Menschen auf Theaterbühne im Stück ''Hamlet''.
Szenenbild aus "Hamlet" am Nordharzer Städtebundtheater Bildrechte: Ray Behringer

Theaterkritik Shakespeares "Hamlet" in Quedlinburg: Viel Lärm um nichts

Am Nordharzer Städtebundtheater in Quedlinburg hat am 12. Oktober Shakespeares "Hamlet" Premiere gefeiert. Die Inszenierung von Janek Liebetruth holt die berühmte Geschichte des Prinzen von Dänemark in die Gegenwart – und macht aus ihm eine Prinzessin. MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling hat das Stück gesehen.

Menschen auf Theaterbühne im Stück ''Hamlet''.
Szenenbild aus "Hamlet" am Nordharzer Städtebundtheater Bildrechte: Ray Behringer

MDR KULTUR: Wie hat sie sich geschlagen, die Prinzessin von Dänemark?

Wolfgang Schilling: Ach ja, die Prinzessin Hamlet. Die Heldin in Strumpfhosen sozusagen. Wobei, auch der Prinz Hamlet trägt, so wie wir ihn aus historischer Überlieferung kennen, ja gerne solche. Nebst Pluderhöschen und Totenkopf. Letztere rollen auch reichlich über die Quedlinburger Bühne. Die Pluderhosen allerdings sind gestrichen. Regisseur Janik Liebetruth setzt aufs Hier und Heute. Das wird schon klar, wenn man den Theaterraum betritt, dessen Türen verdächtig lang zugehalten wurden.

Wolfgang Schilling, Moderator im Frühprogramm von MDR KLASSIK
Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker Bildrechte: Stephan Flad

Das lag wohl am Bühnennebel, der uns da wabernd empfangen soll. Im Dunst von Helsingør zielt ein junger Mann mit seinem Revolver auf alles und jeden, der da reinkommt. Die junge Frau, die da an der Rampe sitzt, lässt immer mal ihr Klappmesserchen klappern. Ein weiterer junger Mann lehnt unbeteiligt an der großen, auf Rädern gelagerten Holzwand, die den Hintergrund gibt.

Alles ganz lässig und im Look von heute gekleidet. Auf einem elektronischen Buchstabenlaufband fließt der Shakespearetext an uns vorbei, der zusätzlich auch noch aus dem Off gesprochen wird. Da wird uns ganz schnell klar, das "Globe Theatre" sah anders aus. Hier will jemand die Welt von heute auf die Bühne brettern.

Hier wird keine neue oder irgendwie andere Geschichte erzählt. Hier gibt es keinen interessanten Perspektivenwechsel.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Wogegen ja erstmal gar nichts spricht.

Menschen auf Theaterbühne im Stück ''Hamlet''.
"Hamlet" ist am Nordharzer Städtebundtheater eine Frau. Bildrechte: Ray Behringer

Absolut nicht. Aber Sie geben hier ein wichtiges Stichwort. Das Sprechen. Das ist nicht so das Ding des Abends. Denn so wie hier in Quedlinburg mit der Sprache von Shakespeare und mit dem eignen Handwerk umgegangen wird, bringt man sich um mehr als die halbe Miete. "O schnöde Hast, so rasch in ein blutschänderisches Bett zu stürzen!" hat Hamlet zu klagen und tut's im Temporausch. Und den Worten kaum folgen könnend, möchte man rufen: Haltet ein Prinzessin, ruhig, wir wollen dir ja gerne zuhören. Gibt's denn da gar kein Punkt und Komma in deinem Text?

Doch da kennen die Schauspielerin Anne Wolf und ihre Kollegen in den ersten 30 Minuten kein Erbarmen. Ich hab wirklich auf die Uhr geschaut, als die erste, auch geistige Ruhephase eintrat. Bis dahin wurde der Text nur im Dauerfeuer präsentiert. Da akustisch und gedanklich dranzubleiben, war praktisch unmöglich. Und als Polonius im ersten Zwiegespräch mit Hamlet dann endlich ein bisschen Ruhe reinbrachte, hatten rings um mich einige Zuschauer schon auf- und sich dem Schlaf hingegeben. Die berühmte Hamlet-Frage: Schlafen, vielleicht auch träumen, auf ihre ganz persönliche Weise beantwortet.

Tempo schlägt Gedanken. Doch welchen Gedanken eigentlich? Das ist hier die Frage. Man erkennt keinen.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Menschen auf Theaterbühne im Stück ''Hamlet''.
Blick auf die Bühne: Szene aus "Hamlet" am Nordharzer Städtebundtheater Bildrechte: Ray Behringer

Kommen wir, für die Wachgebliebenen, zur zentralen Frage dieses Abends. Hamlet, als junge Frau besetzt. Eine Prinzessin von Dänemark. Wie verändert sie das Stück?

So neu ist das ja auch nicht. Die Engländerin Sarah Siddons war 1777 die erste, in Deutschland folgte ihr 1779 Felicitas Abt, Adele Sandrock schlüpfte genauso in die Prinzenrolle wie Sarah Bernhardt oder Angela Winkler unter Peter Zadek am Berliner Ensemble. Kann man machen. Das hat aber natürlich Konsequenzen. Für die weitere Besetzung.

Was ist mit der Liebe zu Ophelia? Mutiert die zur besten Freundin? Zur platonischen oder lesbischen Bezugsperson? Oder ein weiterer Geschlechtertausch? Das ist der Quedlinburger Weg. Jonte Volkmann spielt einen Ophelio. Und wenn man einmal beim Gendern ist, macht man auch aus Rosenstern und Güldenkranz ein junges Mädchen mit Doppelnamen sozusagen. Ist ja auch ganz praktisch, bei einem so kleinen Ensemble, wie man es hier nur zur Verfügung hat.

Und was macht das alles mit dem alten Shakespeare? Kann der uns so etwas Neues erzählen?

Menschen auf Theaterbühne im Stück ''Hamlet''.
Am Bühnennebel wird nicht gespart. Bildrechte: Ray Behringer

Klare Antwort. Wenn es so wie in Quedlinburg passiert: Nein. Hier wird keine neue oder irgendwie andere Geschichte erzählt. Hier gibt es keinen interessanten Perspektivenwechsel. Diese Prinzessin ist einfach eine burschikose Variante der Blaupause Hamlet. Rosenstern-Güldenkranz ein nettes Mädchen, das sich auf die falschen Typen eingelassen hat.

Allenfalls Ophelio darf einen jungen Mann spielen, der sich dem sehr aktiven weiblichen Drängen nicht so recht hingeben will. Und, nun gut, statt seines nicht getrauten Coming-Outs, den Freitod wählt. Jonte Volkmann tut es symbolisch, indem er sich einer Ganzkörperbemalung mit Lippenstift unterzieht und irgendwann den leisen Bühnentod an der Rampe stirbt. Okay, die Tragik ist eine andere als bei Ophelia.

Es wird auch viel und durch die Bank kopuliert. Da ist was geil im Staate Dänemark.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Klingt alles nicht gerade nach einem begeisterten Kritiker.

Menschen auf Theaterbühne im Stück ''Hamlet''.
Totenköpfe rollen in Quedlinburg reichlich über die Bühne. Bildrechte: Ray Behringer

Nein, weil es einfach ein ärgerlicher Abend gewesen ist. Zum einen aus den schon erwähnten handwerklichen Gründen. Denn von dieser sprachlichen Tour de Force lassen sich bis auf die einigermaßen Contenance bewahrende Königin Getrud der Julia Siebenschuh alle anstecken. Tempo schlägt Gedanken. Doch welchen Gedanken eigentlich? Das ist hier die Frage. Man erkennt keinen. Regisseur Janik Liebetruth überlässt sich den Äußerlichkeiten. Lässt viel Musik einspielen, vielleicht der Soundtrack seiner Jugend.

Es wird auch viel und durch die Bank kopuliert. Da ist was geil im Staate Dänemark. Smartphone, Tablet und die gute alte Handycam kommen zum Einsatz. Und am Ende gibt es ein "Bühnen-Blut-und-Boden-Bad", an dem die Kollegen von der Technik trotz sorgfältiger Folienabspannung wohl noch lange zu schrubben hatten.

Das letzte Bild, der Auftritt von Fortinbrass, der reine Kitsch. Ein kleines Mädchen im weißen Spitzenkleidchen kommt hereingehüpft. Springt in aller Unschuld von Leiche zu Leiche und drückt dann endlich den großen Roten Knopf, den Show-Bühnen-Buzzer, der da von Anfang an die Blicke auf sich zog. Der Rest ist Schweigen, lispelt sie dazu durch ihre niedlichen Zahnlücken. Für mich war das kein Hamlet, sondern, um mit einem anderem Shakespeare zu antworten: Viel Lärm um nichts.

Menschen auf Theaterbühne im Stück ''Hamlet''.
Das letzte Bild der Quedlinburger "Hamlet"-Inszenierung Bildrechte: Ray Behringer

Die Fragen stellte MDR KULTUR-Moderator André Sittner.

Die nächsten Vorstellungen 18. Oktober, 19:30 Uhr, Halberstadt
21. Oktober, 19:30 Uhr, Bad Nenndorf
31. Oktober, 18:00 Uhr, Quedlinburg
16. November, 19:30 Uhr, Halberstadt
2. Februar 2020, 15:00 Uhr, Quedlinburg
25. März 2020, 19:30 Uhr, Salzwedel
1. April 2020, 19:30 Uhr, Quedlinburg

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Oktober 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2019, 11:42 Uhr

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