Henning Mankell, 2014
Henning Mankell (1948 – 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Mosambik. Bildrechte: dpa

Buchkritik "Der Sprengmeister" Mankells Debütroman erstmals auf Deutsch veröffentlicht

Mehr als 40 Bücher veröffentlichte Henning Mankell zu Lebzeiten. Nicht selten waren es zwei oder gar drei pro Jahr. Die meisten dieser Werke sind längst ins Deutsche übertragen und eroberten die Bestsellerlisten, allen voran die Wallander-Krimis. Doch nach dem Tod des Autors blieb ein Restfundus von unübersetzten Texten, der Überraschungen birgt. 2017 brachte der Zsolnay Verlag erstmals den frühen Roman "Der Sandmaler" heraus. Jetzt folgt Mankells Debüt, das 1973 in Schweden unter dem Titel "Der Sprengmeister" erschien. Kritiker Ulf Heise stellt es im Interview vor.

Henning Mankell, 2014
Henning Mankell (1948 – 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Mosambik. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Warum hat es so lange gedauert, bis Mankells Erstling in deutscher Sprache herauskam?

Ulf Heise: Darüber lässt sich nur spekulieren. In erster Linie hängt die Verzögerung sicherlich damit zusammen, dass Mankells Lizenzverlag im deutschsprachigen Raum, also Paul Zsolnay in Wien, über fast zwei Jahrzehnte gut damit beschäftigt war, eine gigantische Werbekampagne für die Wallander-Krimis und die übrigen Romane des Autors zu inszenieren. Außerdem ist es bei Erfolgsschriftstellern vom Range Mankells heute üblich, sie postum, also nach dem Tode des Autors, gezielt weiter zu vermarkten, um ordentlich Gewinn abzuräumen. Das ist ja nichts Verwerfliches. Dazu zaubert man dann gern aus dem Tornister, was sich noch an weitgehend unbekannten Werken findet.

Oft erfüllen solche literarischen Ausgrabungen dann aber in punkto Qualität nicht die Erwartungen – Wie verhält sich das hier?

Man darf nicht mit der Vorstellung an das Buch herangehen, dass man hier auf einen Mankell trifft, der so schreibt wie in den 1990er Jahren. Der Autor war gerade einmal 25, als er diesen Roman verfasste und hatte sich bis dahin nur als Theaterregisseur und Journalist betätigt. Was Prosa betraf, betrat er ein Experimentierfeld, also Neuland. Das heißt aber keineswegs, dass man es mit einer enttäuschenden oder kümmerlichen Arbeit zu tun bekommt. Die kleinen erzählerischen Schwächen, die das Manuskript aufweist, sind allesamt verzeihlich.  

Lässt sich an dem Roman schon etwas erkennen, das für den späteren Mankell typisch ist?

Henning Mankell: Der Sprengmeister
"Der Sprengmeister" ist im Zsolnay-Verlag erschienen. Bildrechte: Zsolnay

Ja, nämlich die ausgeprägte sozial- und gesellschaftskritische Ader. Nicht umsonst rückt der Autor einen armen Lohnarbeiter ins Zentrum des Buches, der unentwegt von einer besseren und gerechteren Gesellschaft träumt. Dieser Mann namens Oskar Johansson weiß eine entbehrungsreiche Kindheit hinter sich und ist 1911 als Sprengmeister bei einer schwedischen Tunnelbaufirma beschäftigt. Während der Fehlzündung einer Dynamitladung erleidet er schwerste Verletzungen, die ihn ein Auge und die rechte Hand kosten. Am anderen Arm verfügt er lediglich noch über zwei Finger, die er wie eine Kralle benutzt. Nach der Entlassung aus der Klinik sieht er so zerschunden aus wie die Schlachtopfer auf den Kriegsbildern von Otto Dix, doch er findet trotzdem bald eine einfache, sympathische Frau, mit der er drei Kinder zeugt. Ungeachtet seiner vielen körperlichen Handicaps wird er 81.

Wie schildert Mankell denn den Alltag des Behinderten?

Als Verkettung trostloser Momente. Im Schicksal seines Akteurs spiegelt sich das ganze Elend des Proletariats.  Man fühlt sich stark an das Milieu in Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“ erinnert, denn Oskar Johansson verfügt nie über genügend Geld, haust in ärmlichen Quartieren. Oft büßt er seinen Job ein und muss sich sowie seine Familie vor dem allergrößten Elend bewahren. Seine Vita gleicht einer Chronik von ewigen Missgeschicken und Verhängnissen. Mankells Beschwörung dieser bedrückenden und düsteren Stimmung besitzt Methode, denn der Autor will klarmachen, dass für Oskar Johansson nur eine Möglichkeit existiert, um sich perspektivisch aus seiner anhaltenden Misere zu befreien, nämlich der Eintritt in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens. Der Verstümmelte wagt mutig diesen Schritt, kapiert aber bald, dass seine wortgewaltigen Genossen zu lahm agieren, um frischen Wind zu entfachen. Nachdem ihm diese bittere Erkenntnis dämmert, wechselt er die Parteizugehörigkeit. Wo er sich von da an politisch geborgen fühlt, erwähnt Mankell nicht.         

Was motivierte Mankell, dieses Buch zu schreiben?

Zur Entstehungszeit des Romans wohnte er in Oslo, weil er mit einer Norwegerin zusammenlebte. Von seinem Schreibzimmer schaute der Autor auf die amerikanische Botschaft, vor der sich ständig Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg abspielten. Während dieser turbulenten Phase begann er mit Notizen zu seinem Debüt. Die aufgeheizte Atmosphäre der Ära schlug sich unmittelbar im Manuskript nieder, denn Mankell, der sich als Linker definierte, glaubte, dass der Imperialismus damals durch die aufflammenden Protestbewegungen "in den Fugen knarzte". Er hoffte, dass sich in den skandinavischen Staaten eine "revolutionäre Situation" nach Lenins Modell zusammenbraut. Alles in allem zeigt sich Mankell in diesem Debüt als Aufbegehrender, als Stürmer und Dränger, der danach strebte, die Welt aus den Angeln zu heben. Das von fast allen Kritikern gelobte Buch ebnete dem jungen Wilden den Weg zur literarischen Laufbahn. Danach erhielt er Stipendien und konnte, wie er sagte, "diverse Brötchenjobs aufgeben". Ohne die durch dieses Buch gewonnenen Freiheitsgrade hätte es den späteren Weltstar Henning Mankell nicht gegeben.

Angaben zum Buch Henning Mankell: Der Sprengmeister
Übersetzt aus dem Schwedischen von Verena Reichel, Annika Ernst
192 Seiten
ISBN : 978-3-552-05901-6
21,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. August 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2018, 04:00 Uhr

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