Kunst. Manche Dinge würden jetzt in Sachsen wohl aus Angst im Blick auf die kommende Landtagswahl gesagt. Doch das Herumlavieren zwischen den Haltungen bringe nichts. Man müsse klare Kante zeigen und sich als CDU auf das "C" im Namen besinnen. Dann könnten sich die Menschen auch zuordnen.

Ministerin Stange: Öffentliche Diskussionen mehr denn je notwendig

Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange kommentierte im Gespräch mit MDR KULTUR, Versuche zur Einschränkung in der Presse- und Meinungsfreiheit, aber auch in der Freiheit der Kunst ließen sich derzeit in vielen europäischen Nachbarländern, aber auch in Sachsen beobachten. Mehr denn je sei "notwendig, dass Diskussionen in öffentlichen Räumen stattfinden und nicht im Hinterzimmer".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Mai 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2019, 15:49 Uhr

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