Interview Heavy Metal in der DDR: Harte Klänge hinterm eisernen Vorhang

Die DDR hatte eine lebendige Metal-Szene. Der Staat reagierte darauf zwiespältig: einerseits mit Zensur und Überwachung, andererseits mit offizieller Kulturförderung. Der Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach von der Hochschule für Musik Weimar hat über die Metal-Szene der DDR promoviert. Ein Interview.

Michaela Burkhardt mit der Heavy Metal-Band "Plattform"
Die Heavy-Metal-Band "Plattform", gegründet 1980 in Cottbus. Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

MDR KULTUR: Was ist es, was diese Musik generell so interessant macht? Warum hat Heavy Metal so viele Fans?

Wolf-Georg Zaddach: Man muss da wahrscheinlich ein bisschen weiter ausholen und sich die Geschichte von Jugendkulturen insgesamt anschauen in der westlichen Hemisphäre. Wenn wir da in die Sechzigerjahre reinschauen, haben wir die Counter-Culture-Bewegung, die Herausbildung von Jugendkulturen. Da ist schon ganz viel Rebellion drin. Und auch Heavy Metal wurzelt in dieser Zeit.

Und Heavy Metal wächst da raus als eine neue Jugendkultur in den Siebzigerjahren. Es ist eine alternative Kultur, die entwickelt sich als etwas zum Mainstream oder zu den aktuellen Meinungen in der Gesellschaft. Das Besondere ist bei Heavy Metal, dass der ästhetische Genuss ganz stark im Mittelpunkt steht. Es ist eine sehr eigenbezügliche Jugendkultur, baut einen eigenen Kosmos auf, mit ganz vielen Bezügen in sich selbst und schafft es auch, ein Stück weit sich abzuschotten gegenüber anderen Teilbereichen der Gesellschaft. Und sorgt darüber für eine unglaublich hohe Faszination und Bindungskraft. Es ist immer noch eine Jugendkultur, aber auch eine gealterte Jugendkultur. Wir haben heute sowohl 60- als auch 50-Jährige in dieser Szene.

Die Absonderung, das Rebellische dürfte wahrscheinlich den Kulturfunktionären in der damaligen DDR nicht gefallen haben. Wie sah die Situation Mitte der 70er-Jahre für den Heavy Metal in der DDR aus?

Also in den Siebzigerjahren müssen wir fast ein bisschen unterscheiden zwischen Hardrock und Heavy Metal. Hardrock gibt es schon. Hardrock ist in den Siebzigerjahren in der DDR dann tatsächlich akzeptiert. Da hat man Anfang der Siebzigerjahre wieder eingelenkt und zum Beispiel über die FDJ Gitarrengruppen gefördert. Hardrock oder Rockmusik insgesamt wurde dann auch viel stärker in die staatlichen Strukturen der Kulturförderung eingebunden. Es wurde integriert, könnte man fast sagen, es wurde quasi domestiziert, und es gab einen DDR-Rock.

Bei Heavy Metal sieht das ganz anders aus. Als er rüberschwappte um 1980 und die ersten Bands anfingen, auch in dem Style zu spielen, wurde es zunächst abgelehnt. Ähnlich wie beim Punk wenige Jahre zuvor ging man erst mal ganz hart gegen diese Musik vor.

Viele der Metal-Bands in der DDR sangen deutsch – anders als die Bands im Westen. War das möglicherweise eine Art "Persilschein" für die harte Musik in der DDR?

Das DDR System hatte ja ein Kulturförderungssystem, in dem jeder Musiker, der auf der Bühne stehen oder im Studio etwas aufnehmen wollte, egal ob Profi oder Amateur, der musste vorspielen vor einer Kommission. Und die Kommission hat die Texte auch angeschaut – vor allem die Texte.

Es war letztlich auch ein Zensurinstrument, mit dem man dann schauen konnte: Wer ist hier staatskritisch oder wo ist das okay? Und deutsche Texte waren eigentlich eine Notwendigkeit. Das löst sich in den Achtzigerjahren allmählich auf, gerade im Heavy Metal. Da haben wir dann interessante Bands wie "Moskito" oder "Darkness" aus Berlin, die, gegen Ende der Achtzigerjahre vor allem, kritische Texte auf Englisch singen.

Was passierte mit den Musikern aus der Ost-Metal-Szene nach der Wende?

Also für die Musiker war die Wende eigentlich ein sehr harter Einschnitt. Denn die Bands, die offiziell zugelassen waren, also die eine Einstufung hatten, denen ging es gar nicht so schlecht – wenn man jetzt mal die ganzen Einschränkungen außen vor lässt. Denn das Kultursystem der DDR funktionierte so: Wenn man akzeptiert ist und integriert ist, dann wird man bezahlt nach Tabellen.

Das heißt, ein als Profi eingestufter Musiker verdiente weitaus überdurchschnittlich. Das war ein Großverdiener im Vergleich zum Rest der Bevölkerung. Man hatte sehr viele Aufträge, man war viel unterwegs. Und all dies brach dann weg. Das heißt, man war nach der Wende damit konfrontiert, man muss Verträge aushandeln für Konzerte, Verträge aushandeln mit Labels, die Interesse haben.

Die westlichen Labels waren eigentlich sehr begeistert, denn sie wollten diesen Markt ganz schnell erschließen. Nicht nur mit den eigenen Produkten überschwemmen, sondern gleichzeitig auch schauen, wen kann man da abgreifen als lokale Band. Da ist "Blitz" aus Erfurt ein Beispiel, die es geschafft haben, die dann auch erstmal bei SBV in Hannover unter Vertrag waren. Für die meisten Bands war das aber ein sehr harter Einschnitt, der den Fortbestand schwierig machte.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderatorin Ellen Schweda.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Februar 2020 | 18:05 Uhr

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