Lydia Benecke, Kriminalpsychologin und Autorin
Die Kriminalpsychologin und Autorin Lydia Benecke Bildrechte: IMAGO

Kriminalpsychologie Wie Frauen zu Gewaltverbrecherinnen werden

Gewaltverbrechen werden meist von Männern verübt. Doch es gibt auch weibliche Täterinnen. Ihre Motive und Strategien unterscheiden sich dabei deutlich von denen der männlichen Gewalttäter. Dabei machen sie sich Rollen-Klischees unbewusst zunutze, wie die Kriminalpsychologin und Autorin Lydia Benecke erklärt.

Lydia Benecke, Kriminalpsychologin und Autorin
Die Kriminalpsychologin und Autorin Lydia Benecke Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Dass wir heute über dieses Thema sprechen, heißt nicht, dass es neu ist. Das heißt eher, früher wurden Frauen als Täterinnen vielleicht nicht so wahrgenommen oder es wurde einfach nicht darüber gesprochen. Warum ist das so?

Lydia Benecke: Dafür gibt es natürlich viele Gründe. Einerseits kann man nicht in Abrede stellen, dass gerade bei Gewalt- und Sexualverbrechen die überwiegende Mehrzahl der Täter männlich ist. Das ist sicherlich ein Aspekt, warum man die selteneren Täter, die dann weiblich sind und die dann in den Statistiken auch eher selten auffallen, dass man die vielleicht nicht so im Fokus hatte.

Aber ein weiterer Grund ist natürlich auch: Es gibt gewissen Rollen-Klischees, die Menschen häufig im Kopf haben, und bei Frauen hat man eher Rollen-Klischees wie hilfsbereit, mütterlich, aber auch schwach, und bei Männern eher dominant, aggressiv, gewalttätig. Und diese Rollen-Klischees spielen auch eine Rolle bei der Wahrnehmung von Gewalt, auch zwischenmenschlicher Gewalt, Gewalt in Familien.

Also beides – sowohl die objektiven Zahlen, die man nicht in Abrede stellen sollte, als auch die Rollen-Klischees spielen eine Rolle dabei, dass Männer selten als Opfer von Gewalt überhaupt wahrgenommen werden.

Warum tun wir uns so schwer mit der Realität, warum haben wir Schwierigkeiten, Frauen stärker als Täterinnen auch wahrzunehmen – oder reden wir uns das nur ein, und Sie als Expertin haben da einen ganz anderen Stand?

Ich habe mich spezifisch mit dem Phänomen Psychopathie beschäftigt, was ein ganz spezielles Gebiet ist. Natürlich werden die meisten Straftaten nicht von sehr psychopathischen Menschen begangen. Das kann man nicht verallgemeinern.

Frauen (...) sind sehr viel geschickter darin, emotionale Gewaltformen (...) sehr gezielt einzusetzen.

Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Aber in diesem Phänomenbereich von Tätern, die sehr persönlichkeitsauffällig sind und ihr Leben lang andere auf verschiedenen Ebenen schädigen, da gibt es Untersuchungsergebnisse, wie weibliche Menschen mit einem hohen Psychopathie-Wert sich von männlichen unterscheiden, und das ist glaub ich schon ein bisschen symptomatisch für dieses Phänomen, auch wie die Gesellschaft mit Männern und Frauen umgeht: Die weiblichen Betroffenen von hohen Psychopathie-Werten, die dann in Gefängnis-Stichproben untersucht wurden, also wirklich auch mit Straftaten aufgefallen sind, die haben sehr viel häufiger die Klischees sich zunutze gemacht.

Die haben zum Beispiel gerne sich als sehr hilfsbereit dargestellt, auch gerne sich angeboten als Babysitter oder als Altenpfleger, also auch gezielt Hilfstätigkeiten genutzt, um das Bild, das Menschen gerne von Frauen haben, auch für sich einzusetzen, und damit von ihren zum Beispiel kriminellen Aktivitäten ganz gezielt abzulenken. Und ein anderes Klischee war auch das Hilflose. Also sich im Zweifelsfall als Opfer darstellen.

Weibliche Straftäterinnen machen sich Rollen-Klischees unbewusst zunutze

Zum Beispiel haben die weiblichen Personen häufiger sich Geld durch Betrug erschlichen, indem sie sich als hilflos darstellten im Verhältnis zu männlichen Personen mit einem hohen Psychopathie-Wert in Gefängnisstichproben, die häufiger Dominanz und körperliche Gewalt eingesetzt haben, um sich zum Beispiel zu bereichern. Man sieht also, dass selbst bei diesen besonderen Straftätern, dass die sich ganz automatisch die jeweiligen Rollen-Klischees zunutze machen.

In der Fachliteratur wird zum Beispiel diskutiert, dass die weiblichen Menschen mit einem hohen Psychopathie-Wert das nicht unbedingt reflektieren, warum sie sich so verhalten, sondern das ist eine learning-by-doing-Sache. Das heißt, die lernen schon als junge Frauen, dass es zielführender für sie ist, Beziehungen zu nutzen und auch eben sich mit diesen Rollen-Klischees sozusagen auf eine bestimmte Art zu verhalten. Und dass es für sie weniger zielführend ist, die Strategien ihrer männlichen Pendants anzuwenden.

Jetzt wäre die Frage, ob die Betroffenen sich anders verhalten würden, wenn unsere Gesellschaft komplett andere Rollenbilder hätte. Und bei körperlicher Gewalt ist das Problem, wenn Frauen körperlich gewalttätig werden, dass sie dann häufiger zum Beispiel gegenüber unterlegenen Personen – wie Personen, die sie pflegen, Kinder, aber auch ältere Menschen – dann eher gewalttätig werden und das auch sehr lange tarnen können, im Zuge ihrer pflegerischen Tätigkeit gegenüber Personen. Da wissen wir die Dunkelziffer nicht.

Wo wir bei den Formen von Gewalt sind, die Frauen gegen Männer einsetzen: Mein Eindruck ist, das sind andere Formen als die Formen von Gewalt, die Männer gegen Frauen einsetzen. Täusche ich mich da, oder ist da was dran?

Ja, das ist auch in verschiedenen Untersuchungen immer wieder Thema. Dass Frauen sehr viel stärker emotionale Gewalt einsetzen, und emotionale Gewalt lässt sich ja viel schwieriger erfassen als körperliche oder sexuelle Gewalt auf den ersten Blick. Und das sind Strategien, die werden immer wieder in der Literatur diskutiert, wie eben bewusst Informationen von Leuten zu bekommen, indem man sich ihr Vertrauen erschleicht.

Und diese Frauen nutzen dann diese Informationen, um die Person zu erpressen oder auch, um ganz klar zu sagen: wenn nicht dies oder jenes, dann werde ich deinen Ruf ruinieren und werde dies und jenes tun. Diese emotionalen Gewaltformen, die sind viel subtiler, die sind auch nicht immer strafbar, häufig sind sie gar nicht strafbar. Die werden also von Statistiken auch gar nicht erfasst.

Natürlich ist körperliche Gewalt ein ganz anderes Level, aber körperliche Gewalt ist auch objektiver feststellbar. Wenn Sie ins Krankenhaus gehen, können Sie häufig körperliche Gewalt dokumentieren. Emotionale Gewalt ist sehr viel schwerer zu dokumentieren. Und Frauen, auch die vielen Straftäter-Populationen, die man untersucht, sind sehr viel geschickter darin, diese emotionalen Gewaltformen, die Manipulation, die Erpressung, das Erschleichen von Vertrauen und Hilfsbereitschaft, diese Dinge sehr gezielt einzusetzen.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderator Stefan Maelck.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2018, 07:54 Uhr

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