Geschichte um Leipziger Dealer als Netflix-Produktion "How to Sell Drugs Online (Fast)": Funktioniert "Shiny Flakes" als Serie?

Ein Leipziger Teenager machte vor einigen Jahren Schlagzeilen: Maximilian S., im Internet und Darknet bekannt unter seinem Pseudonym "Shiny Flakes", verschickte per Online-Versand Drogen in die ganze Welt, bis er festgenommen wurde. Alles von seinem Leipziger Kinderzimmer aus und größtenteils im Alleingang. Eine Geschichte, so absurd, dass sie nun vom Streamingdienst Netflix aufgegriffen wurde.

von Maximilian Enderling, MDR KULTUR

“How to Sell Drugs Online (Fast)” - so heißt das neue Netflix Original, das in sechs halbstündigen Folgen die Geschichte von "Shiny Flakes" nachzeichnet. Das Autorenteam (das auch hinter dem "Neo Magazin Royale" steckt) hat sich reichlich künstlerische Freiheiten genommen, schon beim Handlungsort: Anders als der reale Maximilian S. startet der Serien-Moritz seinen Versandhandel nicht vom Leipziger Stadtteil Gohlis aus, sondern in der fiktiven Kleinstadt Rinseln.

Die Dramaturgie funktioniert

Zwei junge Männer schauen über eine Hecke, hinter ihnen grasen Pferde.
Die Netflix-Produktion "How to sell drugs online (fast)" spielt auf dem Land. Bildrechte: Bernd Spauke

Serienautor Stefan Titze erklärt, dass dieser Ortswechsel vorgenommen wurde, um einen stärkeren Kontrast zu erreichen: zwischen den begrenzten Möglichkeiten in der realen Welt und den unbegrenzten Möglichkeiten im Internet. Manche Leipzigerinnen und Leipziger mögen deswegen enttäuscht sein, die Geschichte vom Drogenhändler "Shiny Flakes" kennt man schließlich aus der Lokalpresse.

Doch die Entscheidung tut der Serie tatsächlich gut. Der kleinstädtische Charakter der Drehorte macht die Handlung greifbarer. Andere Änderungen sind der Dramaturgie ebenfalls zuträglich, so bekommt Moritz einen besten Freund an die Seite, mit dem er den Onlinehandel gemeinsam aufbaut: Lenny, der unheilbar krank ist.

Aus Liebe zum Dealer werden?

Anders als die realen Gerichtsprozesse nahelegen, steht außerdem eine Liebesgeschichte im Fokus der Handlung. Und da beginnt die Serie leider, gefällig zu werden. Die bereits mit "Fack Ju Göhte" bekannt gewordene Lena Klenke spielt Moritz' Ex-Freundin Lisa. Dass diese als Grund für Moritz illegale Aktivitäten herhalten soll, ist wirklich mit der Brechstange herbeigedichtet. Klar, Romantik ist ein einfaches Mittel um die Zuschauerinnen und Zuschauer zu unterhalten und auch völlig legitim. Die moralischen Prozesse, die der reale Maximilian S. durchlaufen haben muss, wären aber der deutlich spannendere Fokus gewesen.

Und noch eine Schwäche hat "How to Sell Drugs Online (Fast)": Fans des US-amerikanischen Serienhits "Breaking Bad" dürften viele Déjà-Vu-Momente erleben. Etwa beim Polizisten in der eigenen Familie.

Von den Erfolgreichen lernen

Ein älterer Mann mit einer Tätowierung am Hals schiebt einen jüngeren Mann im Rollstuhl.
Bjarne Mädel überzeugt als Kleinkrimineller. Bildrechte: Bernd Spauke

Was in der Handlung von "Breaking Bad" funktioniert hat, das funktioniert auch hier, so viel muss man den Autoren lassen. Das Geschäft wächst, die Geschäftspartner werden schicker. Zum Ende der ersten Staffel hin beziehen Moritz und Lenny ihre Ware von eleganten Großdealern aus Rotterdam, während sie zu Beginn noch mit dem psychopatischen Kleinkriminellen Buba Handel treiben (letzterer übrigens wundervoll verschroben dargestellt von Bjarne Mädel). Schauspielerisch gibt es allgemein überzeugende Leistungen zu sehen, etwa Hauptdarsteller Maximilian Mundt als stereotyp-nerdiger Protagonist. Allen voran spielt aber Lena Klenke in der Rolle der Lisa unglaublich stark auf.

Eine angemessene Herangehensweise

Die eigentliche Stärke von "How to Sell Drugs Online (Fast)" liegt aber weder im Schauspiel, noch im Drehbuch, sondern in der visuellen Umsetzung. Etwa bei der äußerst ästhetischen Darstellung eines Ecstasy-Rauschs mit buntem Farbspektakel, oder bei den dynamischen Schnitten einiger Einspieler, in denen die Kamera den Lieferweg der Drogen nachverfolgt und ihre Auswirkungen zeigt, oder bei der effektiven Einbindung von Social Media Benutzeroberflächen, die gerade viele junge Zuschauerinnen und Zuschauer sicherlich mitnimmmt.

Letztendlich traut sich Netflix mit der Serie an ein Thema, das vielen für eine Jugendkomödie wahrscheinlich zu heikel wäre: Partydrogen. Und das auf kritische Art und Weise, aber ohne erhobenen Zeigefinger.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Juni 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 11:39 Uhr

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