Ein Mann mit kurzen Haaren, Vollbart und blauen Augen trägt einen blauen Pulli.
Lars Eidinger liest "Kaffee und Zigaretten" ohne ein Lächeln. Bildrechte: dpa

Hörbuch Lars Eidinger liest Ferdinand von Schirachs "Kaffee und Zigaretten"

In seinem jüngsten Bestseller "Kaffee und Zigaretten" erzählt Ferdinand von Schirach Geschichten aus seinem Leben. In der Hörbuch-Fassung bringt Lars Eidinger Melancholie und Nüchternheit der Vorlage gut zur Geltung, findet unsere Kritikerin.

von Kerstin Holl, MDR KULTUR

Ein Mann mit kurzen Haaren, Vollbart und blauen Augen trägt einen blauen Pulli.
Lars Eidinger liest "Kaffee und Zigaretten" ohne ein Lächeln. Bildrechte: dpa

Das Hörbuch "Kaffee und Zigaretten" beginnt wie einer der Bestseller, die Ferdinand von Schirach in den vergangenen zehn Jahren veröffentlich hat: In kühler, sachlicher Sprache wird uns aus der Sicht eines Jungen eine Umgebung geschildert: Ein Teich mit Fischen und Libellen, Jagdhunde, der Vater und die Feststellung, dass es an diesem Ort keine glückliche Kindheit gibt. Doch dieses Mal geht es um seinen eigenen Fall.

Den eines in sich gekehrten Jungen, eingezwängt in angestaubte Traditionen eines altehrwürdigen, jedoch nicht immer ruhmreichen Adelsgeschlechts. Bereits mit neun Jahren wird er fortgeschickt, tauscht die einen elitären Mauern gegen andere ein: die des Jesuiten-Kollegs St. Blasien. Eine Kindheit, um die man den Schriftsteller wahrlich nicht beneidet.

Hörbuch-Cover Ferdinand von Schirach: "Kaffee und Zigaretten" 1 min
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MDR FERNSEHEN Do 02.05.2019 12:37Uhr 01:19 min

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"Als sie ankommen, ist er eingeschüchtert von der riesigen Kuppel des Doms, den barocken Gebäuden und den schwarzen Soutanen der Padres. Sein Bett steht in einem Schlafsaal mit 30 anderen Betten. Im Waschraum hängen die Becken nebeneinander an der Wand. Es gibt nur kaltes Wasser. In der ersten Nacht denkt er: Bald wird das Licht wieder eingeschaltet, und jemand wird sagen: 'Du warst tapfer. Jetzt ist es vorbei, und du darfst wieder nach Hause.'"
Aus "Kaffee und Zigaretten" von Ferdinand von Schirach

Doch daraus wird nichts. Und das, was anschließend aus der Jugend des Autors zu erfahren ist, ist wenig freudvoller. Es sind verstörende Schilderungen, fatalistisch, traurig ... ernüchternd.

Lars Eidinger hat seiner Stimme bei der Aufnahme dieses Hörbuchs kein Lächeln gegönnt. Und es ist davon auszugehen, dass ihm gerade das besonders viel Spaß bereitet hat.

Kerstin Holl, MDR KULTUR

Von Schirachs Persönlichkeit scheint immer durch

Trotz der Kindheits- und Jugenderinnerungen Ferdinand von Schirachs ist "Kaffee und Zigaretten" keine Autobiografie. Vielmehr ist es eine Sammlung von Geschichten, Anekdoten oder auch Beobachtungen, in denen sich die Persönlichkeit des Autors mal stärker und mal schwächer, aber immer unverstellt offenbart.

"Irgendwann will sie wissen, warum er ist, wie er ist. Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen, denkt er. Er versucht es mit den Worten der Ärzte. Sie hört zu und nickt. Depressionen seien keine Traurigkeit, sagt er. Sie sind etwas ganz anderes. Er weiß, dass sie es nicht verstehen wird."
Aus "Kaffee und Zigaretten" von Ferdinand von Schirach

Bestsellerautor Ferdinand von Schirach
Der Autor Ferdinand von Schirach Bildrechte: dpa

Nüchternheit und Melancholie durchziehen das Hörbuch. So also betrachtet Ferdinand von Schirach Episoden aus seiner Gegenwart und Vergangenheit! Der Schauspieler Lars Eidinger, der gern in expressive und extreme Charaktere schlüpft, hat seiner Stimme bei der Aufnahme dieses Hörbuchs kein Lächeln gegönnt. Und es ist davon auszugehen, dass ihm gerade das besonders viel Spaß bereitet hat.

"Der dunkelgrüne Park, in dem ich aufwuchs, ist längst verkauft. Die Teiche mit den Seerosen und der gebogenen Brücke aus Holz, der Tennisplatz mit dem roten Sand, der an den weißen Hosen und Schuhen klebte, das Schwimmbad, auf dessen hellblauem Wasser die Blätter trieben, die Orangerie, die verwitterte Gärtnerei, die Pferdeställe – das alles gibt es nicht mehr. Die langsamen Tage meiner Kindheit, der Rauch der Zigaretten meines Vaters, das Bernsteinlicht der weichen Sommerabende – diese Welt ist nur noch in mir."
Aus "Kaffee und Zigaretten" von Ferdinand von Schirach

Eine Leidenschaft fürs Rauchen

Apropos Zigaretten: Während Kaffee – der Titel lässt anderes vermuten – in dem Hörbuch eher selten eine Rolle spielt, erfährt das Rauchen gleich mehrfach eine sinnliche Würdigung. Ob Mark Twain, Jean-Paul Belmondo oder Altkanzler Helmut Schmidt – Ferdinand von Schirach schließt sich den coolsten Rauchern dieser Welt gern und mit ausdrücklicher Leidenschaft an.

"Oft wird gesagt, die beste Zigarette sei die nach dem Sex. Das stimmt natürlich nicht. Diese Zigarette ist genauso wichtig wie alle anderen. Zigaretten sind die Verbündeten des Rauchers. Sie begleiten ihn in seinen Triumphen, sie sind in seinen Niederlagen bei ihm, und sie enttäuschen ihn nie. Ich stelle mir vor, wie Schmidt die erste Zigarette rauchte, nachdem feststand, dass er Kanzler wurde. Oder als er über den Tod von Hanns Martin Schleyer entscheiden musste. Er hat bestimmt auch in diesem Moment geraucht und es hat ihm gegen die grausame Einsamkeit seiner Entscheidung geholfen."
Aus "Kaffee und Zigaretten" von Ferdinand von Schirach

Raucher verstehen einander. Wenn Sie darüber hinaus noch mehr über die Innenwelten des inzwischen berühmtesten Strafverteidigers Deutschlands erfahren wollen, dann sei Ihnen "Kaffee und Zigaretten" wärmstens empfohlen – übrigens auch zu genießen bei Kaffee und Kuchen.

Angaben zum Hörbuch Ferdinand von Schirach: "Kaffee und Zigaretten"
gelesen von Lars Eidinger
3 CDs
erschienen bei "Der Hörverlag"

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. April 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2019, 04:00 Uhr

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