Horst Teltschik, Helmut Kohls außenpoltischer Berater
Horst Teltschik, ehemaliger außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl Bildrechte: dpa

Sachbuch Horst Teltschik fordert eine neue Entspannungspolitik

Horst Teltschik war außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. In seinem neuen Buch "Russisches Roulette" kritisiert er den Umgang des Westens mit Russland und zeigt, wie eine neue Entspannungspolitik gelingen könnte.

von Bernd Schekauski, MDR KULTUR-Politikredakteur

Horst Teltschik, Helmut Kohls außenpoltischer Berater
Horst Teltschik, ehemaliger außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl Bildrechte: dpa

Jammert der nicht einfach nur herum, der alte Mann?! Das Klischee vom Politiker auf dem Altenteil, der seine Zeit mit Nörgeleien verbringt, kommt nicht von ungefähr. Aber die Klagen, die Horst Teltschik vorbringt, wollen bei öffentlichen Lesungen in Leipzig etwa zahlreiche Menschen unbedingt hören. Nachvollziehbare Klagen zumal – wie etwa diese über eine neue Ost-West-Konfrontation.

Aus "Russisches Roulette" von Horst Teltschik "Nichts hat den Weg in die Konfrontation so beschleunigt wie das wachsende gegenseitige Misstrauen zwischen Russland und dem Westen. Gegenwärtig vermuten beide Seiten bei ihrem Gegenüber meist die schlimmstmöglichen Absichten und Motive."

Wie konnte es so weit kommen?

So tief sitze das Misstrauen, das man von einem großen Wurf für friedliche Partnerschaft derzeit nur träumen könne. Kleine Schritte, so Teltschik, die könnte man aber immerhin gehen. Die Ideen sind da. Derzeit leider nur kaum von Wert.

Und wie konnte es so weit kommen? Teltschik verweist auf eine beliebte Erklärung, wonach der Westen die Sowjetunion als Konkursmasse zur freien Bedienung betrachtet habe. Nicht ganz falsch, sagt er. Schwerwiegender findet er aber etwas scheinbar ganz Banales: "Die schlichte Überforderung durch das enorme Tempo, mit dem die Weltgeschichte voranschreitet."

Und Teltschik erinnert, was allein die Europäer plötzlich alles zu gestalten hatten: Integration neuer Mitglieder im Osten, Vollendung des Binnenmarktes, Wirtschafts- und Währungsunion. Neuerdings: eine Asyl- und Einwanderungs-, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Ein lahmender russischer Bär schien lange keine Herausforderung mehr. Der Westen pflegte wohlwollende Arroganz.

Putins ausgestreckte Hand griff ins Leere

Und die hielt selbst dann noch an, als das Chaos der Jelzin-Jahre sich dem Ende neigte und ein neuer Präsident, Wladimir Putin, den Kreml übernahm. Im September 2001 hielt Putin im Deutschen Bundestag eine denkwürdige Rede: er sprach von "besonderen Gefühlen" gegen Deutschland als "bedeutendem Zentrum der … Weltkultur". Er sprach von Frieden und von Partnerschaft. Der Bundestag applaudierte – und ließ es dabei bewenden. Die ausgestreckte Hand Putins griff ins Leere.

Längst hat das neue Russland nun der Welt gezeigt: Wir sind auch wieder wer! Das Land führte Krieg gegen Georgien, annektierte die Krim, hält einen Krieg in der Ostukraine am Köcheln, pampert in Syrien Diktator Assad, kungelt mit China – während es daheim mit allen Kräften in Rüstung investiert.

Was tun?, fragt Teltschik, wie weiland Lenin fragte. Antwort Teltschik: schnellstmöglich wieder Vertrauen schaffen!

Aus "Russisches Roulette" von Horst Teltschik "Das heißt nichts anderes, als dass man selbst bereit sein muss, sich einem gewissen Risiko auszusetzen, dass das entgegengebrachte Vertrauen missbraucht oder nicht mit dem gleichen Vertrauen beantwortet wird. Wenn ich Vertrauen gewinnen will, darf ich dem Partner aber keine Bedingungen stellen oder Sanktionen ankündigen."

Ein mahnendes Buch

Horst Teltschik hat – nicht nörgelnd, sehr wohl aber mahnend – ein Buch geschrieben, das uns die Mechanismen eines miserablen Beziehungs-Managements vor Augen führt. Das Fazit: Wer erwartet, dass Deeskalation nun zuerst immer eine Sache des anderen sei, der könnte bald schon aus einem kalten Frieden hinein in einen heißen Konflikt schlafwandeln – er spielte also: Russisches Roulette.

Angaben zum Buch Horst Teltschik: "Russisches Roulette"
erschienen bei C.H. Beck
234 Seiten
16,95 Euro (E-Book: 13,99 Euro)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. April 2019 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. April 2019, 13:58 Uhr

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