Schriftsteller Günter Kunert (geb. 06.03.1929) steht im Türrahmen zu seinem Arbeitszimmer.
Günter Kunert in seinem Arbeitszimmer in Kaisborstel (Schleswig-Holstein) Bildrechte: imago/Lars Reimann

Porträt zum 90. Geburtstag Günter Kunert: Schreiben als Gymnastik

Am 6. März wird der Schriftsteller Günter Kunert 90 Jahre alt. Sein Pessimismus ist legendär, aber von Resignation will er nichts wissen. Kunert schreibt weiter – auch, "um mit dem Kopf in Bewegung zu bleiben". Ein Porträt.

Schriftsteller Günter Kunert (geb. 06.03.1929) steht im Türrahmen zu seinem Arbeitszimmer.
Günter Kunert in seinem Arbeitszimmer in Kaisborstel (Schleswig-Holstein) Bildrechte: imago/Lars Reimann

Mit zunehmendem Alter wird der Mensch angeblich optimistischer. Wenn das stimmt, muss der Schriftsteller Günter Kunert auch mit 90 Jahren noch ziemlich jung sein. "Ich wäre gern ein optimistischer Mensch", sagt er im Gespräch mit MDR KULTUR vor seinem runden Geburtstag am 6. März. Aber wenn er sich den Zustand der Welt ansieht, findet er dafür wenig Anlass.

Die Umweltzerstörung treibt ihn seit Jahrzehnten um. Auf das Thema weist Kunert schon hin, als es für die meisten anderen Menschen noch keine Rolle spielt. Deshalb gilt er früh als Pessimist. Doch seine Warnungen in Sachen Umweltschutz hört damals niemand.

"Ich weiß nicht, was ein Pessimist ist"

Schriftsteller Günter Kunert
Günter Kunert 2014 mit seinem Kater Pussy. Bildrechte: dpa

Und so sieht er die Menschheit heute "an einer Klippe, die uns wirklich in einen Abgrund sehen lässt, den ich aber nicht mehr erleben werde." Es gebe keine Umkehr, kein Zurück, es sei viel zu spät. "Man kann nichts dagegen unternehmen." Ein Pessimist? Ach was: "Ich weiß nicht, was ein Pessimist ist", sagt er dazu, "ich bin ein Realist."

Doch so düster kann auch Kunert die Welt nicht sehen, dass er deswegen resignieren würde. Er arbeitet weiter, auch mit 90 Jahren. Das Schreiben sieht er mittlerweile als "eine Art von Gymnastik". Er tue das, um im Kopf nicht einzuschlafen. Deshalb schreibe er auch, wenn er "nicht gerade wahnsinnig inspiriert" sei, erzählt er.

Kunert notiert seit Jahrzehnten alles, was ihm durch den Kopf geht, in seinem "Big Book", einer Art permanentem Notizbuch: Gedanken zu obskuren Zeitungsmeldungen, Träume, alles, woran er sich erinnern möchte oder was ihn ärgert. Das sei für ihn "eine Art selbsttherapeutischer Prozess". Das Ergebnis nennt er einen "bunten Strauß von relativ überflüssiger Literatur". Dennoch sind schon mehrere Bände dieser Aufzeichnungen veröffentlicht worden.

"Ein bunter Strauß relativ überflüssiger Literatur"

Kunert, geboren 1929 in Berlin, liest schon als Kind viel. Seine Mutter habe ihn "mit Literatur gefüttert". Nach dem Krieg studiert er einige Semester angewandte Kunst, bricht das Studium aber ab. Er verfasst Gedichte und Kurzgeschichten, lernt Johannes R. Becher und Bertolt Brecht kennen, schreibt für Zeitungen, Film und Rundfunk.

1979 verlässt Kunert die DDR. Dort sei er ohnehin nur "ein Störenfried" gewesen, sagt er rückblickend. Heute ist die DDR für ihn "so weit weg wie ein früherer Traum oder auch Alptraum". Er wundert sich, wie er es dort überhaupt so lange ausgehalten hat: "Ich wäre auch schon früher gegangen, wenn meine Frau nicht immer gesagt hätte: 'Nein, ich gehe nicht ohne deine Bilder und meine Katzen.'"

Von Berlin aufs Dorf

Günter Kunert
Günter Kunert Bildrechte: imago/gezett

Im Westen angekommen, "verkrümelt" er sich in das 80-Seelen-Dorf Kaisborstel in Schleswig-Holstein, um ungestört arbeiten zu können. Zum Schreiben brauche er Ruhe, "fast so etwas wie Einsamkeit". Das kulturelle Leben in der Großstadt vermisse er nicht: "Am wohlsten habe ich mich immer an meinem Schreibtisch gefühlt" – egal, wo der gerade stand.

In den 80er-Jahren schreibt Kunert Essays, Porträts über andere Schriftsteller, Reise-Aufzeichnungen, Artikel für Zeitschriften. Er hält Vorträge an Universitäten in England und den USA. Er hat viel zu tun, fühlt sich "wie ein Meerschweinchen im Laufrad." Zwar schreibt er nicht Tag und Nacht ("nachts habe ich auch manchmal geschlafen") – aber das Pensum ist so groß, dass die Zeit in der DDR schnell in Vergessenheit gerät.

Versteinerte Gedichte in Kisten

So vergisst Kunert auch, dass er noch einen Roman im Keller liegen hat: "Schwer zu glauben, aber ich wusste von dem Manuskript nichts mehr." Bis er es vor ein paar Jahren zufällig beim Kramen in Kisten entdeckt, neben alten Gedichten, die aber "schon versteinert" seien, was wohl bedeutet: nicht mehr zur Veröffentlichung geeignet.

Das Roman-Manuskript dagegen sah zwar "fürchterlich aus, vollgekritzelt und mit Streichungen", aber nach dem ersten Überfliegen findet Kunert es "so uninteressant doch nicht". Sein Verlag sieht das ähnlich, und so ist dieser "dreiviertelvergessene" Roman, wie Kunert sagt, Anfang Februar 2019 unter dem Titel "Die zweite Frau" erschienen. Wer weiß, wie viele Romane noch in dem Keller in Kaisborstel liegen. Eines Tages könnten sie auftauchen – falls bis dahin nicht die Welt untergegangen ist. Man muss ja realistisch bleiben.

Kunerts Werke Günter Kunert veröffentlichte diverse Gedicht- und Erzählbände, Essays, Reiseberichte, Hörspiele und Film-Drehbücher. Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Literaten der Gegenwart und erhielt für seine Arbeit viele Preise. Zu einem seiner wichtigsten Bücher gehört seine Autobiografie "Erwachsenenspiele" (1997).

Kunert veröffentlichte etwa zwei Dutzend Hörspiele, von denen viele vertont wurden. So produzierte der MDR 2010 sein Hörspiel "Der Gondoliere von Itzehoe". 2008 kam sein Essayband "Auskunft für den Notfall" heraus, 2012 der Gedichtband "Kunerts Katzen" und im Jahr 2011 das Notizbuch "Die Geburt der Sprichwörter" und "Berliner Kaleidoskop". Im Februar 2014 brachte Hanser den Gedichtband "Fortgesetztes Vermächtnis" heraus. Zuletzt, im Februar 2019, erschien der Roman "Die zweite Frau".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 04:00 Uhr

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