Trauer "Über sieben Brücken": Schriftsteller und Lyriker Helmut Richter gestorben

Der Leipziger Schriftsteller und Lyriker Helmut Richter ist tot. Wie MDR KULTUR von seiner Ehefrau erfuhr, starb er am Sonntag in einem Leipziger Krankenhaus im Alter von 85 Jahren. Neben seinem bekannten Roman "Scheidungsprozess" und den Hörspielen "Schornsteinbauer" und "Alfons Köhler" erlangte er europaweite Bekanntheit als Textdichter des Liedes "Über sieben Brücken musst du gehen".

Der Leipziger Schriftsteller und Lyriker Helmut Richter ist tot. Wie MDR KULTUR von seiner Ehefrau erfuhr, starb er am Sonntag in einem Leipziger Krankenhaus im Alter von 85 Jahren. Neben seinem bekannten Roman "Scheidungsprozess" und den Hörspielen "Schornsteinbauer" und "Alfons Köhler" erlangte er europaweite Bekanntheit als Textdichter des Liedes "Über sieben Brücken musst du gehen".

Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück
manchmal bin ich ohne Rast und Ruh
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß
manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß
machmal bin ich schon am Morgen müd
und dann such ich Trost in einem Lied
Über sieben Brücken musst du gehen
sieben dunkle Jahre überstehn
sieben Mal wirst du die Asche sein
aber einmal auch der helle Schein

Aus: "Über sieben Brücken musst du gehen" Helmut Richter

Vom Abspann zum Welthit

Karat 1 min
Bildrechte: Michael Petersohn

MDR JUMP Di 01.10.2019 14:49Uhr 00:30 min

https://www.jumpradio.de/aktion/sound-der-wende/karat-ueber-sieben-bruecken-102.html

Rechte: MDR JUMP

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Die Zeilen klingen, als ob sie aus einem Märchen oder Volkslied stammen. Für den gleichnamigen Film hatte Ulrich "Ed" Swillms, Keyboarder der Ostberliner Band Karat, Richters Verse vertont. "Über sieben Brücken musst du gehen" erzählt die traurige Liebesgeschichte eines deutsch-polnischen Paares, gesendet wurde der Film am 30. April 1978 im DDR-Fernsehen. Zum Ende lief über dem vierminütigem Abspann das von Herbert Dreilich gesungene Lied. Schon am selben Abend riefen zig Zuschauer an und erkundigten sich nach dem Titel, der ein Welthit werden sollte. Das ahnte Richter schon, als er den Song zum ersten Mal auf einem Demo-Band hörte, wie er später augenzwinkernd erzählte. 1979 veröffentlichte Karat das gleichnamige Album bei Amiga, unter dem Titel "Albatros" erschien die Platte kurz darauf in der Bundesrepublik und verkaufte sich fast eine Million Mal. Peter Maffay brachte das Lied 1980 in neuem Arrangement mit einprägsamem Saxophon-Solo heraus und machte es noch bekannter. Maffays Album "Revanche", das den Titel enthält, verkaufte sich weit über zwei Millionen Mal. Covers von Vicky Leandros, Max Raabe oder Jose Carreras erscheinen, mehr als 100 Interpretationen in rund 30 Sprachen existieren.

Dabei stand am Anfang dieser besonderen Erfolgsgeschichte ein Verbot für Helmut Richter, der überhaupt erst auf Umwegen zum Schriftsteller geworden war und Anfang der Fünfziger Jahre in Leipzig lebte.

Vom Schneiderssohn zum Physiker zum Autor: Ferne Ufer

Als Sohn eines Schneiders wurde Helmut Richter am 30. November 1933 im mährischen Freudenthal geboren. Der Vater starb früh. Mit seiner Mutter wurde Richter kurz nach Kriegsende als Sudetendeutscher vertrieben. Nach mehrwöchiger Irrfahrt landete er in einem Dorf an der Elbe in Sachsen-Anhalt. Zunächst verdingte er sich als Landarbeiter und Maschinenschlosser, nach dem Besuch der Arbeiter- und Bauern-Fakultät studierte er Physik in Leipzig und war danach als Prüfingenieur tätig. Anfang der Sechziger Jahre entdeckte er seine Begabung fürs Schreiben und begann, am "Johannes R. Becher"-Institut für Literatur in Leipzig zu studieren. Sein prägender Lehrer war der Dichter Georg Maurer. Ab 1970 leitete Richter dort selbst das Lyrik-Seminar.

Als freiberuflicher Autor begann Richter mit einer Reportage über eine Großbaustelle, auf der Polen, Russen, Ungarn und Deutsche mehr oder weniger gemeinsam arbeiten. Honecker persönlich intervenierte, das Buch wurde eingestampft. Richter aber blieb beim Thema der proklamierten Völkerfreundschaft, weil er – wie er später erzählte – der Meinung gewesen sei, bis diese neue versöhnte, sozialistische Völkerfamilie erreicht sei, "wird noch über viele Brücken gegangen werden müssen". Das Thema variierte Richter 1975 in der Liebesgeschichte zwischen der Deutschen Gitta und dem Polen Jerzy. Für den Titel "Brücke zwischen zwei fernen Ufern", gemeint sind Oder und Neiße, wurde ihm erneut der Kopf gewaschen. Dennoch wollte der DDR-Fernsehfunk Richters Liebesgeschichte, obwohl sie in einer Trennung endet, gerne erzählen. In einer Zeit, die es politisch gesehen in sich hatte – zwischen Biermann-Ausbürgerung, Manfred-Krug-Ausreise oder Bahro-Verhaftung – schrieb Richter das Szenarium für den Film.

Herausgeber, Dozent und Instituts-Direktor

Auf ein Lied lässt sich das Leben und Schaffen des Autors freilich nicht reduzieren. Im Jahr 1982 gründete Helmut Richter das Kulturalmanach "Leipziger Blätter", bis 1989 war er deren Cheflektor. Die Zeitschrift gibt es bis heute. 1990 wurde er zum Direktor des Literatur-Institutes gewählt, an dem er zuvor als Dozent tätig war. Gemeinsam mit seinen Kollegen, Studenten und unterstützt von prominenten Autoren wie Elfriede Jelinek oder Peter Turrini gelang es ihm, die Schließung abzuwenden, und legte so den Grundstein für den Fortbestand der Hochschulausbildung für angehende Autoren. Gleichwohl kündigte er seinen Vertrag dort 1992 vorzeitig und arbeitete seit 1993 wieder freiberuflich als Lyriker und Schriftsteller.

Ein Lied wie ein Gebet

Unterdessen wurde "Über sieben Brücken musst du gehen" zum Volkslied und alterte nicht. 2014, zum 25-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution, also auch der entscheidenden Montagsdemonstration vom 9. Oktober stimmte es Gewandhauskapellmeister Kurt Masur bei einer Gesprächsrunde zum Thema "Die Macht der Musik" in der Leipziger Peterskirche plötzlich an. Auf dem Podium saßen außerdem Altkanzler Helmut Schmidt und Peter Maffay, der sofort verstand, was Masur dazu veranlasste. Maffay erklärte, manchmal sei ein Lied wie ein Gebet.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. November 2019 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2019, 14:12 Uhr

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