Ein acht Wochen alter Junge erhält eine Impfung zum Schutz gegen Masern
"Es ist nur ein ganz kleiner Pieks!" Bildrechte: dpa

Europäische Impfwoche Masern-Impfung: "Deutschland gibt kein gutes Bild ab"

Am Montag hat die "Europäische Impfwoche" der Weltgesundheitsorganisation begonnen. Sie soll auf die Bedeutung von Impfungen aufmerksam machen. So hat es in Deutschland 2017 über 900 Masern-Fälle gegeben - obwohl mehr als 90 Prozent der Kinder dagegen geimpft werden. Wieso lässt sich die Krankheit nicht ausrotten, wie es in anderen Länder fast gelungen ist? Darüber haben wir mit Volker Schuster gesprochen, dem Leiter der Universitäts-Kinderklinik Leipzig.

Ein acht Wochen alter Junge erhält eine Impfung zum Schutz gegen Masern
"Es ist nur ein ganz kleiner Pieks!" Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Ist der Eindruck richtig, dass in Deutschland die Masernfälle eher zu- als abnehmen?

Volker Schuster: Das kann man so sagen. Es ist fast gelungen, Nordamerika, Australien und Skandinavien fast masernfrei zu bekommen. Verglichen damit gibt Deutschland kein gutes Bild ab. Zum Beispiel müsste jeder Arzt auch andere Personengruppen impfen dürfen. Auch der Gynäkologe müsste beispielsweise Kinder impfen dürfen, das ist in Deutschland alles wahnsinnig bürokratisch geregelt. Er darf das im Normalfall nicht.

Von Impfgegnern gibt es zahlreiche Bücher, die mit starken Argumenten kommen. Auf der anderen Seite hat man das Gefühl, das Impfen selbst hat keine starke Lobby.

Man muss noch mehr tun, mehr aufklären. Es müsste in Schulen mehr gemacht werden, zum Beispiel Impfungen in Schulen, das wird in anderen Ländern mehr gemacht. Auch die Ärzte müssten besser ausgebildet werden, die niedergelassenen Ärzte müssten zu Impfungen geschult werden. Wir haben aktuell eine Impfrate von 91 Prozent bei Masern, und wir wollen 95 Prozent erreichen. Das dürfte eigentlich nicht so ein großes Problem sein.

Handelt es sich also mehr um ein organisatorisches Problem als um ein aufklärerisches?

Ja, und es ist auch ein intellektuelles Problem. Das sind zum Teil Intellektuelle, die meinen, sie müssen ihren eigenen Impfplan machen. Das ist in Sachsen nicht so. Aber zum Beispiel in Bayern, in München – dort herrschen teilweise ganz abstruse Impfvorstellungen.

Inwiefern?

Dass Kinder dort nicht geimpft werden oder viel, viel später im dritten Lebensjahr - das macht medizinisch überhaupt keinen Sinn. Manche Kinder in Bayern kommen auf eine Masern-Party. Das ist eigentlich Kindesmisshandlung. Wenn dort ein Kind Masern hat, schreien alle "hurra!", und dann kommt die halbe Klasse dazu und bekommt dann Masern. Das finden die Eltern dann auch noch gut. Aber dabei handelt sich um eine Minderheit, das muss man sagen.

Das Motto der europäischen Impfwoche heißt "individuelle Entscheidung und gemeinsame Verantwortung". Was sagen Sie Impf-Verweigerern in punkto Verantwortung?

Jedes Kind und jeder Erwachsene hat Verantwortung für die Gesundheit in unserer Gesellschaft und muss dafür auch etwas tun. Ich akzeptiere es nicht, wenn jemand sagt, ich lasse mein Kind nicht impfen, weil alle anderen Kinder um mich herum geimpft sind. Das finde ich vollkommen asozial. Das sage ich den Eltern auch. Manchmal akzeptieren sie es, manchmal nicht.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. April 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2018, 17:10 Uhr