Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer in guter Stimmung trotz ernster Lage Bildrechte: dpa

Interview Grönemeyer verordnet Gelassenheit im großen "Tumult"

Vier Jahre mussten die Fans warten, am Freitag erscheint Herbert Grönemeyers neues Album: "Tumult" heißt es und der Titel passt zur Stimmung im Land. Nervös macht sie den Sänger scheinbar nicht. Im Gespräch mit MDR KULTUR-Musikredakteur Jan Kubon wirkt Grönemeyer entspannt. Muss man auch sein, findet er, gerade in diesen Zeiten. Der Sänger über die Lage der Nation, Magenschmerzen beim Texten, Glücksmomente - und mit dem Versprechen, 2019 für eine Studiosession in Halle vorbeizukommen.

Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer in guter Stimmung trotz ernster Lage Bildrechte: dpa

Herr Grönemeyer, es sind bewegte Zeiten, die schlimmen Szenen von Chemnitz waren der letzte Tiefpunkt in Sachen Verrohung und Intoleranz, darauf folgten "Wir sind mehr" und "Unteilbar" als große Bekundungsveranstaltungen dagegen. In dieser Gemengelage erscheint nun Ihr Album "Tumult". Kann man den Titel verstehen als musikalische Situationsbeschreibung zur Lage der Nation?

Sagen wir, es sind meine Gedanken zur Situation, in der ich mich und wir alle uns befinden. Es ist der Versuch, den Standort zu bestimmen und zu überlegen, wie geht man damit um.

Sie sind bekannt dafür, sich zu Wort zu melden - davon zeugen viele Titel Ihrer Platten, die man jetzt aufzählen könnte: "Die Härte" von "Chaos" (1993), "Unser Land" von "Dauernd Jetzt" aus 2014. Was hat sich aus Ihrer Sicht verändert in den letzten vier Jahren?

Durch die Flüchtlingsbewegung, durch das, was sie ausgelöst hat, die Ängste bei Menschen, das Erstarken der AfD, überhaupt dieses Erstarken der rechten Seite, bis hin zu den Auswüchsen in Chemnitz mit brutaler Hetzjagd; auch die Hatz, die im Netz stattfindet - das alles ist schon eine neue "Qualität". Deutschland hat sich in den letzten vier Jahren stark verändert.

Die anonyme Hetze im Netz ist auch Thema auf der neuen Platte, im Titel "Fall der Fälle" (...) Bei aller politischen Beladenheit und Skepsis ist dieses Album für mich voller Hoffnung und Lebensfreude.

Ja, absolut. Das ist wichtig, nicht um abzulenken. Ich glaube, man kann auch in einer unsicheren politischen Situation leichtfüßig und heiter Position beziehen. Das muss nicht streng und mit Stirnrunzeln passieren, sondern geht auch mit einer gewissen Ruhe, Gelassenheit und Reife. Meiner Meinung nach ist das die beste Form, Haltung und Standpunkt zu zeigen.

"Taufrisch" ist so ein Titel, der erstmal ziemlich taufrisch daher kommt und dann aufzählt, was alles so schief läuft: "Wir haben uns verpackt in Watte und Härte", heißt es darin. Das finde ich das Bemerkenswerte an der Platte, dass man immer den Spiegel vorgehalten bekommt. Sehen Sie sich auch als jemanden, der nach Antworten sucht und gerne welche gibt?

Ich komme aus dem Ruhrgebiet, da ist die Existenz geprägt von einer großen Anspannung - jetzt nicht bei mir in der Familie, aber allgemein und von der Mentalität her betrachtet. Die Bergleute sind eingefahren in die Grube und kamen abends wieder hoch. Da wurde nicht lange gefackelt, sondern nach Lösungen von Problemen gesucht. Trotzdem ist das Ruhrgebiet - glaube ich - ebenso bekannt für seinen Witz, seinen Humor, seine Verschmitztheit. Ich glaube, ich neige nicht zum langen Rumreden, sondern überlege, was man machen kann.

Wir sind jetzt in einer Phase, wo wir überlegen müssen: Wie wollen wir das Land in zehn Jahren haben, wie soll das aussehen, wie soll sich das anfühlen? Wenn wir jetzt noch keine Lösung haben, dann sollten wir sie suchen und uns nicht in Problem-Geschwafel vergraben.

"Fürs Klima ist jeder von uns verantwortlich!"

Im Titel "Bist du da" formulieren Sie diese Frage nach den Handlungsmöglichkeiten an den Zweifelnden ...

Das ist das Lied, das einfach sagt: Wir wollen uns nicht in Richtung Gestern bewegen, wir merken, dass eine Verrohung stattfindet, aber gleichzeitig können wir gegensteuern, aufstehen und dafür sorgen, dass das Klima aufgeklärt, humanistisch und leicht bleibt und sich nicht verbeißt und bösartig wird. Dafür ist jeder von uns verantwortlich.

Da haben Sie musikalisch auch eine tolle Sprache für gefunden ...

Rock der Achtziger, Stadionrock.

Ich sehe Sie das Lied schon auf der Bühne singen.

Ja, da habe ich mich schon tierisch gefreut, als ich den Chorus geschrieben habe, das knallt, das hat Druck und macht auch Spaß.

Ist es bei Ihnen immer noch so, dass erst die Musik da ist und dann die Texte kommen?

Immer erst die Musik. Wenn ich die Texte schreibe, muss ich mich hinsetzen und tief einatmen, da kriege ich auch Magenschmerzen für zwei Wochen. Texten verunsichert mich stark. Wenn ich dann mal drin bin, geht es dann. Ich gebe mir viel Mühe. Aber die Musik zu schreiben, das ist für mich viel elementarer und ein viel größerer Lustvorgang.

Dann reden wir doch mal über den Sound des Albums, verglichen mit "Dauernd Jetzt" und "Schiffsverkehr" gibt es sehr viel Elektronik, viele Sounds klingen sehr künstlerisch, modern, international, das mit deutschen Texten übereinander zu kriegen, das war schwer für mich. Haben Sie da innerlich nicht manchmal auch die Befürchtung, wenn die Musik zu gut, zu fett klingt, dass man dann nicht mehr so auf den Text hört?

(Lacht) Auch wenn das jetzt verwirrend klingt, für mich ist der Text auch eine musikalische Einheit, wegen der Rhythmik, der Kraft, die Sprache hat. Die hat auch was Perkussives. Es ist nicht nur die semantische Ebene, die beim Text wichtig ist. Ich glaube, dass ein schlechter Text eine Musik aufweicht, ein zu inhaltsschwerer sie wiederum belastet. Es ist eine irre Gratwanderung. Ich habe für die Platte, glaube ich, über 70 Texte geschrieben, was eben zeigt: Viele haben nicht funktioniert.

Bleiben wir bei der Musik. Es gibt diesen Song "Doppelherz", da singen Sie am Anfang türkisch, man denkt: Ach hier soll es um die großen politischen Themen gehen. Wenn man dann weiter hört und auch das Video sieht, kriegt man mit, eigentlich handelt das Lied von ganz allgemeinen menschlichen Sehnsüchten, Aufbrüchen, Grenzüberschreitungen: Die Braut, die dort verheiratet werden soll, ist eigentlich verliebt in die Bassistin der Band und haut dann mit der auch ab …

Ja, es geht um Lebenslust, Sehnsüchte und Durcheinander, Vielfältigkeit und überhaupt nicht um Schwere, und ich habe versucht, einen musikalischen Partner dafür zu finden.

Sie haben mit dem Kreuzberger Rapper Andac Berkan Akbiyik alias BRKN zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Ich dachte, ein Rapper mit türkischen Wurzeln würde gut passen. Wir haben uns getroffen, ich habe ihm die Musik vorgespielt und war dann sehr verblüfft. Er ist ein Riesenkerl mit einem irre guten Humor, dabei sehr lässig und klug. Das hat einfach gepasst.

Der Musiker Herbert Grönemeyer (r) tritt zusammen mit dem Kreuzberger Sänger Andac Berkan Akbiyik alias BRKN (l) auf. 16 min
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Aber wie war das denn, als Sie zu ihm kamen: Hat er gesagt, ach, Sie sind doch der Herbert Grönemeyer, der …

Ne, ne lässig. Ich habe gesagt: Kann ich mal was vorspielen? Er: Ja, mach mal. Ich dachte für einen Moment, der meint jetzt vielleicht: Was will denn der Opa, will der jetzt auf modern machen oder auf dufte? Ich wollte eigentlich mit ihm zusammen singen. Er meinte, er würde lieber seinen eigenen Teil haben und rappen. Das war dann ein sehr spielerisches Zusammenarbeiten. Eigentlich soll das Lied einfach nur zeigen: Wir gehören auch kulturell zusammen. Wir haben alle die gleichen Sehnsüchte. Wir haben alle mehrere Heimaten, in unserem Kopf und in unserer Fantasie. Es soll Spaß machen und das Leben in seiner Schönheit begrüßen.

Dann bleiben wir mal bei der Schönheit des Lebens. "Sekundenglück" heißt gleich der erste Titel des Albums. Ich gestehe es, beim Ansehen des Videos musste ich ein bisschen weinen ...

Nein. (Lacht)

Doch. Bei den Glücksmomenten, die Sie dort darstellen lassen von Ihren Fans, die sind einfach universell. Wie kam es zu dieser Aktion, dass Sie Ihre Fans kurze Videoschnipsel und Fotos haben einschicken lassen, um daraus das Video zusammenzubauen. War das so nach dem Motto: Ich beteilige die mal und dann werden die auch meine Platte kaufen? Kleiner Scherz.

Ja, genau. (Lacht) Nein, ich wollte wirklich wissen, was sind die Momente, die bei anderen Menschen ein Glücksgefühl entstehen lassen. Das ist ja das, was das Leben ausmacht, diese kurzen Momente, die einen plötzlich überfallen. Ich muss gerade an den einen denken, der sich vom Zehn-Meter-Turm fallen lässt ...

Der sieht ein bisschen aus wie ich ...

Den hätte ich gern sieben Mal reingeschnitten … oder dieses Pärchen, das da einfach nur über die Straße geht, so schön albern. Oder wie die Polizei eine Ziege von den Schienen rettet. Ich glaube, das ist das, was dem Leben seine Würze verleiht. Wir waren dann auch selber perplex, was da alles kam.

Sie gehen auf Tumult-Tour im nächsten Sommer, vielleicht kommen Sie mal hier vorbei in Halle zur Studiosession. Wir haben ein sehr schönes Studio!

(Lacht) Es hat mich noch keiner eingeladen.

Das tue ich hiermit!

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. November 2018 | 16:41 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2018, 04:00 Uhr

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