Hip-Hop-Band RUN DMC, 1987
Mit Bands wie Run-D.M.C. kam Hip-Hop-Musik in den 80er-Jahren von New York nach Deutschland. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Musik Keep it real – Die “Realness-Debatte” im Hip-Hop

Im Hip-Hop ist die Anweisung "Keep it real" eine der wenigen Regeln der auf Freiheit bedachten Bewegung. Dabei wird in den Texten der Musikrichtung eigentlich nie die Realität abgebildet. Was hat es mit dieser Realness im Hip-Hop auf sich? Henrik von Holtum, selbst Teil der Szene, ist der Frage nachgegangen.

Hip-Hop-Band RUN DMC, 1987
Mit Bands wie Run-D.M.C. kam Hip-Hop-Musik in den 80er-Jahren von New York nach Deutschland. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Rap, Grafitti und Breakdance - die Kultur des Hip-Hop, die in den 70er-Jahren in amerikanischen Großstadtghettos entstand, ist heute längst im Mainstream angekommen. Für Henrik von Holtum war diese Entwicklung nicht abzusehen, als er Mitte der 80er-Jahre Hip-Hop-Musik zum ersten Mal bewusst wahrnahm – den ersten Rap-Hit "Rapper's Delight" von der Sugar Hill Gang, "The Message" von Grandmaster Flash and the Furious Five und dann Run-D.M.C.

Ich war damals zwölf, ich hatte keine Ahnung von Soziologie, die Musikindustrie war mir egal, ich fand einfach, dass das knallt und dass niemand etwas darüber wusste, machte es noch besser.

Henrik von Holtum Keep it real

Zum einen war da dieses Erzählen vom "Struggle", von der echten Härte des Lebens, das in starkem Kontrast zu dem stand, was damals in den Medien gezeigt wurde. Was ihn aber am meisten anzog, war dieser unheimlich schnelle Sprechgesang. Rappen war neu!

Es war laut, aggressiv, großmäulig und ungehorsam. Es waren viel weniger die konkreten Worte und ihre Bedeutung als die Haltung, mit der sie rausgehauen wurden. Das war nicht real (deutsch), das war real (englisch), das wollte ich auch.

Henrik von Holtum Keep it real

Henrik von Holtum gab sich den Namen Textor und gründete 1994 mit seinem Freund Sascha Klammt, aka Quasi Modo, Kinderzimmer Productions. Das Ulmer Duo, das sich 2007 auflöste, galt in den 90er-Jahren als eine der innovativsten Hip-Hop-Bands des Landes.

Rap sei "The Art of Shit Talking" sagt US-Rapper Ice-T. Das meiste sei reines "Black Bravado". Henrik von Holtum beschreibt es als "die Fähigkeit, aus Nichts etwas zu machen, die Welt mit einem selbstentworfenen, übergroßen Ich zu konfrontieren, zu behaupten, man sei das Krasseste, was die Welt je zu sehen bekommen würde". Es ging weniger darum, zu sagen was ist, sondern was sein könnte. Hip-Hop war mehr als Musik. Es war eine Glaubensgemeinschaft, ein Spielraum, ein Lebensgefühl.

Der Autor Henrik von Holtum 30 min
Bildrechte: Gerald von Foris

Keep it real!

Der Wunsch nach Authentizität, nach "Echt sein" ist im Rap besonders wichtig. Musikjournalist und Hip-Hop-Experte Falk Schacht erinnert sich, dass "Keep it real" in den 90er-Jahren zum großen Thema wurde. Viele Songs befassten sich damit.

Heute gibt es dazu zwei vorherrschende Positionen. Die eine Seite der Hip-Hop-Welt kümmert sich um das vermeintliche Dogma nicht mehr. Die andere Seite will es echt. Deren Texte drehen sich zunehmend um Gewalt, Drogen und kriminellen Lifestyle, verherrlichen aggressives und machistisches Verhalten. Die eigene kriminelle Vergangenheit steigert die Glaubwürdigkeit. Doch nicht alle Hip-Hopper zeigen sich davon beindruckt.

Die Hamburger Rapperin Fantasma Goria versteht "Keep it real" eher im Sinne der Zulu Nation. Die wahrscheinliche früheste Hip-Hop-Organisation wurde 1973 von Afrika Bambaataa als Alternative für die Straßengangs gegründet. Die Mitglieder hatten strengen Regeln zu folgen. Die Gewalt der Straße wurde hier in einen künstlerischen Wettkampf umgewandelt. Viele der Werte und Ideale der Zulu Nation, wie Gerechtigkeit, Zusammenhalt, Freiheit, Respekt usw. wurden zu Grundlagen der Hip-Hop-Kultur, auch in Deutschland.

Falk Schacht hatte irgendwann genug von dem Dogma, mit dem seine Generation erzogen wurde. "Geständnisse eines geläuterten Realkeepers" lautet sein aktueller Vortrag. Der Rapper MF Doom gab sogar mal die Parole raus "Keep it unreal." Das gibt dem Hip-Hop wieder mehr Freiheit. Rapper erfinden fiktive Charaktere, geben sich verschiedene Namen, unter denen sie auftreten, versehen mit dem Akronym A.K.A. – also known as. Fantasma Goria hat viele Stimmen im Kopf: es gibt Madame Royal, es gibt Bitch Bizarre.

Aber wo fängt 'real' an und wo hört es auf? Wann wird die "Kunst des Scheißelaberns" zum Betrug? Über Henrik von Holtum kann man im Internet und in dem Buch "Die Trikont Story" nachlesen, dass seine Mutter eine berühmte schwedische Jazzsängerin war. Quelle dieser Information sind Plattentexte, die Markus Hablizel für Kinderzimmer Productions verfasst hat. Fiktive Bandmitgliedern, wie Tek Beton und Switcheroony, gab es bereits. Da lag es nah, sich auch für reale Personen eine fiktive Biografie auszudenken.

… und dann dichtet man der Mutter eben auch was an und erfindet der was, …, also war sie halt 'ne schwedische Jazzlegende, von der halt keiner mehr weiß, könnte ja gut sein.

Markus Hablizel Keep it real

Henrik von Holtums Mutter Lena Möllerstörm sagt, sie fände es nicht so schlimm, als Jazzlegende in die Geschichtsbücher einzugehen. Für Markus Hablizel ist Hip-Hop eine Musik, die etwas über eine bestimmte Zeit sagt. Ob es die Menschen und Situationen wirklich gegeben hat, findet er zweitranging. Es sei eine Typologie von Leuten und Sachen, die hätten passieren können und das sei auf eine Art 'real'.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Keep it Real – Wunsch und Wirklichkeit im Hip-Hop"
Von Henrik von Holtum

Mit Fantasma Goria, Fatoni, Flowin Immo, Markus Hablizel, Philippe A. Kayser, Lena Möllerström, Falk Schacht, Ralf Theil und Stefan Trischler

Sprecher: Leonie Brandis und Henrik von Holtum
Regie: Henrik von Holtum
Redaktion: Mareike Maage
Produktion: RBB 2019 (Ursendung)

Sendung: 12.01.2019 | 09:05-09:35 Uhrr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Keep it Real – Wunsch und Wirklichkeit im Hip-Hop" | 12. Januar 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2019, 04:00 Uhr

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