Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk steht vor einer grauen Wand und lächelt.
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt

30 Jahre Friedliche Revolution Historiker: Westdeutschland hat den Osten bis heute nicht verstanden

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk analysiert in seinem neuen Sachbuch "Die Übernahme" die Friedliche Revolution und die Folgen. Aus seiner Sicht fehlt es an Anerkennung für die Leistungen der Ostdeutschen – auch im Osten selbst.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk steht vor einer grauen Wand und lächelt.
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sieht auch 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution Defizite bei der Verständigung zwischen Ost und West. Kowalczuk sagte MDR KULTUR, die westdeutsche Gesellschaft habe bis zum heutigen Tag nicht die Dimension des sozialen Umbruchs im Osten verstanden: "Die Menschen verloren nicht nur ihre Arbeit, sie verloren ihren sozialen Status, sie verloren ihren kulturellen Status." Das sei etwas, was "im Westen bis zum heutigen Tage nicht wirklich angekommen ist." Im Osten dagegen müsse man diesen Aspekt des Umbruchs nie erklären.

Der ostdeutsche Historiker forderte ein Ende der "Machthierarchie Ost-West". Das sei eine Frage von Anerkennung – und zwar auf beiden Seiten: "Der Westen muss anerkennen, was im Osten passiert ist als Gleichberechtigung." Der Osten dagegen müsse zu einer Selbstanerkennung kommen: "Er muss auch seine eigenen Erlebnisse und seine eigenen Erfahrungen anerkennen als einen positiven Wert, nicht als wertmindere Erfahrung."

Der Westen muss anerkennen, was im Osten passiert ist.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker

Eine Ostquote für Führungskräfte?

Zugleich sprach sich Kowalczuk gegen eine Ostquote bei der Besetzung von Eliten-Posten aus. Zwar fehlten in den Führungspositionen von Militär, Rechtswesen, Wissenschaft und Wirtschaft Ostdeutsche. Dennoch könne man heutzutage nicht mehr "den Ostdeutschen" gewissermaßen technokratisch bestimmen: "Wenn jemand 1992 geboren wurde, und er hat eine Mama, die kommt aus Riesa, und einen Papa aus Regensburg – ja, was ist der dann?"

Aus Kowalczuks Sicht kann der Umbruch in Deutschland gerade in der Gegenwart besonders lehrreich sein: "Wir befinden uns alle gerade in Europa und überall auf der Welt in einem großen Umbruchsprozess. Und von diesem Umbruchsprozess in Ostdeutschland kann man eben, glaube ich, auch viel lernen." Es sei wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen, "um diese Erfahrung produktiv zu machen."

Kowalczuk hat sich als Wissenschaftler und Autor ausführlich mit der Friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung befasst. Sein Buch "Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde" ist am Mittwoch erschienen.

Das vollständige Interview mit Ilko-Sascha Kowalczuk zum Hören

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk steht vor einer grauen Wand. 14 min
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk im MDR-Funkhaus Halle Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, analysiert der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem jüngsten Buch "Die Übernahme". Er ist dazu im Gespräch mit Ellen Schweda.

MDR KULTUR - Das Radio Di 27.08.2019 19:30Uhr 13:33 min

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Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sitzt vor einem Aufnahmemikrofon. 18 min
Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, analysiert der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem jüngsten Buch "Die Übernahme". Er ist dazu im Gespräch mit Ellen Schweda.

MDR KULTUR - Das Radio Di 27.08.2019 19:33Uhr 18:29 min

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Der Grenzübergang Bornholmer Straße am 11. November 1989 11 min
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Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, analysiert der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem jüngsten Buch "Die Übernahme". Er ist dazu im Gespräch mit Ellen Schweda.

MDR KULTUR - Das Radio Di 27.08.2019 19:35Uhr 11:15 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/ilko-sascha-kowalczuk-die-uebernahme-gespraech-teil-drei100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. August 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 14:23 Uhr

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