Mann (Ramelow) im Anzug mit Brille sitzt in einem Sessel und spricht
Bodo Ramelow möchte mit alltagstauglichen Berührungen dem Antisemitismus engegen wirken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interkulturelles Gedenken Bodo Ramelow: Wir müssen uns alle mit Antisemitismus auseinandersetzen

Juden und Muslime haben im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz der Opfer der Schoah gedacht. Mit dabei waren auch der Ministerpräsident Daniel Günther aus Schleswig-Holstein und der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow. Im Gespräch mit MDR KULTUR schildert Ramelow seine Beobachtungen zum Erstarken des Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft.

Mann (Ramelow) im Anzug mit Brille sitzt in einem Sessel und spricht
Bodo Ramelow möchte mit alltagstauglichen Berührungen dem Antisemitismus engegen wirken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Muslime und Juden in der KZ-Gedenkstätte Ausschwitz. Was ist für Sie das Besondere an der Veranstaltung?

Bodo Ramelow: Junge Muslime und jüdische junge Leute, die in Deutschland leben, treffen aufeinander in einem Land, in dem die Geschichte verbunden ist mit der Schoah, mit der Vernichtung des jüdischen Lebens und auch der politisch Andersdenkenden. Also einer Menschheitskatastrophe, die in deutscher Verantwortung liegt und von Deutschen ausgegangen ist. Mit diesen jungen Leuten haben wir über einen längeren Prozess, Diskussionsformate eröffnet, Begegnungsformate, damit junge muslimische Menschen, die möglicherweise als Flüchtlinge gekommen sind oder als junge Studierende da sind, auch einen Zugang dazu finden. Einerseits zur deutschen Geschichte, aber auch zum jüdischen Leben in Deutschland. Und warum es uns Deutschen, und in dem Fall auch dem Ministerpräsidenten Daniel Günther und mir, so wichtig ist, dass wir unsere Geschichte, die Verantwortung zu unserer Geschichte übernehmen und sie anderen erklären. Und sie einladen, mit uns diesen Näherungsprozess immer wieder neu zu gehen.

Und es ist wichtig, dass auch das, was aus islamischen Ländern kommt, nämlich der Hass auf Israel, dass sich damit auseinandergesetzt werden muss und wir es auch auseinanderdividieren müssen. [...]

Der Hass auf Israel in der arabischen Welt - Sie haben ihn angesprochen, warnen gleichzeitig aber davor, das Erstarken des Antisemitismus in Deutschland den Flüchtlingen aus muslimisch geprägten Staaten zuzuschieben.

Ja, in die Schuhe zu schieben, zuzuordnen. Wir würden uns entlasten, weil ich erlebe ganz normale Ressentiments, antisemitische Chiffren, wieder ganz normal in der Nachbarschaft. Und das sind keine jungen Muslime, das sind Nachbarn, Menschen von denen ich es nicht erwartet habe. [...] Und dann merkt man, der Antisemitismus in Deutschland wird offensichtlich in der Mitte der Gesellschaft wieder sagbar, wieder hoffähig. Das heißt, wir müssen uns auseinandersetzen, auch mit dem Antisemitismus junger Leute, die als Flüchtlinge kommen. Wir müssen uns auch mit den Vertretern des Islams hinsetzen und diese Diskussion hartnäckig miteinander führen, aber wir müssen sie auch mit unseren Mitmenschen führen. Wir dürfen nicht einfach nur zuordnen, der oder der ist der Träger des Problems. Das Problem heißt Antisemitismus, Antiziganismus. Das Problem heißt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Hass auf andere. Das ist das Thema mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Sie haben vor einiger Zeit gesagt, KZ-Gedenkstättenbesuche von Schulen als verpflichtend einzuführen, davon würden Sie nicht allzu viel halten. Wie haben Sie das gemeint?

Zwang alleine ist nicht das, was Empathie und Einsicht fördert. Der reine Zwang alleine führt nur dazu, dass man versucht, sich da irgendwie zu verhalten oder sogar noch lächerlich zu machen. Ich werbe für das Gegenteil, nämlich für eine Freiwilligkeit. Und die Freiwilligkeit aber so angelegt, dass sie im Schulunterreicht als Teil des Lernstoffes quer durch alle Jahrgänge gelernt wird. Das heißt, ich bin ausdrücklich für den Besuch an authentischen Orten. Zeitgeschichte kann man am besten bearbeiten, wenn man sich individuell, persönlich als junger Mensch damit auseinandersetzt. Und noch besser ist es, sich mit Zeitzeugen - so sie noch da sind - oder mit Zeitdokumenten an authentischen Orten auseinanderzusetzen. [...]

Bei einem wachsenden offeneren Antisemitismus in breiteren Teilen der Gesellschaft, wie können da gute Strategien aussehen, die auch Unbelehrbare oder antisemitisch eingestellte Kreise erreichen? 

Einerseits Zeichen setzen, was die beiden Organisationen [Zentralrat der Muslime in Deutschland und Union progressiver Juden, Anm. d. Red.] gemacht haben und warum wir beiden Ministerpräsidenten auch sofort bereit waren, uns daran persönlich zu beteiligen und damit auch dieses Zeichen zu unterstreichen. Aber Sie haben Recht, es macht keinen Sinn, wenn es nur innerhalb der Bevölkerung ankommt, die sowieso das Problem erkannt hat. Wir müssen Alltagstauglichkeit, also die Berührung mit dem Fremden und den Fremden alltagstauglich hinbekommen. Deswegen haben wir in Thüringen auch auf die Flüchtlings- und Integrationsfrage ganz stark gesetzt, das Thema: Betriebe, Wirtschaft, Arbeit, Ausbildung.

Und ich würde mir wünschen, wenn wir in Deutschland jetzt endlich eine entspanntere Diskussion über das Thema "Einwanderungsland" bekommen. Damit klar wird, jeder Mensch kommt als Mensch und bringt ein Stück seiner Kultur mit. Damit wir unsere Kultur zeigen können, müssen wir auch einen kulturellen Dialog wollen und öffnen. Wir müssen neugierig sein, damit wir die anderen auch neugierig auf uns machen. Und ich glaube, dass da auch der eine oder andere, der eine fremdenfeindliche oder rassistische Grundeinstellung hat, gewinnbar ist. Nicht jeder, der Angst vor dem Fremden hat, ist an sich ein Nazi. Und da sollten wir es uns nicht so einfach machen, sondern wir sollten Berührung schaffen. Und über das, was Fußballvereine, Sportvereine machen - oder überall dort, wo tatsächlich einer, der als Fremder kommt auf einmal als Freund leben kann - überall dort habe ich gute Hoffnung, dass sich das Klima bei uns ändert.

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Auschwitz in Polen 8 min
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Do 09.08.2018 13:10Uhr 08:19 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Zur Person Bodo Ramelow ist seit 2014 Ministerpräsident des Freistaates Thüringen. Davor war der heute 62-Jährige fünf Jahre lang Fraktionsvorsitzender der Linken und Oppositionsführer im Thüringer Landtag. Von 2005 bis 2009 saß Ramelow im Deutschen Bundestag. Er stammt aus Niedersachsen und lebt seit der Wiedervereinigung in Thüringen.

Zum Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. August 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2018, 10:16 Uhr

Zum Weiterlesen