Szenenbild: Fritzi in der Nikoleikirche
Die 12-jährige Fritzi gerät im Herbst '89 mitten in die Wendewirren. Bildrechte: Weltkino Filmverleih

Filmkritik "Fritzi" – dieser Film erklärt das Wendewunder

Das wurde auch Zeit: Mit "Fritzi – eine Wendewundergeschichte" erzählt endlich ein Zeichentrickfilm kindgerecht, wie die Friedliche Revolution verlief. Im Mittelpunkt steht ein 12-jähriges Mädchen aus Leipzig, dessen Freundin in den Westen ausreist. Der Film glänzt mit authentischen Dialogen und großartigen Animationen, zeichnet die DDR aber leider sehr einseititig.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theater- und Filmredakteur

Szenenbild: Fritzi in der Nikoleikirche
Die 12-jährige Fritzi gerät im Herbst '89 mitten in die Wendewirren. Bildrechte: Weltkino Filmverleih

Wie reicht man das Thema "Wende" an eine Generation weiter, die die DDR gar nicht mehr erlebt hat und sie nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, oder gar nur von Wahlplakaten a la "Vollende die Wende"? – Bei "Fritzi" haben sich die Produzenten für das Kinoformat entschieden, das generationsübergreifende Erlebnis also. Eine geradezu notwendige Aufgabe in dieser Zeit. Denn nach der Wende schwiegen viele Eltern und ließen ihre Kinder mit dem Geschehenen ziemlich allein, wie aktuell der Autor Johannes Nichelmann in seinem Buch "Nachwendekinder" treffend analysiert.

Wie war das damals?

Der Film "Fritzi" also will die Kinder nicht allein lassen. Die Handlung dreht sich um das gleichnamige 12-jährige Mädchen: Sie lebt mit ihrem kleinem Bruder und den Eltern in Leipzig. Ihre Freundin Sophie fährt in den Sommerferien mit der Mutter nach Ungarn, Sophies Hund Sputnik bleibt bei Fritzi. Dann ist der Sommer vorbei – und Sophie ist mit ihrer Mutter über Ungarn in den Westen geflohen. Das neue Schuljahr beginnt und Fritzi will den Hund zu Sophie in den Westen bringen, während einer Klassenfahrt im Harz.

Fritzi versucht, mit dem Hund über die Grenze zu kommen, wird aber von den Grenztruppen aufgegriffen. Staatssicherheit und Lehrerin schalten sich ein. Ein Schulausschlussverfahren beginnt. Auf der anderen Erzählflanke haben wir Bela, einen Schulfreund, dessen Vater zu den Friedensgebeten geht. Da gerät nun auch Fritzi hinein, und läuft schließlich am 9. Oktober in der Demo mit. Als Kind! Auch der kleine Bruder läuft mit, etwas, was meines Wissens so nicht passiert ist, weil es damals viel zu gefährlich war.

Dialoge machen das Geschehene nachfühlbar

Der Film endet mit der Maueröffnung. Fritzi fährt mit Eltern, Bruder und Hund zu einem Grenzübergang in den Harz. Sophie steht – großes Finale - auf der West-Seite des Grenzübergangs. Hund Sputnik rennt zu Sophie; die Mauer geht auf; und dann fallen sich Sophie und Fritzi in die Arme. Sophie konstatiert: "Fritzi, du hast die Grenze aufgemacht!" Das ist die Handlung, die ästhetisch sehr schön verpackt wird. Es gibt eine Filmmusik, die die Szene gut untermalt und gut klingt. Und auch die Dialoge sind gut geschrieben und gesprochen. Das animierte Leipzig von 1989 ist exakt beobachtet und es macht richtig Spaß, sich diese Bilder anzusehen.

Plakatives schwarz-weiß-Malen?

Der Film basiert auf dem Kinderbuch "Fritzi war dabei", das schon 2009 im Leipziger Klett Kinderbuchverlag erschienen ist, er löst sich aber teilweise stark von dieser Vorlage – und das ist für mich der wunde Punkt. Denn im Buch hat der DDR-Alltag mehr Raum. Die Eltern von Fritzi streiten etwa über die Frage, wie verantwortungslos es ist, die DDR Richtung Westen zu verlassen. Hier wird viel mehr differenziert. Im Film dagegen wurde die Grenzzaun-Episode im Harz komplett dazu erfunden, ebenso die Grenzöffnung in dieser Rührseligkeit. So ist der Film ziemlich einseitig unterwegs.

Das zeigt schon die Anfangsszene: Man sieht zunächst einen niedlichen Hasen am Grenzzaun; dann Grenztruppen im Trabi-Kübelwagen, der brutal ins Bild fährt, hinter einen Hügel. Dort hört man im Off: "Halt, stehen bleiben, oder ich schieße!" Und dann ohne Pause einen Schuss. Später im Film wird dieser Tote am Grenzzaun nochmal thematisiert. Auch die Lehrerin ist, anders als im Buch, unsympathisch und opportunistisch gezeichnet. Die Autorin des Buches, Hanna Schott, spricht deswegen auch von einer "Karikatur" im Film. Vater und Mutter von Fritzi haben als Figuren kaum einen Charakter und wirken wie Schablonen.

Buchcover: "Fritzi war dabei" 8 min
Bildrechte: Klett Kinderbuch Verlag

Zweite Meinung: Empfehlung vom Filmmagazin

Szenenbild: Blick über Lleipzigs Dächer 5 min
Bildrechte: Weltkino Filmverleih

"Fritzi – Eine Wendewundergeschichte" erinnert daran, was vor 30 Jahren friedlich erreicht wurde. Der Film bringt, bei allen derzeit herrschenden Misstönen, etwas von der Aufbruchsstimmung und Euphorie von damals zurück.

Sa 12.10.2019 00:05Uhr 05:14 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-sonstige/filmmagazin-fritzi100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Von oben herab

So erfährt man kaum etwas über die Menschen, die in der DDR ihr Leben gelebt und sich bemüht haben, Alltag, Familie und Beruf auf gute Art zusammenzukriegen. Stattdessen wird großer Wert auf Details gelegt, zum Beispiel darauf, dass DDR-Karten im Grenzgebiet falsch gezeichnet waren, weil man "den Weg aus der DDR raus nicht finden soll". Das sagt Bela, der Schulfreund, an einer Stelle dazu. Alles also ziemlich didaktisch aufbereitet, für meinen Geschmack auch von oben herab, da wird DDR auf den Überwachungsstaat reduziert, der den Menschen die Freiheit nimmt.

Viel Applaus bei der ersten Vorführung

Filmpremiere in der Nikolaikirche zu Leipzig. Mitwirkende des Filmes stehen vor einer Leinwand und präsentieren sich dem Publikum.
Die Filmpremiere fand in der Leipziger Nikolaikirche statt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei der Premiere, die am 7. Oktober in der Leipziger Nikolaikirche stattfand, kam der Film dennoch gut an; insofern muss ich meine Filmkritik hier auch wieder relativieren. Wahrscheinlich überzeugt er, weil er trotz der Einseitigkeit eben gut gemacht und auch spannend erzählt ist. Die animierten Bilder aus der Tagesschau, wie Genscher in Prag die Ausreise verkündet, die Demobilder vom Leipziger Ring – das ist beeindruckend gezeichnet und wirklich sehenswert. Buchautorin Hanna Schott sagt, dass ihr bei allen Veränderungen am Buch am wichtigsten sei, dass der Kinofilm von Kindern, Eltern, Großeltern gemeinsam gesehen und besprochen werde.

Hier bietet "Fritzi" tatsächlich die Gelegenheit, das große Schweigen der Eltern über die DDR, wie es der anfangs erwähnte Autor Johannes Nichelmann skizziert, zu durchbrechen. Vielleicht gerade deshalb, weil man sich über die einseitige Sicht im Film empört, und gegenhalten kann. Das wäre doch mal was!

Mehr zum Thema

DDR 1970: Warenhaus Centrum am Alexanderplatz in Berlin. 52 min
Bildrechte: IMAGO
Soziologe Prof. Raj Kollmorgen 39 min
Bildrechte: Pressefoto Hochschule Görlitz/Zittau

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Oktober 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 13:49 Uhr

Abonnieren