Ingrid Mössinger
Versehentlich könnte man sie auch als Frau Chemnitz bezeichnen: Ingrid Mössinger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lebensläufe Wie Ingrid Mössinger Chemnitz verändert hat

Ob Ingrid die Große oder Frau Chemnitz: In über 20 Jahren als Museumsdirektorin hat Ingrid Mössinger die Stadt künstlerisch geprägt wie kaum jemand. Ob Munch, Picasso oder Bob Dylan - Mössinger holte Künstler nach Chemnitz, die die Stadt bis heute international bekannt gemacht haben.

von Andreas Berger, Leiter Kultur bei MDR SACHSEN

Ingrid Mössinger
Versehentlich könnte man sie auch als Frau Chemnitz bezeichnen: Ingrid Mössinger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So lange wie in Chemnitz lenkte die promovierte Kunsthistorikerin noch nirgends die Geschicke. Doch dank Kunstmesse in Frankfurt am Main, der Biennale in Sydney und dem Kunstverein Ludwigsburg kennt die oft unterschätzte Frau genügend Galeristen und Kunstsammler, die ihre Ausstellungsvorhaben unterstützen - oder die Kunstsammlungen Chemnitz gar beschenkten. 200 Arbeiten, jüngst Céline, Heiner und Aeneas Bastian.

Sie hat eine ungeheure Energie, die es ihr erlaubt, außergewöhnliche Projekte zu bewältigen, an denen andere wahrscheinlich gescheitert wären.

Aeneas Bastian, Galerist

Sie hat so eine merkwürdige Aura um sich, die alle Welt sofort mit einem Glanz überzieht.

Neo Rauch, Leipziger Maler

Ingrid Mössingers erste Errungenschaft als neue Direktorin ist Wilhelm Lehmbrucks "Kopf eines Denkers".  In den 30er-Jahren war er Chemnitz weggenommen worden. Die Rückkehr ihr erster Achtungserfolg.

Innerhalb von drei Wochen ist es mir gelungen, die Finanzierung zusammenzutelefonieren. Wenn man so früh so großartigen Erfolg hat, dann ist man natürlich schon völlig gefesselt.

Ingrid Mössinger

Von Munch über Picasso bis zu Dylan

Edvard Munch
Edvard Munch: "Die Sünde" Bildrechte: IMAGO

Rembrandt, Baselitz und Chagall zeigt sie schon im ersten Jahr. An die 170 Ausstellungen werden es wohl sein, wenn sie den Chemnitzer Kunstsammlungen schweren Herzens Lebewohl sagen wird. Ein Ausrufezeichen ist 1999 die Edvard Munch Schau. Sie erinnerte an eine Zeit, die die meisten in Chemnitz längst vergessen hatten. Als Dauerleihgabe bekam das Museum Munch's "Sünde". Überraschend 2005, dass die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ihre selten verliehenen Cranach-Schätze Ingrid Mössinger anvertrauten. Dann bestätigte sich ihr Gespür, dass Picasso im Osten besonders interessiert. 2012 staunten Publikum und Kunstkenner über die Wandermaler - die "Peredwischniki". Satte Farben, klare Geschichten - aus einer unruhigen Zeit großer sozialer Unterschiede Russlands im 19. Jahrhundert.

Internationale Zeitungen, wie die New York Times überboten sich im Lob. Und wie hatte sich bereits ein paar Jahre zuvor das internationale Feuilleton die Augen geputzt, dass Chemnitz als erstes Museum der Welt 2007 den Maler Bob Dylan vorstellte.

Es kam wohl niemand außer mir auf die Idee, ihn zu fragen. Und gefragt werden muss er wohl schon.

Ingrid Mössinger

Bei einem Konzert in Leipzig traf Ingrid Mössinger, selbst schon über sechzig, backstage Bob Dylan und sagte: "Ich zeig' Ihre Bilder", und er fing an, sie zu autorisieren. Eine Weltnachricht, die Kunstinteressierte von überall nach Chemnitz lockte.

Das Kunstinteresse, wenn man es mit so einem Schlagwort von Hochkultur beschreiben will, das liegt vielleicht bei 10 % der Bevölkerung. Und ein Teil der Anstrengung ist schon, wie erreicht man die restlichen 90 %. Und deshalb sind Künstler, die so viele Menschen erreichen, irgendwie faszinierend: Raffael gehört dazu oder eben auch jemand wie Bob Dylan, dem es gelungen ist, Musik aus amerikanischen Wurzeln über die ganze Welt zu verbreiten und das auch noch auf einem hohen Niveau.

Ingrid Mössinger

Mössingers größter Coup: Am 1. Dezember 2007 kam die Sammlung Gunzenhauser als Museum der Klassischen Moderne als Stiftung dazu. Alle großen Museen wollten Alfred Gunzenhausers einmalige Otto-Dix-Bilder für sich - 380 an der Zahl.

Ohne mich jetzt selber loben zu wollen: Das ist ein riesiger Fortschritt. Das Museum, vor allen Dingen als Kunstmuseum war ja fast verschwunden.

Ingrid Mössinger

Leipziger Schule

Die ostdeutschen Galerien fallen durch eine besondere Lebendigkeit auf und es fällt auch auf, dass die ostdeutschen Galerien im Umgang mit Kunst noch mehr Spaß zu haben scheinen.

Ingrid Mössinger

Schon seit der Wiedervereinigung kennt Ingrid Mössinger aus ihrer Frankfurter Kunstmesse-Zeit Gerd Harry Lybke. Durch ihn lernte sie auch Neo Rauch und viele andere Künstler der Neuen Leipziger Schule kennen, schätzen und konnte sie für Chemnitz gewinnen.

In ihrer unnachahmlichen Art kann sie Dinge, die sie sich vornimmt, auch umsetzen. Mit ihrer Enthusiasmus-Intelligenz bringt sie etwas zustande, wovon du, bevor sie vor dir stand, noch nicht einmal wusstest.

Gerd Harry Lybke, Leipziger Galerist

Wieder war Ingrid Mössinger schneller als alle anderen in Deutschland. Die erste gemeinsame Ausstellung des Maler-Ehepaares Rosa Loy und Neo Rauch lockte viele in die Chemnitzer Kunstsammlungen.

Sie wirkt stets sehr neugierig und interessiert und ihr tastendes Herangehen an die Artefakte, das macht mir immer Freude, sie dabei zu beobachten. Wie sie so Schicht für Schicht abhebt mit der Pinzette ihrer Wahrnehmung und sich dann hineinmassiert in den Sachverhalt, das ist etwas, was mir sehr gut gefällt an ihr.

Neo Rauch

Chemnitzer Tradition

Seit dem Herbst 1989 verschwanden die meisten Bilder aus DDR-Zeiten und mit ihnen auch die Künstler aus den Ausstellungen. Dank Ingrid Mössinger nicht in Chemnitz, nicht Dagmar Ranft-Schinke. Die Chemnitzer Künstlerin gehörte zur Ende der 70er-Jahre gegründeten Künstlergruppe Clara Mosch, bekannt für Unangepasstheit.

Auch Durs Grünbein ist gern in Chemnitz, um die deutschen Expressionisten zu bewundern – vor allem: Karl Schmidt-Rottluff. Dessen "Weisskohl" ist sein Lieblingsbild. Der Abstecher muss sein, als der Georg-Büchner-Preisträger im Museum seinen neuen Gedichtband "Zündkerzen" vorstellte. Auf Einladung von Ingrid Mössinger:

Ingrid Mössinger ist schon wirklich eine der erstaunlichsten, originellsten Personen, die mir in all den Jahren begegnet sind. Eine leidenschaftliche Museumsdirektorin, die direkt auf die Leute zugeht.

Durs Grünbein, Autor

Ihre Privatheit schützt die im 2. Weltkrieg geborene Stuttgarterin wie den Wert des wahrscheinlich teuersten Bildes der Sammlungen - Caspar David Friedrichs "Segelschiff". Ingrid Mössinger ist mit einem pensionierten Richter verheiratet, Mutter einer Tochter und Oma zweier Enkel, so viel sei verraten. Ihr Alter aber hütet sie wie ein Geheimnis. Kein Geheimnis ist, ihre Begeisterung für den Künstler der Stadt - den Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff.

Im Museum selbst ist ihm dank Ingrid Mössinger ein ganzer Flügel gewidmet, und wenn sich Chemnitz als Stadt der Moderne präsentiert - das Haus am Theaterplatz gibt dafür gern den Takt vor.

"Die Visionen sollten einem nicht ausgehen"

Ingrid Mössinger
Nahbar und in ihrer Arbeit dennoch unheimlich erfolgreich: Ingrid Mössinger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur weil die Chemnitzer 2010 den begehrten Titel "Museum des Jahres" erhielten, kommt nicht auch nur ein Besucher mehr in die Ausstellungen. Sie erwarten das Besondere. Für Ingrid Mössinger heißt das, genau das, das Besondere, in den Ateliers der Künstler zu entdecken - was ihr auch immer wieder gelingt. Grund, sie zu ehren: Ingrid Mössinger ist "Ritter" im Orden der französischen Ehrenlegion, hat den Dänischen Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz.

Anerkennung ist für mich schon sehr motivierend. Es ist nicht so, dass ich da sehr eitel und stolz in dem Sinne bin, aber, was einem schon gut tut, ist, wenn das, was man macht, schon bemerkt wird.

Ingrid Mössinger

Eine der jüngsten Schenkungen: die Plastilin-Skulptur Benediction - zu deutsch: Segen - von Jaques Lipchitz. Eine große Anstrengung war allein, die 2,16 Meter hohe Skulptur aus den USA nach Deutschland zu holen. In Dresden musste die Benediction dann drei Jahre lang an der Hochschule für Bildende Künste restauriert werden. Nun steht die Harfenistin längst ausgepackt am rechten Fleck und zieht viele fragende Blicke auf sich.

Lipchitz hat versucht mit dieser Figur, Bendection heißt ja Segen, ein Abschiedslied für Paris zu kreieren in Form von Bildender Kunst, nachdem die Nazis die Stadt besetzt hatten, und er wollte, dass solange Paris besetzt ist, sozusagen schläft, dass die Harfenistin spielt. Aber sie spielt immer noch, weil, irgendwo ist immer eine Stadt besetzt.

Ingrid Mössinger

Egal, welchen Blick man auf Ingrid Mössinger hat: Geht nicht, gibt's für sie nicht.

Provinz ist nur da, wo man es zulässt. Also, man kann aus jedem Platz das Allerbeste machen. Und die Visionen sollten einem nicht ausgehen!

Ingrid Mössinger

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 16. November 2017 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2017, 13:59 Uhr

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