Leuchtschrift - Theaterkasse
Theater kostenlos? - In Mitteldeutschland reichen die Eintrittspreise derzeit von Kleinstbeträgen bis hin zu hundert Euro pro Ticket. Bildrechte: imago/Becker&Bredel

Intendantenbefragung von MDR KULTUR Theaterintendanten gegen kostenfreien Eintritt

Leuchtschrift - Theaterkasse
Theater kostenlos? - In Mitteldeutschland reichen die Eintrittspreise derzeit von Kleinstbeträgen bis hin zu hundert Euro pro Ticket. Bildrechte: imago/Becker&Bredel

Die große Mehrheit der mitteldeutschen Theaterintendanten lehnt es ab, Eintrittsgelder künftig komplett wegfallen zu lassen. In einer von MDR KULTUR erhobenen Umfrage sprechen sich über 90 Prozent von ihnen gegen Gratis-Stücke aus. Als Grund für diese Haltung führen sie vermehrt die Angst vor einem damit einhergehenden Ansehensverlust an: "Was nichts kostet, wird weniger geschätzt!", so wird es von Intendant Ulrich Fischer vom Theater Eisleben auf den Punkt gebracht.

Peter Theiler, Intendant der Semperoper Dresden, verweist in diesem Zusammenhang auf eine neue Studie zu kostenfreiem Eintritt bei Museen. Die Besucherzahlen seien hier nicht gestiegen, auch die Besucherstruktur habe sich laut der Untersuchung nicht grundlegend verändert. "Viel wichtiger ist es deswegen, dass wir vermitteln, dass Oper und Theater keine elitären Künste sind, sondern ein Angebot für alle Bürger*innen", so Theiler.

Mit dieser Haltung ist Theiler nicht allein – einige der befragten Intendanten bringen von sich aus das Thema einer differenzierten Preispolitik an, um den Theaterbesuch für alle erschwinglich zu machen und Zugangsbarrieren abzubauen. Intendant Kay Kuntze vom Theater Altenburg-Gera möchte zudem einen kostenlosen Nahverkehr für Theaterbesuche möglich machen.

Wolf E. Rahlfs ist der künftige Intendant des Theaters der Altmark 7 min
Bildrechte: Theater der Altmark

MDR KULTUR will wissen, wie es um die Theater im Lande steht. Ganz im Norden, ganz auf dem Land, gibt es das Theater der Altmark in Stendal. Ein Gespräch mit dem Intendanten Wolf E. Rahlfs.

MDR KULTUR - Das Radio Di 20.08.2019 07:10Uhr 06:49 min

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Suche nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten

Derzeit finanzieren sich die meisten Theater über ein Modell, bei dem Landesmittel an kommunale Mittel gebunden werden. Fast alle Intendanten finden, dass dieses Finanzierungsmodell im Grundsatz richtig ist. Intendant Christoph Dittrich nennt die Bindung "folgerichtig", Intendant Ingolf Huhn aus Annaberg-Buchholz erklärt, die Kommunen würden die Theater aufgrund dieses Modells als "Teil ihrer Identität begreifen".

Steffen Mensching
Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt Bildrechte: MDR/ Daniela Höhn

Ich weiß sehr genau, was ich den kommunalen Vertretern zu verdanken habe, ich stehe bei ihnen gewissermaßen in der Pflicht. Das bindet Verantwortung.

Steffen Mensching

Viele Intendanten machen Änderungsvorschläge für das Finanzierungsmodell. Es geht vor allem darum, die Kommunen zu entlasten. Etwa dadurch, dass Tariferhöhungen an den Häusern künftig vom Land getragen werden, die finanziell mehr leisten könnten. Andere Ansätze gehen in Richtung eines kommunalen Finanzausgleichs. Intendant Ansgar Haag vom Meininger Staatstheater schlägt vor, dass das Land künftig 2/3 des Etats, die Kommune nur noch 1/3 finanzieren soll, um so einen stärkeren wirtschaftlichen Anreiz für die Theaterfinanzierung in den Kommunen zu geben.

Roland May, Generalintendant & Schauspieldirektor Theater Plauen-Zwickau
Roland May, Generalintendant und Schauspieldirektor Theater Plauen-Zwickau Bildrechte: MDR/Judith Burger

Intendant Roland May vom Theater Plauen-Zwickau, der das aktuelle Finanzierungsmodell für nicht mehr zeitgemäß hält, verweist auf die Erfahrung, dass die Inanspruchnahme des Kulturpaktes für das Theater Plauen-Zwickau fast am nicht aufzubringenden Eigenanteil des Gesellschafters Plauen gescheitert wäre. May denkt deswegen, dass Mittel für die Theater entweder direkt von Land und Bund kommen sollten, oder die Kommunen entsprechend besser finanziell ausgestattet werden müssten.

Sollte der Bund in die Theaterfinanzierung einsteigen?

Aufgrund des föderalistischen Systems kann sich der Bund derzeit nur indirekt (etwa über den Theaterpreis des Bundes) in die Theaterfinanzierung einbringen. 40 Prozent der Befragten hoffen, dass sich dies künftig ändert. Intendantin Kathrin Kondaurow von der Staatsoperette Dresden ist für eine Beteiligung des Bundes: "In Zeiten, wo es um Fragen der 'deutschen Leitkultur', der 'deutschen Identität' als gesamtkulturelles Phänomen geht, sollte sich der Bund nicht aus der Verantwortung ziehen."

Intendant Lutz Hillmann vom Theater Bautzen erklärt, die Finanzierung durch den Bund sei sinnvoll, um unabhängig von möglichen politischen Konstellationen auf Landesebene zu sein. Die Intendanten Hasko Weber vom Deutschen Nationaltheater Weimar und Ralf-Peter Schulze vom Mittelsächsischen Theater schlagen vor, generell Bundesmittel für die Instandhaltung von Gebäude und Technik einzusetzen, vor dem Hintergrund, dass es ja auch die Bundesrepublik war, die einen Antrag auf Anerkennung der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft als Immaterielles Kulturerbe gestellt hat.

Das Döbelner Theater 4 min
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Die deutsche Theaterlandschaft ist vielseitig und einzigartig

Intendant Florian Lutz
Intendant Florian Lutz Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Andere Kollegen jedoch lehnen solche Gedankenspiele grundsätzlich ab. Florian Lutz, Intendant der Oper Halle, erklärt dazu: "Diese Vielseitigkeit und innovative Diversität der Deutschen Theaterlandschaft mag ein Erbe der Kleinstaaterei im 18. und 19. Jahrhundert und des Repräsentationswillens ihrer feudalen Souveräne sein, aber sie macht heute genau die Einzigartigkeit des deutschen Stadt- und Staatstheatersystems aus, die in kulturpolitisch zentralistisch organisierten Staaten in dieser Form undenkbar wäre."

Zum Projekt Intendantenbefragung MDR KULTUR hat in einer repräsentativen Erhebung die Intendantinnen und Intendanten aller 32 Stadt- und Landes- und Staatstheater in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt. In 16 Fragen wollten wir unter anderem wissen, ob die Theaterleitungen angesichts der aktuellen politischen Debatten die Freiheit der Kunst in Gefahr sehen, ob es an der Zeit für neue Finanzierungsmodelle ist, und ob die Idee, Theaterbesuche in Zukunft kostenlos zu machen, Unterstützung findet. Die Ergebnisse der Befragung geben wir in diesem sowie weiteren Artikeln (siehe unten) wieder. Die Befragung wurde durchgeführt von Opernredakteurin Bettina Volksdorf und Theaterredakteur Stefan Petraschewsky.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur 6 min
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

MDR KULTUR - Das Radio Mo 19.08.2019 08:40Uhr 06:06 min

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Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur 6 min
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Ein Mann und eine Frau stehen vor einer Video-Projektion, darauf ist ein Planet im Weltall mit drei Menschen zu sehen. 4 min
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Zuschauerraum im Theater 6 min
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Mehr zur Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 04:00 Uhr

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