Neues Buch "Marx und wir" - Gregor Gysi will den Philosophen "doppelt befreien"

"Wenn man Marx liest, brummt das Hirn, aber man atmet dennoch auf", verspricht Gregor Gysi. Was er an dem Historiker und Ökonom schätzt, sind seine klaren Analysen: Sie könnten uns helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen - um sie zu verändern. Mit seinem neuen Buch "Marx und wir" will Gysi den Philosophen gleich "doppelt befreien". Er gibt zu, kein Wissenschafter oder Biograf zu sein, sondern vor allem "fasziniert".

Mit Marx waren sie eigentlich fertig, die Ostdeutschen, sagt Gregor Gysi: "Irgendwie gingen sie davon aus, dass die DDR sein Werk war - das nun in Trümmern lag." In der Bundesrepublik wiederum sei das Verhältnis zu Marx schon deshalb gestört gewesen, "weil man ihn in der DDR und in anderen staatssozialistischen Ländern so außerordentlich hervorgehoben hatte".

Gregor Gysi hat ein Buch über Marx geschrieben.
Bildrechte: artour/ MDR FERNSEHEN

Doch heute - fast 30 Jahre nach Wende und Einheit - ist wieder die Rede von dem Mann, der meinte, die Philosophen hätten die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern. Wie - darüber müsse heute wieder gestritten werden, findet Gysi. Denn wer versteht schon noch, dass selbst entlassene Manager tausende Euro Rente beziehen, während andere nicht von zwei oder drei Jobs leben können. Marx helfe, eine neue Gesellschaftsidee zu entwickeln - jetzt, da unser Blick auf seine Schriften befreit sei vom ideologischen Ballast, glaubt Gysi, der aus der Staatspartei SED einst die PDS formte und mit Lafontaine eine gesamtdeutsche Linke etablierte.

"Marx und wir"?

Als junger Jura-Student, erzählt Gysi, sei er verpflichtet gewesen, Marx und Engels, aber auch Lenin zu lesen. Leider habe er das damals wie viele andere nicht gründlich genug getan, gesteht er und erzählt: Zu DDR-Zeiten sei in der Sekundärliteratur gern eine Stelle aus dem "Kommunistischen Manifest" zur klassenlosen Gesellschaft "zitiert" worden: Die freie Entwicklung aller sei die Voraussetzung der freien Entwicklung des Einzelnen. Dabei - so Gysi - hatten Marx und Engels das Gegenteil geschrieben: Nämlich, dass die Freiheit des Einzelnen die Bedingung für die Freiheit aller sei. Der Schriftsteller Stephan Hermlin hatte sich ins Original vertieft und stellte fest: "Absurd, dass man eine Prophetie einfach auf den Kopf stellte, weil sie nicht in die Köpfe sollte". So zeigte er auf, wie man eine Idee umgedeutet hatte, damit sie besser zum eigenen Dogma passt.

Blick auf die Statuen von Karl Marx und Friedrich Engels.
"Wir sind unschuldig" sprayte nach der Wende einer auf den Sockel des Denkmals, das einst in Sichtweite zum Palast der Republik stand. Bildrechte: dpa

Was mich betrifft, ich bin kein Marxist!

Laut Engels reagierte Marx so auf die Nachricht, dass sich in Frankreich eine marxistische Partei formieren wollte

Gysi zufolge war Marx weder Dogmatiker noch Moralist, sondern einer der größten Historiker und Ökonomen, der sich im Vorwort des "Kapitals" explizit an "selbst denkende Leser" wandte. Es sei an der Zeit, Marx doppelt zu befreien, findet Gysi: und zwar vom Missbrauch und von seiner Verbannung aus Deutschland. Als politischer Flüchtling hatte Marx Preußen verlassen. Die deutsche Staatsbürgerschaft verlor er, die englische erhielt er nicht. Als Staatenloser musste er zeitlebens um die materielle Existenz seiner Familie kämpfen. Gysi findet es absurd, dass wir hierzulande heute noch so "ein gestörtes Verhältnis" zu einem "der größten Denker der Weltgeschichte" haben: "Wenn er Franzose gewesen wäre, gäbe es acht Universitäten mit seinem Namen." Marx lesen lohnt sich, sagt Gysi: Egal, an welcher Stelle des Werkes auch immer man in die Historie tauche, erstaunlich oft komme man bei Fragen der Gegenwart wieder ans Licht.

Von Konkurrenz, die nicht das Geschäft belebt

Das Marx-Engels-Denkmal in Berlin Mitte.
Nicht nur für Touristen interessant, findet Gysi. Das Denkmal am neuen Standort. Bildrechte: dpa

So habe Marx das gewaltige Potenzial des Kapitalismus gesehen, aber auch, dass die Konkurrenz als treibende Kraft am Ende auf Monopolbildung hinauslaufe, die wiederum die Produktivkräfte fesselte. Dass die Monopol-These nicht abwegig sei, zeigten deutsche Energie-, Auto- oder Bankkonzerne, die "die Energiewende verschlafen haben", "die Perspektiven ökologischer Mobilität verspielten" oder sich in der Finanzkrise lieber vom Staat, "das heißt von dessen Bürgerinnen und Bürgern, die auch dafür Steuern zahlen müssen, retten lassen, als pleitezugehen". Naheliegend für den linken Politiker wäre es, nicht nur die Verluste, sondern auch die exorbitanten Gewinne zu vergesellschaften. Denn: "Geballte Kapitalmacht und eine Gesellschaft, die sich den Ideen demokratischer Selbstbestimmung verpflichtet sieht, bilden ein Widerspruchspaar, das mehr und mehr zur gefährlichen Konfrontation neigt."

Auch vom Prinzip der Globalisierung, gegen die Strafzölle nicht helfen, oder vom Gebot der Nachhaltigkeit habe Marx schon geschrieben. Heute sei sie da die Weltwirtschaft: "Große Konzerne haben Beschäftigte auf allen fünf Kontinenten. Es gibt zugleich keine Weltpolitik, die sie regulieren könnte." Dafür aber entwickelte sich etwas anderes: "der weltweite Lebensstandard-Vergleich".

Wenn bisher die soziale Frage eine nationale war, haben die Konzerne daraus eine Menschheitsfrage gemacht. Und darauf lautet die Antwort bisher: Abschottung: Das ist zu dünn. (...) Wenn wir eine Mauer um Deutschland bauen, machen wir ein Problem vorübergehend unsichtbar. Doch in ein paar Jahren wird diese Mauer von Millionen gestürmt werden.

"Das Hirn brummt, aber man atmet auf"

Marx und wir - Warum wir eine neue Gesellschaftsidee brauchen - Cover
Gysis Lesehilfe für Marx Bildrechte: Aufbau-Verlag

Dass sich die Proletarier aller Länder, die vielerorts unorganisierte McJobber sind, vereinen, um die Verhältnisse umzustürzen, hält wohl auch Gysi für abwegig. Er weist darauf hin, dass Marx selbst einen sozialistischen Versuch nur in einem entwickelten kapitalistischen Land für möglich hielt: "Lenin hat das dann anders entschieden. Mit den bekannten Folgen." Tatsächlich finde sich in den Schriften von Marx außerdem wenig Konkretes darüber, was auf den Kapitalismus folgen sollte. Nach dem Motto, Erkenntnis sei der erste Weg zur Besserung schließt Gysi: "Wenn man Marx liest, brummt das Hirn, aber man atmet dennoch auf." Nicht, weil man Lösungen serviert bekomme, sondern weil geschieht, was der Marx-Biograf Jürgen Neffe so beschrieb:

Marx zu lesen gleicht immer wieder dem Gang zum Doktor, der einem haarklein auseinanderlegen kann, was aus dem Lot ist (…) allein schon zu wissen, womit man es zu tun hat (...) verringert das Gefühl der Hilflosigkeit.

Jürgen Neffe, Marx-Biograf

Stichwort: Das Kapital Allein der erste Band des "Kapitals" ist ein Wälzer, ein akademisches Werk von 995 Seiten. Im Oktober 1867 verkündet Marx in einem Brief triumphierend: "Es ist sicher das furchtbarste Geschoss, das den Bürgern noch an den Kopf geschleudert worden ist." Die Resonanz hält sich allerdings in Grenzen. Erst nach vier Jahren sind schließlich 1.000 Exemplare verkauft.

Marx blickt darin tief in das Getriebe der kapitalistischen Waren-Gesellschaft. Er schildert die Ausbeutung in den Fabriken des 19. Jahrhunderts samt Kinderarbeit, eine Arbeitshölle. Er analysiert auch, wie Maschinen in den Arbeitsalltag einziehen, ohne ihn zu erleichtern, da die Menschen zum Anhängsel der Maschine werden, einer der Gedanken, der hochaktuell erscheint, wenn man Maschine durch App und Fabrik durch Amazon oder Uber ersetzt.

Marx' "Kritik der Politischen Ökonomie" zielt auf das Privateigentum an Produktionsmitteln als Quelle allen Übels. Denn es führe zur Klassengesellschaft. Nur der Besitzer profitiere vom Mehrwert, von dem der Arbeiter nichts hat. Nur ein gewaltsamer Umsturz kann nach Marx etwas an diesem System ändern. Was darauf folgen könnte, bleibt vage. Von einer "Diktatur des Proletariats" als Übergangsphase ist die Rede.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 12. Juli 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2018, 07:35 Uhr

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https://www.mdr.de/zeitreise/gregor-gysi-mein-mauerfall100.html

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