Kleine Open-Air-Bühne.
Ein gelungenes Beispiel für Kultur im ländlichen Raum: Das Am Vieh Theater Beulbar in Thüringen. Bildrechte: Christian Krause

Interview Wie Kultur helfen kann, Lust aufs Land zu machen

Die Eisenacher Ethnologin Dr. Juliane Stückrad beschäftigt sich mit Orten, die heute gern als "abgehängt" bezeichnet werden: Mit Dörfern, in denen ein Großteil der Alltagskultur den Umbruch vor 30 Jahren nicht überlebt hat und in denen es heute keine Dorfkneipe, kein Gemeindehaus und keinen Kindergarten mehr gibt. In solchen Orten mache sich Entfremdung breit, sagt Stückrad. Im Interview erklärt sie, wie man hier gegensteuern kann.

Kleine Open-Air-Bühne.
Ein gelungenes Beispiel für Kultur im ländlichen Raum: Das Am Vieh Theater Beulbar in Thüringen. Bildrechte: Christian Krause

MDR KULTUR: Frau Stückrad, wenn Sie in den ländlichen Raum blicken – machen Sie sich große Sorgen, wie er sich in den kommenden Jahren entwickeln könnte?

Juliane Stückrad: Wir dürfen den ländlichen Raum nicht grundsätzlich problematisieren! Meine Erfahrung ist, dass jedes Dorf sehr individuell zu betrachten ist. Es gibt Dörfer, wie beispielsweise im Vogtland, wo ich mir überhaupt keine Sorgen um die Zukunft mache. Dort ziehen Familien nach oder zurück, die Gehöfte werden ausgebaut, Handwerker werden gut nachgefragt. Diese Dörfer sind allerdings meistens über eine Autobahn gut angebunden, was das Pendeln erleichtert.

Ist die Anbindung die einzige Erklärung, wieso es manchen Dörfern besser und anderen schlechter geht?

Wenn man auf die heutige Situation eines Dorfes blickt, hilft es immer, in die Geschichte zu blicken, auch über DDR-Zeiten hinaus. Wir haben etwa Unterschiede in gutswirtschaftlich geprägten Dörfern, wo früher eigentlich immer einer an der Spitze sagte, wo es lang geht. Und wir haben Dörfer mit freien Bauernkulturen, die schon seit Generationen gewohnt sind, selber zu entscheiden. Hier haben wir oft auch ein sehr viel regeres Vereinsleben. In den Dörfern, wo nur noch wenig stattfindet, ist klar: Hier muss sicherlich wieder eine Sinnstiftung stattfinden.

Was kann man denn tun, um die Stimmung in diesen Orten zu verbessern?

Ich illustriere das mal an einem Beispiel: Im kleinen Städtchen Gößnitz in Thüringen sagte mir mal ein Interviewpartner, als es um das örtliche Schwimmbad ging: "Sie (die Politiker, Anm. der Red.) reden alles, was uns wichtig ist, klein. Damit sie es dann abwickeln können. Und in Berlin wird für viele Millionen ein Flughafen gebaut, der nie fertig wird." Diesen Satz fand ich sehr interessant. Wir müssen das, was den Menschen lieb und teuer ist, gerade auch in den schrumpfenden Kleinstädten, genauso als Gesellschaft wertschätzen. Hier muss die Politik etwas ändern: Es müssen andere Verteilungsschlüssel angelegt werden, damit das Lokale aufgewertet wird.

Mittlerweile spricht die Politik ja tatsächlich über die Entschuldung besonders klammer Kommunen. Würde das helfen?

Erstmal ja. Ich denke schon, dass von den Kommunen die kulturellen Impulse ausgehen sollten. Man sollte hier wieder Begegnungsräume schaffen.

Allerdings kommt nicht jedes gutgemeinte neue Angebot auch gut an, oder?

Das stimmt. Das Dorf Wellerswalde (an der Grenze zwischen Nordsachsen und Südbrandenburg, Anm. d. Red.) hat beispielsweise seinen alten Pfarrsitz verloren, die Pfarrscheune verfiel. Stattdessen wurde im Nachbardorf eine neue Pfarrscheune gebaut und gesagt: "Das ist jetzt das zentrale Gemeindezentrum". Die Leute meinten aber zu mir: In das andere Dorf wird alles reingepumpt, die ziehen alles an sich – wir gehen da nicht hin". Scheinbar steht in diesem Fall die lokale Identität über der christlichen Identität. Weil erstere eben massiv bedroht scheint.

Gibt es denn auf dem Land überhaupt ein Bedürfnis nach Kultur?

Es gibt viele Kulturenthusiasten auf dem Land! Das merkt man manchmal nicht, weil sie nicht Fördermittel beantragen, sondern alles selber stemmen. Mein absolut glänzendstes Beispiel ist das Privatkabarett "Die Nörgelsäcke" in Gößnitz, dieses Haus trägt sich selbst. Ganz grundsätzlich müssen wir die vielen, vielen Ehrenamtlichen in diesem Bereich mehr wertschätzen! Und wenn sie auch mal einen Fehler machen, was die Bürokratie angeht, sollte man ihnen das nicht so nachtragen. Es geht hier auch um Entbürokratisierung: Die Politik sollte ihre Verwaltung an die Zügel nehmen.  

Was müssen denn die großen Kulturinstitutionen wissen oder lernen, um in scheinbar sterbenden Dörfern und Kleinstädten sinnvoll wirken zu können?

Sie können lernen, dass die Leute vor Ort vor allem Wertschätzung wollen. Dass man nicht wie ein Ufo mal eben landen und dann weiterziehen sollte, sondern beispielsweise schauen sollte, welche Orte oder Plätze für die Menschen vor Ort wichtig sind. Oder ob es einen Saal gibt, der saniert werden muss. Hier könnten die Institutionen vielleicht erst mal die Sanierung des Saals mitorganisieren und anschließend eine Bespielung in die Wege leiten. Das wäre eine Möglichkeit, die zum einen das Lokale vor Ort wertschätzt und zum anderen neue Inhalte in die Dörfer trägt.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Eine ältere Frau läuft an einem ehemaligen Geschäft mit zugemauerten Schaufenstern am Marktplatz vorbei. 8 min
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Dr. Juliane Stückrad vom Büro für angewandte Kulturforschung beschäftigt sich mit der Frage, wie regionale Identitäten entstehen. Sie erklärt, wie in sterbenden Kleinstädten ein neues Miteinander wachsen kann.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.07.2019 18:23Uhr 08:11 min

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Kulturschaffende im ländlichen Raum brauchen viel Enthusiasmus für ihre Projekte und müssen viele Hürden überwinden. Wie können Kommunen die Akteure der Landkultur stärken? Beitrag von Wolfgang Schilling

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.07.2019 18:05Uhr 04:42 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 24. Juli 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2019, 04:00 Uhr

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