Ein Mann spielt Saxofon
Der Saxofonist Uwe Steinmetz forscht zu "Liturgical Jazz". Bildrechte: Stefan Kny

Moderne Musik in der Kirche Zwischen Ruhepol und Event - Gottesdienste heute

Musik, Predigt, Gebet – Gottesdienste folgen seit Jahrhunderten einem ganz bestimmten Ablauf, einer festgelegten Liturgie. Doch brauchen wir hier in Zeiten, in denen nur noch ein Bruchteil der Deutschen in die Kirche geht, neue Ideen? Wie sieht ein zeitgemäßer Gottesdienst aus?

von Doris Kothe

Ein Mann spielt Saxofon
Der Saxofonist Uwe Steinmetz forscht zu "Liturgical Jazz". Bildrechte: Stefan Kny

Uwe Steinmetz versucht, Jazz und Religion in Einklang zu bringen: Der Berliner ist studierter Saxofonist und arbeitet außerdem am liturgiewissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig. Hier will er im Rahmen der Projektstelle "Liturgical Jazz" Antworten auf die Frage finden, wie Gottesdienste heute klingen sollten, oder besser: Wie sie klingen können. Mit seiner Arbeit möchte er auch dazu beitragen, neue Klänge für die immer internationaler werdenden evangelischen Kirchen zu entdecken.

Das Erbe der Gregorianik hat viele wechselseitige Einflüsse mit dem asiatischen und nordafrikanischen Kulturraum. Dort gemeinsame musikalische Klangspuren zu entdecken und in Gottesdienste zu integrieren mit moderner Musik, ist fantastisch.

Uwe Steinmetz

Wie modern darf es sein?

Prof. Alexander Deeg
Alexander Deeg ist Professor für Praktische Theologie. Bildrechte: Alexander Deeg

Irgendwo zwischen Jahrhunderte alten Traditionen und einer modernen Umwelt verortet sich der Gottesdienst von heute. Wenn in ihm aber Stilmittel von heute verwendet werden – wie etwa Jazzelemente in der Musik – sollten sich die Gestalter des Gottesdienstes klar machen, dass sie nicht in eine Art "Show-Wettbewerb" mit dem Fernsehen eintreten dürften, erklärt Alexander Deeg, der Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts. Die Menschen kämen ja gerade zum Gottesdienst, weil es diese Form so nirgendwo anders gebe.

Es gibt eine Durchbrechung meines Alltags, die meine Füße auf weiten Raum stellt, die mir Angst vor dem Tod nimmt, die mich aufatmen und befreit sein lässt. Darum geht's.

Alexander Deeg

Der späte Vogel

Techno-Gottesdienst mit Abendmahl und politischer Botschaft mit Pfarrer Roland Kuehne aus Kempten im Columbia Theater in Berlin zum evangelischen Kirchentag am 25.05.17.
Mal was anderes: ein Techno-Gottesdienst während des Evangelischen Kirchentags in Berlin 2017. Bildrechte: imago/epd

Doch nicht mehr viele Menschen suchen nach diesem Ausbruch aus dem Alltag. Aktuell gehen nur etwas mehr als drei Prozent der Protestanten sonntags in die Kirche. In den 1950er Jahren waren es noch 15 Prozent. Die Kirche passt sich deswegen auch bei den Zeiten der Gottesdienste an den Wandel an: Sie beginnen nicht mehr wie früher meist schon im neun Uhr, sondern eher gegen zehn oder elf Uhr. Für Alexander Deeg muss sich die Kirche hier ständig erneut in Frage stellen: "Würden mehr Leute kommen, wenn wir am Abend feiern? Und ist es heute eigentlich immer noch interessant, 20 Minuten einer Predigt zuzuhören?"

Mit Traditionen brechen

Theologieprofessor Deeg denkt, dass auch die eher traditionell gesinnten Gottesdienstgänger Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sein können. Wenn man beispielsweise anders musiziere, werde den Menschen der Reichtum der eigenen Liturgie neu erschlossen.

Ich glaube, das es gar nicht so schwer ist, Leute von neueren Gestaltungen zu überzeugen, wenn klar ist, wir wollen euch nichts wegnehmen, wir nicht irgendwas kaputt machen, sondern wir entwickeln uns weiter, wie das zu jeder Tradition gehört.

Alexander Deeg

Alexander Deeg ist nicht pessimistisch, wenn er an die Zukunft des Gottesdienstes denkt. Für ihn ist der Gottesdienst ein Ort, den man sonst in einer zunehmend durchrationalisierten, ökonomisierten Welt nirgends finden wird: "Das hochzuhalten und mit Liebe zu feiern, ist eine echte Chance."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. März 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. April 2019, 12:13 Uhr

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