"I love Dick" am Staatsschauspiel Dresden
Szenenbild: "I love Dick" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Theater-Kritik Am Ende fast ein bisschen peinlich – "I love Dick" in Dresden

Der Roman "I love Dick" von Chris Kraus ist 20 Jahre alt, doch spätestens seit #metoo ist er wieder aktuell: Es geht darin um die Selbstbestimmung der Frau. Das Staatstheater Dresden hat den Roman am Sonntagabend erstmals auf die Bühne gebracht. MDR KULTUR-Theaterkritiker Matthias Schmidt hat die Uraufführung besucht.

"I love Dick" am Staatsschauspiel Dresden
Szenenbild: "I love Dick" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

MDR KULTUR: Der Roman "I love Dick" von Chris Kraus wurde 1997 veröffentlicht, erlangte aber erst 2017 eine größere Bekanntheit. Woran liegt das?

Matthias Schmidt: In diesem Fall ist es einfach: Das Thema passt jetzt perfekt in die Zeit. Es geht, grob gesagt, um die Selbstbestimmung der Frau, und angesichts der #metoo-Debatten und der zum Glück enorm gestiegenen Aufmerksamkeit für das Thema hat Amazon den Roman 2017 als Serie verfilmt. Das Buch wurde neu verlegt, und die Dresdener haben als Erste gespürt, das könnte auch etwas fürs Theater sein.

Inszeniert wurde das Stück am Staatsschauspiel Dresden von einer jungen Frau, Anna Sina Fries, die unter anderem auch Teil des feministischen Performance-Kollektivs Henrike Iglesias ist. Ist der Stoff etwas fürs Theater?

Vielleicht. Das ist nach der Dresdner Inszenierung schwer zu sagen, ich bin eher skeptisch. Woran liegt das? Zunächst an der Form des Romans. Er handelt, kurz gesagt, von einer Frau, die als Filmemacherin erfolglos ist, aber mit einem sehr erfolgreichen und berühmten Mann verheiratet ist. Diese Frau, es ist die Autorin Chris Kraus selbst, wird immer und von allen nur als die Frau an der Seite des Mannes wahrgenommen. Sozusagen als die, die auf Partys neben ihm steht. Als die beiden einen Mann namens Dick kennenlernen, beginnt sie, diesem Dick Liebesbriefe zu schreiben – daher auch der Titel "I love Dick". Sie nennt das ein Kunstprojekt, ist in Wahrheit aber tatsächlich verknallt in diesen Dick.

Da sind also drei Schauspieler, die abwechselnd erklären, worum es in der Geschichte überhaupt geht und dann immer wieder diese Briefe vorlesen. Und diese Erzählform lässt die Inszenierung von Anfang an ziemlich zäh und thesenhaft wirken. Den Menschen dahinter lernt man eigentlich gar nicht kennen, und das ist das Grundproblem des Abends.

Im Theater will man ja auch eine Handlung sehen, eine Entwicklung, konkrete menschliche Konflikte. Hat die Handlung hier einen Ort und eine Chronologie?

Hat sie, beides. Die Bühne zeigt uns zwei Zimmer, die Wohnungen von Chris und ihrem Mann auf der einen und das Haus von Dick auf der anderen Seite. Es gibt kleine Treppchen, auch Türen, mich hat das sogar ein bisschen an diese Türen-Knall-Komödien erinnert, "Der nackte Wahnsinn" zum Beispiel. Tatsächlich versucht Anna Sina Fries immer wieder, Tempo und Komik zu erzeugen, weil sie selbst sicher auch gespürt hat, dass eine Botschaft alleine zu wenig für die Inszenierung wäre. Denn natürlich läuft es auf eine Botschaft hinaus: darauf, dass Chris sich von ihrem Mann trennt, sich befreit und am Ende eine Frau sein wird, die durch diese Briefe an Dick ihr Ich gefunden hat.

Also laufen sie herum, Telefone klingeln, Chris dreht kleine Videobotschaften, die auf die Zimmerwände projiziert werden. Einmal führen die beiden Männer eine Art Hahnenkampf auf. Das sorgt für Lacher und Akzente, vieles ist hübsch und sogar unterhaltsam, aber, nochmal, ich vermisse die Menschen hinter den Figuren auf der Bühne.

Was für ein Mann ist denn dieser Dick, in den sich Chris verliebt?

Dick ist eine ziemlich ambivalente Figur. Einerseits ein charismatischer Mann, ein echter Cowboy, was in Dresden nicht ganz so betont wird wie beispielsweise in der Verfilmung, wo Schauspieler Kevin Bacon wirklich mit Cowboyhut und -stiefeln daherkommt. Aber er ist eben auch ein echter Macho. Unangenehm. Einmal sagt er Chris, dass er keinen einzigen guten Film von einer Frau kennt. Ja, dass Frauen gar keine guten Filme machen können, weil sie nur aus der Rolle der Unterdrückten heraus agierten. Meint er das ernst? Will er ihr helfen, sich zu befreien oder sie doch nur, wie er es am Ende tut, zurückweisen und erniedrigen?

Darin besteht ein großer Reiz der Geschichte, denn Chris will genau diesen Kerl wirklich haben, auch ins Bett, und um diese Beziehung zu verstehen, finde ich, müsste man mehr in die Figuren investieren und nicht nur auf die Kraft der, wie es am Ende des Abends heißt, "performativen Philosophie" setzen.

War es denn tatsächlich performativ, eine Performance?

Die letzten 15 Minuten hatte es tatsächlich so etwas. Da wurde das Publikum direkt angesprochen, so a la "Das ist jetzt für die Bühne überhaupt nicht geeignet, das lesen Sie mal selbst nach!". Und dann schreit Chris, nein, natürlich machen wir es doch! Bei mir hat das nicht verfangen. Mir war das zu sehr der erhobene Zeigefinger.

Es wird dann fast ein bisschen peinlich, wenn Chris auf ein Bett steigt und ihre Befreiung gen Horizont ruft. So als ob etwas noch wichtiger und richtiger würde, wenn man es von einem erhöhten Standpunkt aus sagt. Ich sage es mal so: etwas mehr Empathie und etwas weniger Ideologie, dann hätte es was werden können. Das Thema ist in der Tat richtig und wichtig, an den Schauspielern lag es auch nicht, die haben es echt versucht, aber ich sage mal, die Uraufführung von "I love Dick" ist nach diesem Abend wieder frei.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

Angaben zum Stück "I love Dick"
nach dem Roman von Chris Kraus
Regie: Anna Sina Fries
Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus
Uraufführung: 27.05.2018

Weitere Aufführungen:
30.05., 04. und 23.06.2018
28.06.2019 | 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2018, 11:42 Uhr