Interview zu Kunstraub Gemälde-Rückkehr: Gothas OB Kreuch spricht über Geheimverhandlungen

Knut Kreuch (SPD), Oberbürgermeister Gotha
Knut Kreuch, Oberbürgermeister von Gotha Bildrechte: Knut Kreuch

Es ist eine irre Wendung in einem der spektakulärsten Kunstraub-Fälle der DDR: Im Dezember 1979 waren fünf wertvolle Gemälde aus einer Ausstellung im Gothaer Schloss Friedenstein gestohlen worden. Sie verschwanden spurlos – bis jetzt. Am Freitag ist bekannt geworden, dass Unbekannte schon im Juli 2018 an die Stiftung Schloss Friedenstein herangetreten sind, um ihr die Werke zu verkaufen. Es folgten geheime Verhandlungen über die Rückgabe-Modalitäten, derzeit werden die Bilder auf ihre Echtheit überprüft. Inzwischen ermittelt auch die Polizei in der Sache.

Dass es überhaupt zur Übergabe der mutmaßlichen geraubten Bilder gekommen ist, daran hat Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch großen Anteil. Als damaliger Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Schloss Friedenstein hat er die geheimen Rückgabe-Verhandlungen geführt. Im Interview mit MDR KULTUR bringt er Licht in die mysteriösen Hintergründe des Falls.

MDR KULTUR: Herr Kreuch, was bedeuten Ihnen die Bilder persönlich, und was bedeuten sie für die Gothaer Sammlung und darüber hinaus?

Gotha verfügt ja über eine der bedeutendsten Kunstsammlungen in Deutschland überhaupt. Aber Gotha ist auch die Kunstsammlung, die seit dem Ende des ersten Weltkrieges am meisten geschädigt worden ist. Und der Kunstdiebstahl von 1979 charakterisiert wie kein anderer Eingriff das Trauma der Gothaer Kunstsammlung. Und aus diesem Grunde ist heute ein guter Tag für diese Stadt.

1979, wo ja angeblich mancher Hörer noch gar nicht geboren war, wie erzählen Sie dem kurzgefasst erstmal diesen Kriminalfall, von dem ja manche sagen, möglicherweise steckte doch die Firma Schalck-Golodkowski dahinter?

Bis zum heutigen Tag ist unklar, wie dieser Krimi aus Gotha ausgeht. Auf jeden Fall kam es im Jahre 1979 im Dezember zu einem spektakulären Einbruch in den Kunstsammlungen im Schloss Friedenstein. Entwendet wurden fünf bedeutende Gemälde der Kunstsammlungen. Und diese Gemälde sind bis zum heutigen Tag eigentlich verschwunden, und niemand hat sie je wieder gesehen. Es gibt keine Spur, alle Akten wurden 1984 beendet und alle Aufrufe der Stadt Gotha vor zehn Jahren, wo die Verjährung eingetreten ist, nochmal zu helfen, aufzuklären, sind im Sande verlaufen.

Wer hat denn die Bilder bis heute wiedergesehen?

Die Bilder sind im Sommer des vergangenen Jahres wieder aufgetaucht, indem man an die Stiftung Schloss Friedenstein, vertreten durch mich, herangetreten ist und hat gesagt: Wir könnten uns vorstellen, in einer Erbengemeinschaft sind die Bilder aufgetaucht, die wieder zurückzugeben an die Stadt Gotha.

Thüringen

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Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals
Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" ist ein Werk des Niederländers Frans Hals und seiner Werkstatt. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren
Die "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren entstandt um 1509/1510. Dargestellt ist vermutlich die Tochter eines 1478 hingerichteten Ratsherrn. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck
Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck. Bei dem Werk handelt es sich um eine Kopie des 1632 bis 1633 entstandenen Selbstportraits. Das Original befindet sich in der privaten Sammlung des Duke of Westminster. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren
Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren kam unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg in die Kunstkammer. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
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Also Sie haben als damals fungierender Stiftungsratsvorsitzender von Schloss Friedenstein ja monatelang die Verhandlungen in aller Stille geführt. Um das vielleicht gleich zu klären: Was sollte ich darüber besser Sie nicht fragen?

Sie sollen mich eigentlich nicht fragen, wie ich mich gefühlt habe in all dieser Zeit, mit niemandem sprechen zu können über das, was mich da belastet hat. Und es war schon nicht einfach. Man wusste ja wirklich nicht, wie es ausgehen würde. Würde es gut ausgehen oder würde es nicht gut ausgehen? Würde man persönlich betroffen sein oder nicht persönlich betroffen sein?

Aus diesem Grunde bin ich sehr froh, dass es am 30.9. dieses Jahres zur Übergabe aller Gemälde kam, dass diese Gemälde jetzt untersucht werden auf Echtheit, auf Authentizität, ob es die Gothaer Gemälde sind. Und ich wünsche mir sehr, dass es die Gothaer Gemälde sind.

Sie haben mich verständlicherweise gerade gebeten, Sie nicht zu fragen, wie Sie sich damals gefühlt haben, als Sie mit keinem darüber reden wollten. Aber natürlich machen Sie mich neugierig.

Es ging schon sehr nah. Und als ich zum ersten Mal Fotografien der Bilder gesehen habe in Farbe, bisher gab es ja nur Schwarz-Weiß-Bilder, war das schon unwahrscheinlich bewegend, und das hat schon Tränen in den Augen gebracht. Und ich muss auch sagen, am 30.9. sind mir die Knie schon weich geworden, als ich zum ersten Mal diese fünf Gemälde vor mir liegen sah, als die zur Untersuchung gegeben worden sind. Das kann man eigentlich nicht in Worte fassen, diesen Moment.

Also als man damals auf Sie zugetreten ist, um es nochmal ganz neutral zu formulieren, hat da eine Rolle gespielt, dass sich bei irgendwem ein Gewissen gemeldet hat, oder was waren da für Motive am Gang?

Ich denke mal, es waren damals Motive am Gang, dass man gesagt hat, mit der Stadt Gotha und der Stiftung Schloss Friedenstein kann man reden über Kunstgegenstände, die seit vielen Jahren verlorengegangen sind, dort mit den Leuten vor Ort kann man sprechen, ob Sie Möglichkeiten sehen, die Kunstgegenstände zurückzugeben, weil ja die Leute, die die Kunstgegenstände jetzt in Verwahrung haben, sie auch auf irgendeine Art und Weise erworben haben, und damit man eine Rückgabe möglichst geräuschlos vollziehen kann.

Also über die letzten Besitzer kann man im Grunde gar nichts sagen?

Nein, überhaupt nichts, weil mit den Besitzern sind wir nie im Kontakt gewesen.

Sondern es war eine Anwältin, richtig?

Nein, die Besitzer haben eine Person ihres Vertrauens eingesetzt, und diese Person ihres Vertrauens ist an uns herangetreten.

Können wir denn davon ausgehen, dass Geld geflossen ist, beziehungsweise fließen wird – oder vielleicht ein bisschen anders gefragt: Was ist in solchen Fällen dann eigentlich üblich?

Bis zum heutigen Tage ist kein Geld geflossen für die Untersuchung. Es ist aber eine Vereinbarung geschlossen worden, aus der hervorgeht, wenn die Bilder die Gothaer Bilder sind, dann ist ein Betrag zu zahlen, oder wenn sie es nicht sind, dann sollen die Bilder zurückgehen. Oder wenn es nicht möglich ist, das Geld aufzubringen, auch in dem Falle sollen sie zurückgehen.

Sie haben gesagt: Einen Betrag. Gibt es da vielleicht einen Marktwert, an dem man sich orientiert? Aber die Bilder haben ja möglicherweise gar keinen Marktwert.

Über die Bilder gibt es die verschiedensten Aussagen. Im Jahre 1979 waren sie fünf Millionen DDR-Mark wert. Ein halbes Jahr später waren es fünf Millionen D-Mark wert. Vor wenigen Jahren wurde ein Betrag von 50 Millionen Euro veröffentlicht. Und auch heute gehen verschiedenste Summen durch die Medienlandschaft. Eigentlich gibt es für solche Bilder keinen Marktwert, weil sie nicht verkaufbar sind. Aber weil das deutsche Recht so schwierig ist, wird immer nach einer gütlichen Lösung gesucht. Und da wird auch in der Regel ein Betrag gezahlt.

Und bei dem könnte die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung eine gewisse Rolle spielen.

Die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung, Dr. Martin Hoernes, war vom ersten Tag an durch mich mit einbezogen als Partner und hat mich in dieser Zeit sehr sehr hervorragend begleitet, beraten sowohl in finanzieller als auch in juristischer Form. Und aus diesem Grunde gebührt ihm mein herzlicher Dank. Und Sie wären es auch gewesen, die die Bilder für uns zurückerworben hätten. Denn die Stadt Gotha, das war von Anfang an klar, kann die Bilder selbst aus eigenen Mitteln nicht zurückkaufen, weil wir sie nicht haben. Die Stiftung Schloss Friedenstein schon gar nicht.

Was passiert jetzt unmittelbar mit den Bildern, wie geht es unmittelbar weiter?

Wir lassen die Bilder jetzt noch untersuchen. Wenn die Ergebnisse feststehen, werden wir dann mit den jeweiligen Organen, jetzt gab es ja Eingriffe der Polizei, dann muss mit der Polizei gesprochen werden und so weiter, wie wir weiter verfahren können. Aber wir sind an einer gütlichen Einigung mit den Menschen interessiert, die die Bilder für uns bisher aufbewahrt haben.

Und dann werden sie vielleicht eines dann gar nicht mehr so fernen Tages sich auf Schloss Friedenstein des Ansturms nicht erwehren können all der Kunsttouristen, die die Bilder dann natürlich bald wieder sehen wollen.

Ja, dann sind all die Menschen aufgefordert, die sie 40 Jahre nicht sehen konnten, das sind mehrere Millionen Menschen, die dann den Weg nach Gotha suchen sollten. Wir wollen aber bis dahin auch die Geschichte aufklären: Wie ist es wirklich gewesen von '79 bis zum heutigen Tage mit den Bildern.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderator Alexander Mayer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Dezember 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2019, 09:20 Uhr

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