Prof. Jürgen Wolf
Jürgen Wolf forscht zur sozialen und politischen Partizipation von älteren Menschen. Bildrechte: Hochschule Magdeburg-Stendal

Interview mit Prof. Jürgen Wolf Wie können wir glücklich alt werden?

Statistisch gesehen werden viele von uns wohl über 80 Jahre alt werden, unsere Kinder und Enkel irgendwann die 90 überschreiten. Doch was braucht es auf individueller und gesellschaftlicher Ebene, damit wir diese lange Lebenszeit zufrieden verbringen? MDR KULTUR hat nachgefragt bei Prof. Jürgen Wolf, Alternswissenschaftler an der Hochschule Magdeburg-Stendal und zudem im Demografie-Beirat des Landes Sachsen-Anhalt.

Prof. Jürgen Wolf
Jürgen Wolf forscht zur sozialen und politischen Partizipation von älteren Menschen. Bildrechte: Hochschule Magdeburg-Stendal

MDR KULTUR: Herr Wolf, ab wann sind wir eigentlich alt? Gibt es einen bestimmten Zeitpunkt, oder ist das ein individueller Prozess?

Jürgen Wolf: Wenn man eines in der Altersforschung gelernt hat, dann ist es Diversität, denn Menschen unterscheiden sich beim Älterwerden sehr voneinander. Wir haben viele fitte Alte, die sich beispielsweise mit 72 Jahren noch gar nicht als alt beschreiben würden. Dementsprechend müssen sich Alten-Treffs derzeit auch etwas überlegen, wenn sie Leute anziehen wollen: Immer nur Kaffee und Kuchen anbieten oder einen Vortrag, das reicht nicht mehr. Die Ansprüche sind größer geworden.

Prof. Jürgen Wolf 27 min
Bildrechte: Hochschule Magdeburg-Stendal

MDR KULTUR - Das Radio Di 08.10.2019 18:05Uhr 26:46 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/audio-interview-juergen-wolf-altern100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Wie glücklich ist denn die heutige ältere Generation?

Opa liest Enkelkindern eine Geschichte vor.
Mit sich im Reinen: Viele Menschen werden im Alter zufriedener. Bildrechte: imago images / Westend61

Wir sollten hier eher über Zufriedenheit sprechen, denn das kann man eher messen. Im Laufe eines Lebens gibt es hier Veränderungen im Lebenslauf, das sogenannte Zufriedenheitsparadox: Junge Menschen sind zunächst ziemlich zufrieden, dann sinkt das ab. Zu viele Aufgaben kommen, vielleicht klappt‘s im Job nicht so richtig, oder die Kinder quengeln. Mit zunehmendem Alter steigt die Zufriedenheit aber wieder an. Hier weiß die Forschung noch gar nicht, woran das liegt. Die plausibelste Erklärung für mich ist, dass man die eigenen Maßstäbe zurecht rückt: Man setzt nicht mehr zu hohe Maßstäbe an, pendelt sich ein im eigenen Leben. Im sehr hohen Lebensalter sinkt die Zufriedenheit aber wieder.

Hängt das mit der Angst vorm Tod zusammen?

Selbstverständlich denkt man im Alter darüber nach, spätestens bei einem Krankenhausaufenthalt. Man sieht es im Bekanntenkreis, Freunde, Nachbarn, Ehepartner versterben. Der Tod wird sehr viel mehr zur Normalität. Aber insgesamt steht der Alltag im Vordergrund, ältere Menschen denken nicht jeden Tag über den Tod nach.

Wann sollten wir denn die Weichen dafür stellen, zufrieden zu altern? Also beispielsweise Sport zu treiben, oder ausreichend Geld in die finanzielle Absicherung zu stecken?

Rentner im Wasser
Sport treiben und in Gemeinschaft sein – eine gute Kombination. Bildrechte: colourbox.com

Natürlich wäre es albern, als Jugendlicher ans Altern zu denken. Aber grundsätzlich kann man nicht früh genug damit anfangen. Es geht um genau solche Sachen wie Sport treiben, denn mit der Gesundheit steht und fällt schon sehr viel.

Aber – das zufriedene Altern ist auch sehr stark abhängig von der sozialen Eingebundenheit. Man kann noch so gesund sein, wenn man immer nur einsam isst und sein Bofrost-Menü auftaut, dann hat das nicht die gleichen Effekte, wie wenn man in Gesellschaft isst. Wo man sich anerkannt und wahrgenommen fühlt. Das ist eigentlich das Geheimnis: dass man in sozialen Beziehungen lebt.

Wenn man allein lebt, ist man also in Gefahr?

Allein leben heißt nicht automatisch, dass man sich alleine fühlt, oder dass man einsam ist. Ganz im Gegenteil. Man kann sich nah verbunden fühlen zu anderen Menschen, nicht trotz der äußeren Distanz, sondern durch die äußere Distanz. Wenn man die Tür zumachen kann, kann man sich einem anderen ganz anders zuwenden, als wenn man immer aufeinander sitzt. Allein leben, das ist ein Kennzeichen des modernen Alterungsprozesses: Viele alt gewordene Frauen leben alleine. In ihrer Wohnung, und sie wollen da auch nicht weg.

Dazu passt das Sprichtwort "Einen alten Baum verpflanzt man nicht". Aber sollten sich ältere Menschen nicht mehr zutrauen, die Gemeinschaft zu suchen?

Ob man gleich anders wohnen muss, bezweifle ich. Nicht alle sind dafür gemacht. Wer es schafft, in eine Alters-WG zu ziehen, wird sicherlich davon profitieren. Aber die meisten Menschen möchten eben zuhause wohnen bleiben.

Wie können denn Kommunen altersfreundlicher werden? In der Mobilität, in der Nachbarschaft, im Quartier?

Ein Rentner auf einer Bank
Kleine Bank, große Wirkung: So wird der öffentliche Raum seniorenfreundlicher. Bildrechte: imago images / Future Image

Wir haben in Deutschland schon einiges erreicht. Es gibt keine Kommune, die älteren Menschen nicht über einen Seniorenbeirat Mitspracherechte einräumt. Barrierefreiheit wird berücksichtigt. In Magdeburg hat man kürzlich eine Sitzbank neu eingeweiht, auch mit Blick auf die älteren Bewohner. Denn man braucht Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum, damit Menschen sich darin bewegen können. Das wäre also ein konkretes Beispiel für Altersfreundlichkeit.

Die Fragen stellte Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 08. Oktober 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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