Zeit für eine Neuentdeckung Hanns Eisler: Vorwärts und nicht vergessen

Kommunist und Komponist der DDR-Hymne, in dieser Schublade war Eisler verschwunden. Dass sogar Sting ihn coverte, merkte keiner: Auf Eislers Ballade "An den kleinen Radioapparat" legte die Pop-Größe Jahrzehnte später den Text von "Secret Marriage". Auch Jazzer, Vertreter der Alten und Neuen Musik "outen" sich heute als Eisler-Fans. Zeit für eine Neuentdeckung des Mannes, der empfahl, seine Lieder sehr lässig zu singen. Ein Porträt zum 120. Geburtstag am 6. Juli.

Musik für die Massen wollte er schreiben, den Soundtrack zur Weltrevolution. In Erinnerung blieb er als gescheiterter Klassenkämpfer und Komponist der Nationalhymne eines untergegangenen Staates. Nach der Wende war Hanns Eisler nicht gerade angesagt. Sein Geburtshaus in Leipzig stand vor dem Abriss, bis vor ein paar Jahren so etwas wie eine Renaissance einsetzte. Inzwischen ist das Haus in der Hofmeisterstraße 14, in dem Eisler am 6. Juli 1896 geboren wurde, saniert. Die Stadt kaufte es und vermietet die Wohnung des Komponisten an einen Verein, der sich um sein Erbe kümmert und inzwischen sogar ein Composers-in-Residence-Programm auflegte.

Bei vielen klappt sofort das Visier runter: Eisler, das ist der Komponist der Nationalhymne, irgend so ein Kommunist. Dass er Schönberg-Schüler war, im Exil mit Brecht gearbeitet hat und ein ganz großer Liedmeister ist, wissen viele nicht, weil er in so einem Schubladen steckt.

Steffen Schleiermacher Pianist und Komponist

"Leicht grölend und auf der Straße"

Vorwärts und nicht vergessen: Der Komponist Hanns Eisler
Pianist und Komponist Schleiermacher (l.) liebt die vielen Facetten des Hanns Eisler, vor allem seine Lieder, die er mit Holger Falk aufführt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei hat Eisler den Stipendiaten in Leipzig nicht allzuviele Spuren hinterlassen, dafür aber wertvolle Regieanweisungen, die seine Haltung illustrieren: Mit der Zigarette im Mundwinkel, Hände in den Hosentaschen, leicht grölend und auf der Straße - so wünschte er sich, sollte man seine Arbeiterlieder singen. Zu seinen "Vier Stücken für gemischten Chor" erklärte er, sie dürften nicht zu schön klingen, damit "niemand erschüttert wird". Der Komponist wollte maximale Wirkung, dabei lag ihm Sentimentalität fern, vielleicht weil er früh lernte, nicht zu jammern über die Umstände, sondern gegen sie anzukämpfen.

Das Eisler-Haus in Leipzig

Inzwischen ist das Haus in der Hofmeisterstraße 14, in dem Hanns Eisler am 6. Juli 1896 geboren wurde, saniert.

Vorwärts und nicht vergessen: Der Komponist Hanns Eisler
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Als jüngstes Kind des österreichischen Philosophen Rudolf Eisler (ein Bewunderer des Arbeiterführers August Bebel) und der Fleischerstochter Ida Marie kommt er in Leipzig auf die Welt. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Wien, in dürftigen Verhältnissen, wie er später selber sagt. Der Vater bekommt als bekennender Atheist keine Stelle an der Universität und arbeitet als Privatgelehrter. Zur Entspannung spielt er Klavier. So lange das Geld reicht, lässt er auch seine Kinder unterrichten. Bald muss das Instrument abgeschafft werden.

Ich rebelliere nur gegen Dinge, an denen man etwas ändern kann.

Hanns Eisler Zitiert von seinem Freund Dieter B. Herrmann, Astronom

Doch den Jungen lässt die Musik nicht mehr los. Er spielt bei Freunden, mit 10 kauft er sich die allgemeine Musiklehre von Herrmann Wolf, studiert sie und komponiert. Nebenbei engagiert er sich im Sprechclub der sozialistischen Mittelschüler, später rühmen Zeitgenossen seine Schlagfertigkeit, seinen Witz, seine Rasanz im Denken und Sprechen.

Avantgarde nicht nur für den Klassenkampf

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, dessen Schrecken er als Soldat eines ungarischen Regiments erlebt, will Eisler unbedingt Musik studieren. Doch er ist bitterarm. Er verehrt Arnold Schönberg, der sein Talent erkennt und ihn honorarfrei unterrichtet. Schönberg leitet Arbeiterchöre in Wien, sein Lieblingsschüler tut es ihm gleich. Eisler beginnt sich zu fragen, für wen er seine Musik schreibt. Er will raus dem bürgerlichen Konzertsaal auf die Straße. So missfällt ihm auch das Elitäre der Avantgarde, darüber kommt es mit seinem Lehrer zum Streit. Er geht 1924 nach Berlin, ein Zentrum der Arbeiterbewegung. Dort trifft er auf Bertolt Brecht, ein Glücksfall, denn auch der Dichter hält nichts vom bürgerlichen Geniekult in Zeiten größter sozialer Not.

Arbeiterlied - Brecht/Eisler: Stempellied, Titelblatt
Bildrechte: Rudolstadt-Festival/Ausstellung

Eisler schreibt Klavier-, Kammermusik-, Vokal- und Orchesterwerke für Theateraufführungen in der Hauptstadt und für das Baden-Badener Musikfest, wo Brecht 1927 "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" zur Uraufführung bringt. Als überzeugter Sozialist verfasst Eisler Lieder für die Agitproptruppe "Rotes Sprachrohr", Stücke wie das "Kominternlied" und Chöre für die Arbeitersängerbewegung, die damals in Deutschland Zehntausende Mitglieder hat.

Ein Arbeiterchor soll nicht in seinen Konzerten die Haltung eines 'Kollektivcarusos' einnehmen, der seinen Bekannten und Verwandten ein schönes Liedlein vorsingt.

Hanns Eisler Musik und Politik, Schriften 1924-1948

Brechts Lehrstück "Die Maßnahme", in dem ein Arbeiterführer zur Stürmung einer Fabrik aufruft, wird 1930 Eislers erstes großes Werk für Arbeiterchöre, wegen Aufreizung zum Klassenkampf wird es nach der Uraufführung von rechts kritisiert. Text und Musik orientieren sich an Bachs Passionen. Die Kritik fällt euphorisch aus. Im selben Jahr nimmt Eisler die ersten Schellackplatten mit Ernst Busch auf, der wie Brecht zum Weggefährten wird. Der Komponist beschäftigt sich auch mit dem Film und dessen musikalischer Gestaltung.

Mit Brecht arbeitet er an "Kuhle Wampe", der Anfang der 1930er-Jahre zum Massenerfolg wird. Am Ende des Films steht Eislers Solidaritätslied: "Vorwärts, und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht, beim Hunger und beim Essen ...". 1932 kommt Brechts Dramatisierung von Gorkis "Mutter" mit Helene Weigel, Ernst Busch und Theo Lingen am Theater am Schiffbauerdamm auf die Bühne, auch dazu schreibt er Musiknummern, es wird eins der populärsten Stücke des proletarischen Theaters.

Als "Musikbolschewist" im Exil

Bald erkennen die Nazis die Agitationskraft der linken Kampflieder, die sie teilweise kapern und einfach mit neuen Texten versehen. Als Hitler 1933 die Macht übernimmt, hat der "Musikbolschewist" Eisler, der auch Jude ist, in Deutschland keine Chance mehr. Er emigriert, reist rastlos durch Europa, komponiert, konzertiert und publiziert, trifft sich im dänischen Svendborg wieder mit Brecht für die gemeinsame Arbeit. 1937 gelangt er nach Spanien, schreibt Lieder für die Internationalen Brigaden, die an der Seite der spanischen Republik gegen Franco kämpfen - und scheitern.

Der deutsche Komponist Hanns Eisler vor dem "Ausschuß für unamerikanische Umtriebe".
Eisler vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe Bildrechte: dpa

1938 kommt Eisler mit seiner zweiten Frau erneut in die USA, seine Ankunft findet sogar in der New York Times Beachtung. Er lehrt an Hochschulen, seine Werke werden aufgeführt, Freunde unterstützen ihn. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, komponiert er 1939 sogar im Auftrag der Ölindustrie, die Musik zum Puppentrickfilm "Pete Roleum and his Cousins".

Wenig später, ab 1940, darf er für die Rockefeller-Stiftung experimentelle Studien zur Filmmusik treiben. Musikalische Intelligenz zeige sich darin, Bildern wie Texten "zu widerstehen", schreibt er mit Blick auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie. Seine berühmte, melancholische Komposition "Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben" zum experimentellen Film von Joris Ivens entsteht 1941, als Hitlerdeutschland die Sowjetunion überfällt. Da hat Eisler in Hollywood Fuß gefasst. Es geht ihm besser als anderen Exilanten. Er schreibt Medlodien für seine Liederbücher. Für seinen Beitrag zu Fritz Langs Anti-NS-Film "Auch Henker sterben", der sich um das Attentat auf NS-Reichsprotektor Heydrich dreht, wird er 1943 sogar für den Oscar nominiert.

Von Hollywood nach Ostberlin

Vorwärts und nicht vergessen: Der Komponist Hanns Eisler
(K)ein Denkmal Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch im selben Jahr beginnt das FBI, sein Haus zu überwachen. Eisler gilt als Kommunist, der sich auch für die amerikanische Arbeiterbewegung engagiert. Nach 1945 beginnt der Kalte Krieg und Eisler, der immer noch kein sicheres Visum hat, wird 1947 vor das "Komitee für unamerikanisches Verhalten" zitiert. Dass man ihn nun in den Zeitungen als "Karl Marx der Musik" tituliert, greift er vor dem Komitee mit den Worten auf: "Ich muss diese Ehre zurückweisen: So weit habe ich es nicht gebracht." 1948 wird er ausgewiesen.

Künstlerfreunde wie Chaplin, Picasso oder Thomas Mann, doch Kollegen-Neid und antisemitische Ausfälle gibt es auch. Nach einigem Zögern siedelt Eisler 1949 über in die DDR - und komponiert dem jungen Arbeiter- und Bauernstaat eine Hymne: "Auferstanden aus Ruinen". Das bringt ihm den Nationalpreis erster Klasse, im Westen macht ihn die "Spalter-Hymne" unpopulär.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 06. Juli 2018 | 22:05 Uhr

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