Opa liest Enkelkindern eine Geschichte vor.
Ein Opa-Wochenende statt materieller Geschenke: Gerald Hüther plädiert dafür, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Bildrechte: imago images / Westend61

Interview mit dem Neurobiologen Geschenke für Kinder: Neurobiologe Hüther plädiert für ein Umdenken

Weihnachten steht vor der Tür und viele Eltern sind auf der Suche nach Geschenken. Der Neurobiologe Gerald Hüther allerdings appelliert im Interview mit MDR KULTUR an sie, umzudenken: Gemeinsame Erlebnisse seien viel wichtiger als die neuesten Puppen, Spielzeugautos oder Steckbausteine.

Opa liest Enkelkindern eine Geschichte vor.
Ein Opa-Wochenende statt materieller Geschenke: Gerald Hüther plädiert dafür, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Bildrechte: imago images / Westend61

MDR KULTUR: Herr Hüther, warum machen wir Kindern Geschenke?

Gerald Hüther: Wir machen gerne Geschenke, weil Kinder sich dann freuen: Sie bekommen leuchtende Augen, umarmen uns. Aber wenn ich jetzt ganz ehrlich bin – in Wirklichkeit machen wir uns doch vor allem selber ein Geschenk. Ob die Freude des Kindes letzten Endes auch etwas Gutes für das Kind ist, ist die interessante Frage.

Was war denn Ihr tollstes Geschenk, als Sie Kind waren?

Der Neurobiologe Gerald Hüther spricht auf einer Veranstaltung der Neuen Schule Hamburg.
Der Neurobiologe Gerald Hüther Bildrechte: dpa

Das habe ich mich beim Schreiben des Buches (Anm. d. Red: "Was schenken wir unseren Kindern?", siehe unten) auch gefragt! Das sind keine materiellen Sachen, also eine Eisenbahn oder ein Feuerwehrauto. Das habe ich alles vergessen. Wirklich hängen geblieben sind Momente der Begegnung mit wichtigen Erwachsenen: mit den Eltern, dem Opa oder dem Onkel. Eine der schönsten Geschichten, die ich bis heute als Geschenk empfinde, ist, als mein Onkel mir mal sagte – "Gerald, ich zeige dir jetzt, wie man Feuer macht!" Das fand ich unglaublich, ich war ja erst drei oder vier Jahre alt!

Wir sind also raus auf die Wiese, er zeigte mir, dass man einen Steinkranz legen, Holz und Brennmaterial suchen und alles zurechtlegen muss. Dann ist er noch losgegangen und hat einen Eimer Wasser geholt, für den Fall dass es ein Unglück gibt und wir löschen müssen. Und danach hat er mich das Feuer anzünden lassen. Seit dieser Zeit habe ich nie wieder Angst vor Feuer gehabt: Ich weiß, wie man damit umgeht und glaube, ich wäre damals sehr übel gelaunt gewesen, wenn man mir eine Laterne mit einer elektrischen Birne drin gegeben hätte.

Aber Geschenke sind ja auch oft gebunden an ganz konkrete Ereignisse. Also zum Beispiel an Weihnachten. Da erwarten doch Kinder auch etwas Greifbares, oder?

Ja, aber auch hier muss man wieder fragen: Geht es jetzt um das Geschenk oder geht es nur darum, dass man eine allgemeine Erwartung erfüllt? Was ich meinen Enkelkindern in der letzten Zeit immer lieber schenke, ist ein Wochenende mit Opa. Meistens gehen wir dann zelten. Das Großartigste in diesem Jahr war ein Ausflug zu Bächen in Österreich, wo man Gold waschen kann.

Ist es also etwas Schlechtes, wenn wir Kindern materielle Dinge schenken?

Es besteht einfach die Gefahr, dass wir Kinder auf eine Konsumgesellschaft vorbereiten. Wir haben schon jetzt so unendlich viele Erwartungen. Und wenn wir dann in den Kindern ständig noch die Erwartung wecken, dass zum Geburtstag oder zu Weihnachten immer größere Geschenke angeschleppt werden, dann gibt es in den Kindern selbst keine richtige Bremse mehr: Eine Bremse, die ihnen hilft, für sich selbst zu beschließen, dass die Anschaffung von materiellen Gütern nicht das ist, worauf es wirklich im Leben ankommt.

Vielmehr wird Tür und Tor geöffnet für eine Art Einstellung – je mehr ich habe, umso besser. Dann wird auch noch verglichen mit dem Nachbarkind oder dem Schulkameraden, ob der denn ein gleichgroßes oder gar größeres Geschenk bekommen hat. Und dann sind diese Kinder durch unser Zutun in der Konsum- und Wettbewerbsgesellschaft angekommen.

Sind denn wirklich alle Kinder so simpel verführbar?

Nein, es gibt Kinder, die sind überhaupt nicht durch Geschenke verführbar. Auch das ist interessant: dass man sich mal fragt, welche Kinder eigentlich besonders verführbar sind. Es sind immer welche, die vielleicht im Leben und zuhause oder in ihrem Umfeld nicht das gefunden haben, was sie eigentlich gesucht haben. Es sind ja eigentlich nur zwei Dinge, die so ein Kind braucht: Das eine ist ein tiefes Gefühl von Verbundenheit, und das zweite ist, dass in dieser Verbundenheit von innen gespürt wird, dass das Kind sich entfalten kann. Diese beiden Grundbedürfnisse sollten gestillt sein.

Viele der Geschenke sind ja auch regelrecht begrenzend. Man kann mit ihnen nicht viel machen, sondern sie nur so zusammenstecken, wie es vorgesehen ist. Da lernen Kinder sozusagen, nach vorgefertigten Programmen ihre Fantasie abzutöten. Das kann doch auch nicht im Interesse der Eltern sein! Und deshalb: Ja, es kann sein, dass es viel schöner ist, wenn ein Kind in den Wald geht und mit Blättern und Ästen irgendetwas baut, als dass es irgendein pädagogisch wertvolles Spielzeug geschenkt bekommt.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Gerald Hüther & André Stern: Was schenken wir unseren Kindern?
Bildrechte: Penguin Verlag

Informationen zum Buch Gerald Hüther & André Stern: Was schenken wir unseren Kindern? - Eine Entscheidungshilfe

Penguin Verlag
Hardcover, Pappband, 80 Seiten
ISBN: 978-3-328-60119-7

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Dezember 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2019, 16:09 Uhr