Interview zu Lernräumen Entwicklungsforscher: Wir müssen Natur für unsere Kinder schaffen

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Vater von vier Kindern. Er forscht zu Fragen der kindlichen Entwicklung und veröffentlichte unter anderem gemeinsam mit dem Neurobiologen Gerald Hüther das Buch "Wie Kinder heute wachsen". Im Interview mit MDR KULTUR spricht er darüber, was Bewegungsmangel mit Kindern macht und erklärt, wie einfach es wäre, Lernräume in der Natur zu schaffen.

MDR KULTUR: Häufig wird diskutiert, dass gerade Kinder in Großstädten sich zu wenig bewegen. Hängt die Bewegungsmotivation denn von der Umgebung ab?

Herbert Renz-Polster: Nein. Kinder werden ja sozusagen "geliefert" mit einem Bewegungsprogramm. Sie wollen sich bewegen, freuen sich an Bewegungen. Sie sehen einen Baum und wollen da sofort hochklettern – und wachsen daran.

Inwiefern wird dieser natürliche Bewegungsdrang in der Gegenwart gehindert?

Nicht nur der Bewegungsdrang wird ausgebremst, sondern auch das selbstgesteuerte Sich-Ziele-setzen. Es geht ja nicht nur um die Natur dort draußen, für Kinder sind auch Orte wie eine Bühne, ein Speicher oder eine Baustelle ein toller Entwicklungsraum. Auch das wird ausgebremst. Tatsächlich ist der Aktionsradius von Kindern immer kleiner geworden. Sie verbringen viel Zeit in Institutionen wie Kita oder Schule. Und obwohl es dort oft tolle Möglichkeiten gibt, sich zu bewegen, sind sie viel mit anderen Dingen beschäftigt.

Was macht das denn mit den Kindern?

Cover: H. Renz-Polster, G. Hüther: Wie Kinder heute wachsen. Ein neuer Blick auf das kindliche Denken, Fühlen und Lernen
"Wie Kinder heute wachsen" erschien 2013. Bildrechte: Beltz

Das ist natürlich bei jedem Kind anders. Aber wenn man sich Kinder in ihrer Entwicklung anschaut, dann haben sie ja eigentlich eine ganz seltsame Aufgabe: Sie müssen sich vorbereiten auf irgendein Leben, das da mal kommt. Kinder brauchen also Mut, Begeisterungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Kreativität. Dass sie mit sich und anderen klarkommen. Nur – das erlernen sie nicht, wenn sie unsere "Programme abspielen".

Sie müssen wachsen an den Schätzen, die sie heben im Alltag. Wir Erwachsene können das nicht für sie erledigen. Je vorgegebener eine Umgebung ist, desto weniger finden Kinder ihre Zone, in der sie weder unter- noch überfordert sind. Die Natur dagegen ist dafür ideal.

In der Großstadt gibt es aber nur vereinzelt Kletterbäume und Bachläufe. Was können die Kinder dort denn tun?

Wichtig ist, dass Kinder Zugang zu wilden und "unstrukturierten" Flächen haben. Zum Beispiel in der Kita. Ich besuche ja viele Kitas und empfinde diese Orte oft als die in Beton gegossene Feststellung, dass Kinder nichts zu sagen haben. Man könnte dort wirklich wunderbare Entdeckungsgelände schaffen, indem man eine Baufirma kommen lässt und diese mit dem Bagger einfach mal die Erde aufwirft. Ich sehe uns Große da in der Pflicht. Wir können uns nicht zurückziehen und sagen – "Es gibt ja keine Natur mehr". Wir können sie schaffen!

Die Fragen stellte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Zum Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 18. Oktober 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2018, 11:48 Uhr

Zum Weiterlesen