Prof. Dr. Jan Delhey,  Glücksforscher, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Jan Delhey ist Professor für Soziologie und Makrosoziologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Bildrechte: Prof. Jan Delhey

Glücksatlas 2019 vorgestellt Glücksforscher: "Wir gucken immer nur auf das Negative"

Die Deutschen sind so zufrieden wie lange nicht, der nun erschienene Glücksatlas bescheinigt uns den höchsten Wert seit 1989. Trotz Unterschieden zwischen Ost und West ist das subjektive Wohlempfinden gestiegen. Wie kann das sein – in Zeiten, wo über alle möglichen Krisen diskutiert wird? Fragen an den Glücksforscher Prof. Jan Delhey aus Magdeburg.

Prof. Dr. Jan Delhey,  Glücksforscher, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Jan Delhey ist Professor für Soziologie und Makrosoziologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Bildrechte: Prof. Jan Delhey

MDR KULTUR: Herr Delhey, was ist eigentlich gemeint, wenn die Forschung von "Glück" oder "Zufriedenheit" spricht?

Jan Delhey: Wir sprechen zunächst vom subjektiven Wohlbefinden, weil es darum geht, wie die Leute selber die Qualität ihres Lebens einschätzen. Und das kann man zum einen übers Glück machen, dann hat man eher eine emotionalere Komponente. Oder über die Lebenszufriedenheit: Hier geht man davon aus, dass es eine etwas stärker kognitiv gesteuerte Bewertung des eigenen Lebens ist. Die Glücksatlas-Untersuchung basiert ganz wesentlich auf diesem Indikator der Lebenszufriedenheit.

Der Atlas besagt, dass die Lebenszufriedenheit der Deutschen auf den höchsten Wert seit 1989 gestiegen ist. Können Sie festmachen, woran das liegt?

Menschen mit Einkaufstüten in Erfurt
Vielen Deutschen geht es wirtschaftlich gesehen relativ gut. Bildrechte: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

Man weiß schon aus anderen Untersuchungen, dass das Wohlbefinden der Deutschen auf einem relativ hohen Niveau liegt. Gerade in Westdeutschland sehen wir, dass das Wohlbefinden langfristig stabil ist und in Ostdeutschland in den letzten Jahren nach oben gegangen ist. Die Lücke zum Westen wurde fast geschlossen. Bei der Lebenszufriedenheit greifen die Leute im Wesentlichen auf persönliche Dinge zurück, es gibt eine relativ klare Trennung zwischen Gesellschaft und dem eigenen Leben. Und da es den meisten Deutschen relativ gut geht, drückt es sich in diesen Zahlen aus.

Dennoch hat man das Gefühl, dass gesellschaftliche Debatten immer mehr ins Persönliche gehen. Die Wahlergebnisse zeigen tiefe Bruchlinien in der Gesellschaft. Wie passt das zusammen?

Es scheint so zu sein, dass die artikulierte Unzufriedenheit sehr stark auf die gesellschaftliche Entwicklung bezogen wird. Und die meisten Leute im eigenen Umfeld aber relativ wenig von diesen negativen Dingen betroffen sind. Zum zweiten scheint es auch so zu sein, dass die gesellschaftlichen Bruchlinien zu einem großen Teil kulturell aufgeladene Fragen sind: Will man eine kosmopolitische Gesellschaft oder nicht? Das hat relativ wenig mit der sozioökonomischen Lage zu tun, sondern eher mit Einstellungsfragen, mit Wertefragen. Und da scheint die Gesellschaft ein bisschen auseinanderzugehen.

Sollten wir also etwas vorsichtiger mit dem Begriff "Angst" in unserer Gesellschaft umgehen?

Demonstration gegen Flüchtlinge. Demonstrierende mit Deutschlandfahnen und Transparenten
Demo in Freital gegen eine Flüchtlingsunterkunft (2015). Bildrechte: dpa

Ja! Zumindest sollten wir nicht die deutsche Gesellschaft als eine porträtieren, in der es flächendeckend sehr viele Ängste gibt und die Leute von existenziellen Sorgen bedroht sind. Das hören wir in vielen Zeitdiagnosen, ist auch bei Soziologen beliebt. Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, dass viele Ängste im privaten Bereich in den letzten Jahren eher zurückgegangen sind. Was allerdings zugenommen hat, sind Ängste, die auf die Gesellschaft bezogen sind und ganz stark Event-getrieben sind. Die also letztlich mit der Flüchtlingskrise zu tun haben: einerseits die Angst vor Überfremdung, andererseits vor der Fremdenfeindlichkeit.

Wenn wir insgesamt gar nicht so unglücklich sind: Wie schaffen wir es als Gesellschaft, dies gegenseitig zu kommunizieren? Wir haben ja derzeit ein ziemlich rabiates und unfreundliches Gegeneinander auf der Straße.

Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, ob das so der Fall ist. Die viel diskutierte Verrohung bezieht sich stark auf Verhalten im Netz. Da machen ja aber gar nicht alle mit. Mein Eindruck ist eher, dass es in anderen Bereichen durchaus positive Entwicklungen gibt. Dass die Menschen also nicht flächendeckend unfreundlicher zueinander werden, sondern das Gegenteil passiert. Wir gucken nur immer auf das Negative.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2019 | 17:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 13:08 Uhr

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