Girl in Red bei einem Auftritt
Girl in Red beim The 2019 Great Escape Festival in Brighton Bildrechte: imago images / PA Images

"Bedroom Pop" der Generation Z Homerecordings statt Labelvertrag - So werden heute Pop-Stars gemacht

Musik, die im Radio so gut wie nicht stattfindet, aber Millionen Fans im Internet hat: Sie kommt von Musikern und Musikerinnen wie Clairo, Beabadoobee, Khai Dreams, Girl in Red oder Oohyo. Ihre Home Recordings, also Aufnahmen Marke Eigenbau, bringen eine neue Authentizität in den aktuellen Pop. Sky Nonhoff über eine Generation, die jenseits des üblichen Markts erwachsen wird und längst ihre eigene Stimme gefunden hat.

Girl in Red bei einem Auftritt
Girl in Red beim The 2019 Great Escape Festival in Brighton Bildrechte: imago images / PA Images

"Heute ist Samstag, der 15. September, und ich fliege gleich nach Dublin, da trete ich vor Clairo auf, und morgen geht's weiter nach Paris, voll der Wahnsinn … In einer halben Stunde muss ich los, und ich habe noch nicht mal gepackt, oh, Mann, das ist mal wieder echt Stress, aber so ist das Leben."

Gestatten, Marie Ulven. Norwegerin, 19 Jahre alt, lesbisch und unter dem Namen Girl in Red Urheberin der nicht mehr ganz so geheimen Hymne aller Mädchen, die geschlechtlich unter sich bleiben wollen. In "I Wanna Be Your Girlfriend" singt sie den schönen Refrain, "Ich will nicht deine Freundin sein, ich will dich auf den Mund küssen, bis ich keine Luft mehr bekomme".

Lo-Fi-Sound und Do-It-Yourself-Ästhetik

Girl in Red gehört zu den Speerspitzen eines neuen, viralen Pop-Phänomens, das Sehnsucht und Teenage-Angst, Unordnung und frühem Leid frappierenden Ausdruck verleiht. Etwa in Person der 20-jährigen Claire Cottrill aus Massachusetts alias Clairo, die es mit der vor anderthalb Jahren aufgenommenen, minimalistischen Elektro-Nummer "Pretty Girl" mittlerweile auf über 32 Millionen YouTube-Aufrufe bringt. Im Video präsentiert sich eine junge Frau, die Trotz und wissende Coolness auf unwiderstehliche Art und Weise miteinander verbindet, in einem Selbstbewusstsein, dessen sanft-ironischen Umgang mit dem üblichen Herzschmerz man auch als Wusst-ich-sowieso-Ohrfeige für den häufig so verbissen daherkommenden Neofeminismus verstehen kann.

In solchen Songs bündelt sich der womöglich jüngste Underground, den der Pop je hervorgebracht hat, ein Lo-Fi-Sound, dessen Garagen, Übungsräume und Studios sich im Internet befinden und der über Plattformen wie SoundCloud, YouTube und Spotify verbreitet wird. Diese Do-It-Yourself-Ästhetik nennt sich Bedroom Pop, und Schlafzimmer ist hier übrigens nicht gemeint; der Bedroom ist nichts weiter als das Jugendzimmer, in dem sich über den Willen zur Melodie und ein paar Freeware-Programme der Sound der sogenannten Generation Z manifestiert.

"Hier sitze ich und heul in meinem Prom-Kleid"


Wie er klingt? Ein bisschen nach Elternbands wie Galaxie 500 oder Mazzy Star, nach Träumerei, Selbsttherapie und Fuck-You-All, eben jenen Komponenten, die den Nukleus noch jeder denkenden Generation ausgemacht haben. Im Song "Prom Dress" der 18-jährigen Mxmtoom heißt es: "Hier sitze ich und heul in meinem Prom-Kleid, ging’s nur ums Heulen, wäre ich heut Prom Queen."

Akt der Emanzipation: "Am Ende wird alles Gucci"

Die englisch-philippinische Songwriterin Beabadoobee, ebenfalls gerade 18 geworden, hat den Kern ihres melancholischen Neo-Folks so beschrieben: "Ich möchte, dass meine Hörer wissen, dass am Ende alles Gucci wird. Ja, es ist gerade so richtig scheiße, aber das wird schon wieder."

Für Beabadoobe und die anderen Galionsfiguren des Bedroom-Pop gilt, was der britische Label-Betreiber Jamie Oborne über sie gesagt hat:

Die Industrie hat den Pop zu Tode gestylt.

Jamie Oborne, Label-Betreiber

Und weiter meint er: "Bea wird nicht sexualisiert, sie schwätzt nicht ununterbrochen Bullshit, sie sondert einfach keinen musikalischen Dreck ab."

Man darf das als Akt der Emanzipation betrachten, oder auch als eine Form des inneren Exils. Denn genau darum geht es, wenn man die Tür seines Zimmers hinter sich zuschlägt, und vielleicht hat das noch keine Generation so demonstrativ leise hinbekommen: das Private wieder politisch zu machen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Mai 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2019, 13:20 Uhr

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