Händel-Haus
Das Händel-Haus in Halle Bildrechte: Thomas Ziegler

"Ladies First" Ausstellung in Halle: Händel und die Frauen

Am Samstag jährt sich der Geburtstag von Georg Friedrich Händel zum 334. Mal. Dazu präsentiert die Stiftung Händel-Haus in seiner Geburtsstadt Halle eine neue Jahresausstellung. Das Thema lautet: "Ladies first. Händels Frauen – empfindsam, heroisch, erhaben". Dabei geht es nicht nur um die faszinierenden Frauenfiguren in Händels Opern und Oratorien, sondern vor allem um das gesellschaftliche Ansehen der Frau. MDR KULTUR-Musikredakteurin Grit Schulze hat die Ausstellung besucht.

Händel-Haus
Das Händel-Haus in Halle Bildrechte: Thomas Ziegler

Über 100 Frauenfiguren treten in Händels Opern auf, noch einmal 70 in seinen Oratorien. Darunter sind Monarchinnen, Prophetinnen, aber auch Intrigantinnen. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich wie Furien aufführen. Oder Zauberinnen, denen jedes Mittel recht ist, um Männer an sich zu binden. Frauen also, die mit Macht und List ausgestattet sind.

"Es überrascht, wenn man sich Händels Werke ansieht, welche starke Frauen er auf die Bühne gestellt hat", sagt Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händel-Haus in Halle. Diese Frauen hätten "in einem absoluten Widerspruch" zum tatsächlichen Leben gestanden.

Doch er sieht auch zarte Ansätze einer Gleichberechtigung von Mann und Frau im Umfeld des Komponisten. Beispielsweise im Londoner Foundling Hospital, einem Waisenhaus, dem Händel nicht nur als Mitglied des Verwaltungsrates angehörte, sondern für das er auch Benefizkonzerte veranstaltete und die Orgel sowie die Partitur seines berühmtesten Werks "The Messiah" schenkte. Der Gründer des Foundling Hospitals, Thomas Coram, forderte für das Waisenhaus eine gleiche Bildung für Jungen und Mädchen: "Und er hat es auch umgesetzt", so Clemens Birnbaum.

Frauen hatten im Alltag so gut wie keine Rechte

Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händelhaus
Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händel-Haus in Halle Bildrechte: MDR, Maren Beddies

Der Geist der Aufklärung wehte zwar auch in Händels Geburtsstadt Halle durch die Franckeschen Stiftungen. Doch im Alltag hatte die Frau so gut wie keine Rechte. Auch nicht in der Familie des herzoglichen Wundarztes Georg Händel, dem Vater des Komponisten.

Das Frauenbild erkennt man auch daran, dass es kaum ein Bild von Frauen gab, sagt Kurator Karl Altenburg: "Das ist eben auch die Crux für Frauen im 18. Jahrhundert: Egal wie wichtig sie im Leben von berühmten Männern waren, es gab keinen Grund, irgendwas von ihnen aufzubewahren."

Und so existieren auch von Händels Mutter Dorothea keinerlei Aufzeichnungen, geschweige ein Porträt. Karl Altenburg musste sich anderweitig behelfen: "Ich hatte dann die Idee, Händel war ja Rembrandt-Fan. Er hatte ja Rembrandt-Gemälde in seinem Privatbesitz." Rembrandt habe seine Mutter mehrfach gemalt, später vor allem in Witwentracht. Auch Dorothea Händel sei die meiste Zeit ihres Lebens Witwe gewesen. Deshalb stelle er sie sich ungefähr so vor wie auf einem Rembrandt-Gemälde, erklärt Kurator Altenburg.

Händel, der ewige Junggeselle

Zu seiner Mutter pflegte Händel innigen Kontakt bis zu ihrem Tod. Seiner Nichte Johanna vermachte er den Großteil seines Erbes. Von anderen Frauen in seinem privaten Umfeld ist nichts bekannt. Händel, der ewige Junggeselle, der uns nicht hat wissen lassen, für wen er körperlich brannte, außer für die Musik.

Händeldenkmal
Das Händel-Denkmal auf dem halleschen Marktplatz Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Und so geht es auch in der Ausstellung "Ladies first" um künstlerische Beziehungen: um Frauen, mit denen Händel direkt zu tun hatte. Etwa seine Nachbarin, die Malerin Mary Delany, die nach Emanzipation strebte und die Händel vergötterte. Oder die Tänzerin Marie Sallé, die sich künstlerisch befreite, schon allein dadurch, dass sie das lästige Korsett beim Tanzen ablegte und einen Sturm der Entrüstung auslöste.

Da war die Schauspielerin Kitty Clive – seine Muse – und natürlich die Primadonnen jener Zeit. Händel beschenkte sie mit wundervollen Arien. Doch demutsvoll zeigten sie sich deshalb keineswegs. Sie forderten maßlose Gagen vom Opernunternehmer Händel und begehrten auf, wenn ihnen eine Arie missfiel, wie die Sängerin Francesca Cuzzoni.

Händel hat sich von Frauen nichts sagen lassen

Die Krimi-Autorin und Händel-Liebhaberin Donna Leon erzählte einmal eine Anekdote von Cuzzoni, die sich weigerte, zu singen, was Händel wollte. Daraufhin habe Händel sie aus dem Fenster gehalten und gesagt: "Du singst es so, wie ich es will." Erst als sie nachgab, habe er sie wieder herein gezogen. Heute hätte Händel bei einer solchen Szene sicherlich eine Klage am Hals.

Wir schmunzeln heute darüber, aber es zeigt uns auch das Frauenbild des 18. Jahrhunderts auf – welchen moralischen Unterwerfungen sie ausgeliefert waren. Und damit rückt auch diese Jahresausstellung wieder an aktuelle Themen heran: Ging es zuletzt um "Echt oder Fake" und anschließend um "Fremde Welten", so wird mit "Ladies first" nicht nur an das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren erinnert, sondern – so Clemens Birnbaum: "#metoo könnte man sagen, wenn man das Sujet sich ansieht, was auch Händel vertont hatte."

Apollo und Daphne etwa sei eigentlich eine klare #metoo-Bewegung: "Denn der Apollo bedrängt ja die Daphne, dass sie sich entschließt, zu sterben, beziehungsweise sich in einen Lorbeerbaum zu verwandeln." Die Ausstellung "Ladies First" ist bis zum 12. Januar 2020 im Händel-Haus zu sehen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Februar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 15:20 Uhr

Abonnieren