Kürbispflanze an einem Gestell vor Stadtkulisse
Fast 700 Urban Gardening-Projekte soll es in deutschen Städten schon geben. Bildrechte: dpa

Interview mit Renate Künast Gemeinsam Gärtnern in der Stadt – Mehr als ein Trend?

Schrebergärten und Laubenpieper gibt es schon lange. Seit knapp zehn Jahren wächst eine neue Gartenbewegung in den Städten – gemeinschaftlich wird gepflanzt und geerntet. Über 700 solcher Urban Gardening-Projekte soll es in Deutschland geben. Die Grünen-Politikerin Renate Künast hat eine Reihe davon bereist und daraus ein Buch gemacht: "Rein ins Grüne – Raus in die Stadt". Sie glaubt, mehr als einen Trend gesehen zu haben und ist überzeugt, dass das Gärtnern die Städte verändern wird.

Kürbispflanze an einem Gestell vor Stadtkulisse
Fast 700 Urban Gardening-Projekte soll es in deutschen Städten schon geben. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Gärtnern Sie eigentlich selbst?

Renate Künast: Ja, obwohl ich mich früher ein bisschen über meinen Vater lustig gemacht habe, damals in Recklinghausen. Er schien den Rosen immer beim Verduften zuzusehen.

Dann wurde ich ja auch noch Agrarministerin. Inzwischen sehe ich fasziniert, wie in den Städten immer mehr passiert: wie Gärten auf Brachen, auf zeitweise ungenutzten Grundstücken entstehen oder solidarische Landwirtschaftsprojekte, wo man selber auf dem Stückchen Land, das man gepachtet hat, hackt, sät und erntet. Da dachte ich, um das alles kennenzulernen, braucht man einen Reiseführer, der nicht die hippen Cafes einer Stadt, sondern solche grünen Orte vorstellt.

"Rein ins Grüne – Raus aus der Stadt", der Titel Ihres Buches bringt ja scheinbare Gegensätze zusammen: Grün und Stadt. Was leisten diese Garten-Projekte in dem Zusammenhang?

Neutopia in Halle/Neustadt
Neutopia in Halle/Neustadt Bildrechte: MDR / Luise Hentze

Zunächst mal tun Leute etwas gemeinschaftlich. Das schafft Nähe untereinander, aber auch eine andere Perspektive auf die eigene Nahrung. Inzwischen gibt es ja die Botschaft an die Landwirtschaft: Wir wollen anders essen, auch die krumme Möhre beispielsweise. Außerdem sind solche Projekte natürlich ein Beitrag zu einem besseren Klima in den oft überhitzten Städten, aber auch zur Artenvielfalt, die inzwischen ja dort inzwischen oft höher ist als auf dem Land.

In Ihrem Buch stellen Sie ein besonderes Projekt vor, nämlich Andernach im südlichen Rheinland-Pfalz als "Essbare Stadt". Wie kam das denn zustande?

Das war kurios, im Jahr der Biodiversität 2010 gingen viele öffentliche Gelder an die Kommunen mit der Bitte: Macht doch mal was zum Thema.

An der Stadtmauer von Andernach leuchten Gärten mit Stauden, Weinreben, Mandel- und Feigenbäumen, Salatköpfen, Zucchini und Zwiebeln.
Der 800 Quadratmeter große Nutzgarten in Andernach gehört der Stadt und ist offen für alle. Bildrechte: imago images / epd

In Andernach legten sie dann los, gegründet wurde ein gemeinnütziger Verein; Menschen, die langzeitarbeitslos waren, sollten sich einbringen können. Bald wurde an der Stadtmauer Gemüse angebaut, X Sorten Tomaten ausgepflanzt. Anfangs alles noch ohne eine Idee zu haben, was im Jahr darauf daraus werden soll. Aber die Begeisterung war groß und sie hielt an, mündete schließlich in die nächste Idee, nämlich Andernach zur "Essbaren Stadt" zu erklären. Und vor gut einem Jahr wurde die Kommune von der Europäischen Kommission beauftragt, am internationalen Netzwerk der "Essbaren Städte" mitzuwirken, zusammen mit Heidelberg, Rotterdam oder Havanna. Dort in der kubanischen Hauptstadt entwickelte sich die Gartenkultur wegen der vielen Versorgungsengpässe, die das Land immer wieder hatte.

Vandalismus ist kein Thema?

Davon hört man immer mal wieder. Aber weniger in dem Sinne, dass Anbauflächen zerstört würden, sondern eher deswegen, weil Gartengerät gestohlen wird. Aber insgesamt gesehen lösen diese Gemeinschaftsgarten-Projekte eher Begeisterung aus. So wie die "Gemüsewerft" in Bremen. Die ist nicht im Stadtteil entstanden, sondern aus einer gemeinnützigen GmbH, die sich um Menschen mit Behinderungen kümmert. Da wurden Hochbeete aufgestellt, gerade auch noch ein großes Grundstück an der Weser gekauft. So ein Projekt bringt einerseits interessante Jobs, die Leute wiederum können dort samstags ihr Gemüse selber ernten und kaufen. Dort gibt es Sommerkino und Yoga-Kurse. Die ganze Stadt diskutiert darüber. Das was einst mit den Schreber-Gärten zur Eigenversorgung in den großen Städten angefangen hat, kommt auf eine ganz neue Art zurück.

Sie halten das also nicht für eine Modeerscheinung, sondern relevant für die Zukunft unserer Städte?

Beete im Stadtgarten Strieskanne in Dresden
Stadtgarten Strieskanne in Dresden Bildrechte: MDR / Grit Krause

Das ist nicht nur ein Trend, sondern wird die Städte insgesamt verändern. Zur Erhaltung der Biodiversität, auch wegen der heißeren Sommer denken viele Städte über solche Projekte in der Grünflächenplanung nach. Unter einem alten Baum ist es nun mal um bis zu zwei Grad kühler. Die Überlegungen reichen bis dahin, Autobahnen stellenweise zu übertunneln, um darauf Gemeischaftsgärten zu setzen wie in Hamburg, etwa wenn die alte Kleingartensiedlung dem Wohnungsbau weichen soll, da braucht es ja Ersatzflächen. Also abgesehen von Fragen des Genusses und der Erholung werden die Städte angesichts des Klimawandels künftig viel mehr Grün bieten müssen, um nicht zu überhitzen.

Ihr Buch versteht sich als Reiseführer. Wenn ich mich jetzt inspirieren lasse und in Erfurt beispielsweise den Stadtnaturgarten DIE LAGUNE oder in Nürnberg oder in Köln CarlsGarten ansteuere, bin ich da als Besucher überhaupt willkommen, kann ich da was verkosten oder kaufen?

Bei den allermeisten können Sie das. Im Frühjahr gibt es vielerorts einen Jungpflanzen-Verkauf und natürlich Veranstaltungen, wo informiert wird über Bienen oder den richtigen Humus.

Die ANNALINDE in Leipzig beispielsweise, einer meiner Lieblingsgärten, da kommen die Leute auch von weiter her, weil sie wissen, da haben sie alte Pflanzensorten, die hat jemand für mich schon mal vorgezogen.

Das Gespräch führte Annette Militz, MDR KULTUR.

Angaben zum Buch Renate Künast / Victoria Wegner
"Rein ins Grüne – Raus in die Stadt"
Callwey Verlag, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7667-2409-0
29,95 Euro

Eine Reise durch urbane Gärten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit Tipps und Empfehlungen für einzelne Regionen. Mit thematischen Specials zu Saatgut, Bienen oder gesunden Böden.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juli 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren