Politik und Religion Wie Politiker sich als Heilsbringer inszenieren

In Religionen gibt es meist Heilsbringer, die eines Tages die Welt retten sollen. So ähnlich versprechen das auch viele Politiker – und bedienen sich dabei religiöser Motive, sagt Religionssoziologe Detlef Pollack im Interview.

Der SPD-Parteivorsitzende Martin Schulz spricht am 17.11.2017 in Berlin in der Parteizentrale zu Journalisten
Der damalige SPD-Vorsitzende Martin Schulz im November 2017 im Willy-Brandt-Haus Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: In der Politik ist ja ständig zu erleben, wie Menschen zu Heilsbringern stilisiert werden. Martin Schulz galt eine Zeit lang als Erlöser der SPD, Barack Obama als Wegbereiter des Weltfriedens und Greta Thunberg nun als Retterin des Weltklimas. Treten die eigentlich selbst als Heilsbringer auf oder werden die von anderen dazu gemacht?

Detlef Pollack: Zum Teil beides, würde ich sagen. Also bei Martin Schulz, das Wahlergebnis war eindeutig: 100 Prozent. Das erinnert wirklich an die frühere DDR. Und wenn ich das richtig beobachtet habe, hat Martin Schulz ja tatsächlich auch das befeuert. Also er hat ja dann auch den Jusos zugerufen: "Ruft doch mal 'Martin!'" Sehr viel dümmer geht es irgendwie nicht. Das muss man natürlich zurücknehmen als jemand, der als Heilsbringer verehrt wird, muss sagen: Bleibt bitter auf dem Boden, und ich kann das nicht leisten, und dann kann man miteinander arbeiten.

Und bei Greta Thunberg, das hat schon was Apokalyptisches, wenn sie dann sagt: Ich will, dass ihr Panik bekommt, so wie ich Panik habe, und gewissermaßen den Klimaschutz zum Nonplusultra macht, ist auch irgendwie damit verbunden, dass gewissermaßen die Botschaft versendet wird: Niemand kommt an ihren Ansagen vorbei.

Eigentlich sind es ja doch immer andere, das ist die Masse, die Heilsbringer erschaffen. Die wenigsten mit dem Nimbus jedenfalls behaupten so etwas von sich selber. Also ohne Gemeinde ist ein Prophet nicht denkbar. Wie kommt es nun zu der, also was braucht es in erster Linie, Charisma, gesellschaftlichen Konsens oder eine Vision?

Greta Thunberg, Klimaaktivistin aus Schweden, ist auf dem Titel vom «Time Magazine» abgebildet.
Die Klimaschützerin Greta Thunberg auf dem Cover vom "Time Magazine" Bildrechte: dpa

Da würde ich erstmal ganz unbedingt Recht geben. Also es kann keine Charismatiker geben, keine Heilsbringer, wenn sie nicht auf Glauben stoßen. Sie werden auch erzeugt durch bestimmte Stimmungen, durch Einstellungen, durch Haltungen. Aber sie tragen natürlich auch selber dazu bei. Und eins der wesentlichen Mittel besteht darin, dass man die Welt einteilt in Gut und Böse und gewissermaßen sich zum Anwalt des Guten macht. Und dann, wenn man sozusagen zeigen will, wie bedeutsam man ist, die eigene Leistung in Kontrast setzt zu dem, was es an Krise und an Chaos in der Welt gibt.

Das sehen wir bei den amerikanischen Präsidenten ganz exemplarisch, wie sozusagen schon bei George W. Bush eine "Achse des Bösen" unterschieden wird von den Guten, und einen Krieg gegen den Terror anzuzetteln, also da spielt der Glaube der Menschen eine Rolle, aber natürlich auch die Aktion der Akteure.

Gibt es aus Ihrer Sicht politische Strömungen, die besonders gerne Heilsbotschaften verkünden?

Zum Beispiel gibt es einen starken Zusammenhang zwischen grün-ökologischen Bewegungen und einer religiösen Aufladung der eigenen politischen Botschaft. Diese Vorstellung, es ist kurz vor zwölf, das hört man seit 30 Jahren, wir müssen umkehren, und wenn es nicht sofort passiert, dann wird die Welt untergehen. Da werden auch bestimmte religiöse Metaphern, religiöse Diskurse benutzt, um eine Stimmung zu erzeugen, die eine Dringlichkeit suggeriert, dass man gewissermaßen dem gar nicht mehr ausweichen kann. Das hat schon religiöse Qualität.

Politiker übernehmen Sprache und Symbole gern auch aus dem Bereich der Religion. Die Politik lädt sich quasi selber religiös auf, das hatten wir jetzt schon angedeutet. Und gleichzeitig passiert eine Bedeutungsverschiebung. Können Sie uns die mal näher beschreiben, auch gerade im Moment, was da so vor sich geht?

Typischerweise haben ja Religionen zu dem, was sie verkünden, auch eine gewissen Distanz. Also im Christentum: Wir leben schon in einer Zeit des Reiches Gottes, aber das Reich Gottes ist noch nicht angebrochen. Also sozusagen das wird immer auch gebrochen. Und diese kritische Distanz fehlt zuweilen, wenn man sagt: Jetzt muss es passieren, und jetzt ist der Augenblick, wo die Nation sozusagen auf dem Spiel steht, wo die Krise bewältigt werden muss.

Ich finde, dass in Religionen ein so genannter, das ist der theologischer Ausdruck, ein eschatologischer Vorbehalt wirksam ist, der dazu führt, dass das Heil nicht jetzt anbricht, obwohl es jetzt schon vorscheint, sondern erst im Jenseits, in der Endzeit.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderatorin Ilka Hein-Cronjaeger.

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Ein Kruzifix auf einer aufgeschlagenen Bibel 4 min
Bildrechte: IMAGO
Hände halten eine Bibel 7 min
Bildrechte: Colourbox.de

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Dezember 2019 | 18:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2019, 12:47 Uhr

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