Geschichtsstunde in der Erfurter Andreasstraße Was tun, wenn Schüler Honecker mit Hitler verwechseln?

Was tun, wenn Schüler heute schon Honecker mit Hitler verwechseln? Jochen Voit gilt als einer der innovativsten Geschichtsvermittler. Seit 2014 leitet er die Gedenk- und Bildungsstätte in der Erfurter Andreasstraße, dort wo zu DDR-Zeiten politische Häftlinge im Stasi-Knast einsaßen. Er erklärt, wie entrümpelte Stundenpläne, Schule außerhalb des Klassenzimmers und moderne Medien helfen können, nicht nur ein Bild von der Vergangenheit, sondern auch ein Demokratieverständnis zu vermitteln.

MDR KULTUR: Gedenkstätten stehen ja dieser Tage vor neuen pädagogischen und didaktischen Herausforderungen. Wie viel oder wie wenig kann man bei der heutigen Schülergeneration denn an Wissen über die DDR voraussetzen?

Jochen Voit, Leiter der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße: Das ist ganz unterschiedlich. Sie selbst haben keinerlei biografische Erfahrungen mehr mit der DDR. Sie haben was gehört über die Familie oder Freunde, haben vielleicht Filme gesehen. Aber eigentlich sind sie recht offen und vorurteilsfrei, und das ist erst mal gut. Da können wir ansetzen, ihnen was zeigen, sie in die Lage versetzen, sich selbst ein Urteil zu bilden. Das ist unser Ziel.

Eingangstor des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in der Andreasstraße. Im "Türguck" des Eingangstores liegen Blumen zum Gedenken an die Opfer.
Eingangstor des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in der Andreasstraße Bildrechte: Volker Bäumer

Es bringt nichts, zu beklagen, dass sie nicht wissen, wann Erich Honecker Generalsekretär wurde. Was schon blöd ist, wenn sie Honecker nicht von Adolf Hitler unterscheiden können. Das hatte ich auch schon. Ich habe früher für das DDR-Museum in Berlin gearbeitet und da junge Leute auch mal gefragt: Weiß jemand, was FDJ bedeutet. Und dann meldete sich einer und sagte: "Ja, ich glaub', Faschistische Deutsche Jugend." Das sind ja die Momente, auf die Sie vielleicht anspielen. Da zweifelt man so ein bisschen. Nicht grundsätzlich an der Arbeit, die in den Schulen gemacht wird. Aber tatsächlich kommen manche Lehrer nicht so weit, wie sie wollten. Aus meiner Sicht muss die DDR im Schulunterricht vorkommen. Die Schülerinnen und Schüler kommen neugierig zu uns. Und wenn's gut läuft auch mit kleinem Vorwissen.

Wenn Sie sagen, manche Lehrer kommen nicht so weit im Geschichtsunterricht und dann fällt die DDR hinten runter .... Ist das nicht im Grunde weniger ein Problem der Lehrer als des Lehrplans?

Mit Sicherheit, der ist proppevoll. Das erlebe ich auch als Vater, dass meine Kinder wahnsinnig viel Stoff pauken müssen. In allen Fächern übrigens. Aber in der Geschichte gibt es einfach Momente, Phasen und Erzählungen, die es einfach wert sind, immer wieder hervorgeholt und neu vermittelt zu werden. Ich spreche da von Wendepunkten nicht nur in der deutschen, sondern auch der europäischen Geschichte und auch über Europa hinaus. Da wäre es gut, mal zu gucken, ob wir wirklich so viel Kaiser- und Herrschergeschichte brauchen oder so viel Rom und Griechenland, wenn dafür die Demokratiegeschichte zu kurz kommt.

Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, Sie wollen in der Andreasstraße nicht nur ein Bild von der Vergangenheit vermitteln, sondern auch praktisches Demokratieverständnis anregen. Wie ist das möglich an so einem Ort? Was unterscheidet Ihre Arbeit dann von der in Schulen?

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (l-r, Die Linke) besichtigt am 20.10.2015 in Erfurt (Thüringen) mit Gedenkstättenleiter Jochen Voit den Zellentrakt in der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße.
Gedenkstättenleiter Jochen Voit mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow in einem Zellentrakt Bildrechte: dpa

Da ist das Stichwort: Lernen am anderen Ort. Natürlich lernst du viel lieber und motivierter außerhalb der üblichen vier Wände des Klassenzimmers. Die Gedenkstätte Andreasstraße eignet sich ganz gut, um zu vermitteln, wie Unterdrückung funktioniert. Überhaupt erst mal zu erfahren: Ach, hier in der Andreasstraße war mal ein Knast, ein Stasi-Knast? Und 5.000 bis 6.000 Menschen waren hier aus politischen Gründen eingesperrt?

Da kann man ansetzen und erzählen, wie das losging nach dem Zweiten Weltkrieg, dass da Menschen ab 1952 inhaftiert wurden, weil sie nicht einverstanden waren mit der SED-Politik oder weil sie einfach raus wollten und sich sogar eine Waffe besorgt haben, um sich aus dem Land herauszuschießen. Auch das gab es natürlich, dass Menschen, wie wir heute sagen würden, was Kriminelles gemacht haben.

Zu erzählen, wie Menschen in Widerspruch zu dieser SED-Diktatur gerieten, das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere handelt von der Überwindung der Diktatur, als im Jahr 89 Menschen hier die Geheimpolizei der DDR und auch gleich noch die dazugehörige Haftanstalt besetzten. Das ist ja wohl ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Und wann ist das in der Weltgeschichte eigentlich schon mal passiert, das auch diese Geheimpolizei dann stillgehalten hat. Das war so am 4. Dezember 1989 in Erfurt. Das ist in Thüringen aber vielleicht gar nicht mehr so vielen Menschen bewusst.

Sie waren am Aufbau dieser Gedenkstätte beteiligt, wurden 2014 Leiter, Sie kamen also nicht, als alles schon fertig war. War das ein entscheidender Vorteil?

Wir in der Stiftung Ettersberg begannen 2012 zu überlegen, wie eine publikumsorientierte Gedenkstätte aussehen könnte. Das heißt, ein modernes zeitgeschichtliches Museum am historischen Ort mit einer Dauerausstellung, die heißt heute: "Haft, Diktatur, Revolution". Wir haben die Geschichten dafür selbst recherchiert.

Zu fragen, welches Wissen an die nachfolgenden Generationen vermittelt werden soll, ist ja eigentlich schon falsch. Wir gehen ja nicht nach Lehrbuch vor, sondern schauen: Welche Geschichten sind denn da, die wir erzählen wollen? Das haben wir auch ein bisschen aus den Augen verloren, dass es durch die deutsche Einheit möglich wurde, neue Geschichten zu erzählen, die weder im Westen noch im Osten bislang eine Rolle gespielt haben. Man darf nicht vergessen: Im Westen gab es einen heftigen Antikommunismus und im Osten natürlich einen Antikapitalismus. Beides ließ bestimmte Erzählungen einfach gar nicht zu.

Backsteingebäude - Andreasstraße in Erfurt
Vorgeschichte in der NS-Zeit Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Ich denke an die fünf Jungs, die als Fünfzehnjährige hier in der Nazi-Zeit eingesperrt wurden, weil sie Flugblätter gegen Hitler hergestellt hatten: "Nieder mit Hitler, Schluss mit dem Krieg." Anlass für sie war, dass der Bruder ihres Freundes Jochen in Stalingrad gefallen war. Sie haben Flugblätter aus der Straßenbahn geschmissen, auf dem Domplatz in Erfurt. Aber das hat in der DDR überhaupt keine Würdigung erfahren, denn das war eben kein kommunistischer Widerstand, kein Widerstand aus der verbotenen KPD heraus, sondern aus der Mitte der Gesellschaft.

Der eine Jungen war aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, der andere aus einem konservativ-katholischen Milieu. Einer hatte sogar einen Nazi-Vater, der bei der SA war. Ein anderer hatte ein großbürgerliches Elternhaus, der Fünfte kam aus einer Kaufmanns-Familie. Dieser diverse gesellschaftliche Hintergrund war zu komplex für die SED. Da wurden Leute in Ehren gehalten wie Theodor Neubauer, der auch eine sehr spannende und großartige Figur des Widerstands ist. Wir haben diese Geschichte dann in Form eines Films, in Form eines Comics erzählt.

Würden Sie sagen, das sind so die neuen Lehrmittel - Film, Comics, Graphic Novels?

Ja, du kannst nicht mehr erzählen wie noch vor 50 Jahren. Du musst Formate finden, die Spaß machen und auch junge Leute erreichen. Wir machen jedes Jahr in den Oster-, Sommer- und Herbstferien Stop Motion- und Comic-Workshops, wo junge Leute sich ausprobieren können und ihre Geschichten finden. Es geht immer auch um die Anknüpfungspunkte heute. Nächstes Jahr drehen sich die Workshops zum Beispiel um den Umweltschutz. Wir schauen, was waren in den 80er-Jahren der DDR so Anlässe, warum Leute sich aufgeregt und protestiert haben gegen Umweltverschmutzung. Wir fragen: Was sind heute Anlässe für Jugendliche, auf die Straße zu gehen?

Demokratie und Umwelt, das sind alles Themen, die nicht erst seit gestern auf der Straße liegen. Aber jede Zeit hat ihre eigenen Protestformen, ihre eigene Ausdrucksweise. Das muss uns interessieren, da dürfen wir nicht gleichgültig sein. Die Workshops bieten den Raum, auch mal mit popkulturellen Formaten zu arbeiten. Wir versuchen da anzuknüpfen, wo die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ist. Insofern ist es gut, die selber zu fragen: Was ist euer Interesse?

Apropos anknüpfen, knüpfen Sie auch dort an, wo die politische Bildung in der Schule noch nicht ausreicht, haben Sie Empfehlungen, wo die politische Bildung hinmuss?

Ich werde den Teufel tun, der Schule zu sagen, wo es lang geht. Es gibt ganz tolle Lehrkräfte, die schon auf dem Schirm haben, dass bei uns in der Andreasstraße Geschichten erzählt werden, die auch ihre Schüler erreichen, die also zu uns kommen. Das ist toll, wenn man bedenkt, dass wir mit 16.000, 17.000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr angefangen haben und dass wir inzwischen bei 30.000 angekommen sind. Also, das wird jedes Jahr mehr. Es spricht sich langsam herum, dass die Andreasstraße eine Gedenkstätte ist wie keine andere.

Das Gespräch führte Stefan Maelck, MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2019, 12:25 Uhr

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