Permanente Handynutzung Warum Psychiater Spitzer sagt: Handys schaden dem Lernen und der Gesundheit

Nachdem Frankreich ein Handyverbot an Schulen eingeführt hat, wird das Thema auch hierzulande verstärkt diskutiert. In Bayern ist das Handyverbot bereits im Schulgesetz verankert, auch einige Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben sich dafür entschieden. Der Psychiater Manfred Spitzer begrüßt das. Mit Büchern, wie "Vorsicht Bildschirm" oder "Cyberkrank", warnt er vor Risiken des digitalisierten Lebens, wie Herzinfarkt und Zuckerkrankheit.

MDR KULTUR: Handyverbot an Schulen: Ja oder nein?

Manfred Spitzer: Wenn es überhandnimmt (...), dann würde ich sagen, ist ein Handyverbot auf jeden Fall eine gute Sache. Schüler sind oft ganz begeistert, wenn sie merken, man kann wieder miteinander reden, weil eben keiner ein Handy hat. Denn der Hauptgrund, weswegen Schüler ein Handy haben, ist ja der: Alle anderen haben auch eins. Und wenn der wegfällt, dann sind Schüler ganz happy.

Sie warnen vor den Folgen unseres digitalisierten Lebens. Was genau passiert mit Geist und Körper, wenn wir ständig auf das Smartphone starren und nicht mehr die Umwelt um uns herum wahrnehmen?

Sie sagen es schon ganz richtig: Was passiert mit unserem Körper? Haltungsschäden, Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck - tatsächlich, das ist alles nachgewiesen, das sauge ich mir nicht aus den Fingern, sondern dazu gibt es gute Studien. Man wird sich fragen: warum? Es ist so, dass zum Beispiel nachgewiesen ist, dass das Handy nachts den Schlaf schlechter macht. Und dadurch, dass man schlechteren Schlaf hat, bis zu zwei Stunden täglich, je nachdem wie viel man am Tag und vor allem am Abend sein Handy nutzt, desto eher kommt man in eine prädiabetische Stoffwechsellage rein. (…) Und Diabetes und Bluthochdruck, das sind die Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen, sprich für Schlaganfälle und Herzinfarkte.

Oder was ganz Banales: Kurzsichtigkeit. Wenn man immer in die Kürze guckt, und zwar dann, wenn sich die Augen noch entwickeln, was bis Anfang 20 der Fall ist, dann wird man tatsächlich kurzsichtig. Der Effekt ist groß: Normalerweise gibt es ein bis fünf Prozent Kurzsichtige in Europa. Bei den jungen Menschen haben wir schon 30 Prozent. In Korea sind über 90 Prozent der unter 20-Jährigen kurzsichtig. So etwas nennt man Epidemie. (...) Und in Südkorea, die gucken im Schnitt 5,4 Stunden am Tag auf ihr Smartphone, und das hat dann Folgen. Da kommen ja dann noch Playstation, Computer und alle anderen Sachen dazu.

Das heißt, wir leben kürzer wegen des Smartphones?

Ja, langfristig auf jeden Fall. Ich habe jetzt nur über körperliche Dinge geredet, eben auch geistige Dinge kommen hinzu. Wir haben Aufmerksamkeitsstörungen, wir haben mehr Aggression, Sucht, Angst. Wir lernen insgesamt durch die Digitalisierung weniger. Es ist nicht so, dass man digital lernt. Computer machen Downloads, Gehirne nicht. Und da kann man noch so viel am Computer sitzen. Das Gehirn versteht etwas, es wird benutzt und dadurch, dass es benutzt wird, ändern sich im Gehirn Strukturen und das ist Lernen. Und wenn wir mehr "daddeln" und weniger nachdenken, dann wird weniger gelernt und das ist sehr gut nachgewiesen. Neueste Studien zeigen wieder, Computer schaden. Bei einer großen Reanalyse von zehn Jahren Pisa-Daten haben wir bei 60 Ländern der Welt gezeigt, mit Millionen von Schülern, dass, je mehr in Digitalisierung von Schulen investiert wurde, pro Schüler, desto schlechter wurden die Schüler in Mathematik, zum Beispiel. Und das muss man sich klar machen. Handys schaden dem Lernen. Und ich kenne keine einzige Studie weltweit, die gezeigt hat, dass Handys den Unterricht besser machen. Das wird viel behauptet und es stimmt einfach nicht.

Woher kommen die Angststörungen?

Zwei Drittel aller Handynutzer leiden unter dem, was man "Fomo" nennt, das heißt "Fear of missing out", also man verpasst etwas. Man hat zumindest das Gefühl, etwas zu verpassen. Weil die Party immer dort genau besser ist, wo man gerade nicht ist. Und das haben ganz viele. Oder auch das Gefühl, das nennt sich "Nomophobia", "No more phone phobia", also das Gefühl, ich habe bald kein Telefon mehr oder ich hab bald keine Verbindung mehr oder ich verliere mein Telefon, das treibt den Leuten eben auch den Angstschweiß auf die Stirn, den Blutdruck hoch. Und diese Dinge sind, wie gesagt, sehr häufig.

Was ich auch noch ganz wichtig finde, ist Empathie. Man kann Einfühlungsvermögen, Perspektivenübernahme nicht vor einem Glasbildschirm lernen. Das kann man nur lernen, wenn man in realen sozialen Kontakten ist, (…) weswegen das Smartphone wirklich schädliche Effekte auf vor allem Kinder und Jugendliche hat. Und die werden heute noch viel zu wenig berücksichtigt.

Was wäre für Sie ein vernünftiger Umgang mit den neuen Medien?

Bei Kindern bis 14 ist es am besten, sie haben keinen Umgang damit. Ich wüsste nicht, was da gut sei. Und das spricht sich ja auch gerade langsam herum, dass es auch Leute sagen, wie Facebook-Entwickler, Leute, die bei Google gearbeitet haben: bitte nicht unter 14. Das sagen auch alle vernünftigen Menschen, die ich kenne: Bitte nicht unter 14. Und zwischen 14 und 18 Jahren, da muss man es sich überlegen. Das Handy ist der größte Tatort und der größte Rotlichtbezirk weltweit. Eltern, die sich fragen, ab wann kann ich meinem Kind ein Smartphone geben, die sollten sich einfach fragen, ab wann würde ich mein Kind alleine und unbegleitet ins Rotlichtmilieu und ins kriminelle Milieu lassen. Wenn Sie sich diese Frage stellen und dann sagen Sie: ab 18, früher auf keinen Fall. Dann wissen Sie, wie die Antwort ist, ab wann sie ein Smartphone haben dürfen.

Das Gespräch führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 22. August 2018 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2018, 04:00 Uhr

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