Der Theologe und Publizist Frank Richter.
Frank Richter, Theologe und Publizist Bildrechte: dpa

Debatte über Kunstfreiheit Frank Richter: Absage der Leipziger Jahresausstellung war falsch

Der Theologe und Publizist Frank Richter.
Frank Richter, Theologe und Publizist Bildrechte: dpa

Der Dresdner Publizist Frank Richter hat die Absage der Leipziger Jahresausstellung kritisiert. Der frühere Chef der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung sagte MDR KULTUR, man dürfe die Gefahr der Ausgrenzung nicht mit vorauseilender Ausgrenzung bekämpfen. Die Veranstalter hatten die für diese Woche geplante Kunstausstellung abgesagt, nachdem es Streit über die Teilnahme des AfD-nahen Künstlers Axel Krause gegeben hatte. Lesen Sie hier das Interview mit Frank Richter.

MDR KULTUR: Darf man einen Künstler, der Parteigänger der AfD ist, aus einer Ausstellung, also aus dem öffentlichen Raum, ausschließen?

Frank Richter: Ob man das darf, das hängt sehr davon ab, wer es tut. Natürlich kann eine private Galerie, die meint, sich so etwas leisten zu können oder es tun zu müssen, dies dann auch tun. Ich würde es nicht empfehlen.

Denn wir dürfen nicht in eine Spirale der Gesinnungsschnüffelei in diesem Lande geraten. Gerade die Meinung und auch die Kunst sind frei, und das ist ja eine der großen Errungenschaften, die wir hochhalten sollen, gerade auch im 30. Jahr der Friedlichen Revolution. Deswegen sind Menschen auf die Straße gegangen, um sich Freiheiten zu erkämpfen, und die müssen wir auch verteidigen.

Gehört es auch zur Meinungsfreiheit, mal zu sagen: Das wollen wir nicht?

Ja, natürlich. Wir sollten uns alle daran gewöhnen, mit Widerspruch in der Öffentlichkeit zu leben. Wir brauchen den Widerspruch, wir brauchen die öffentliche Debatte. Ich warne nur davor, im vorauseilenden Gehorsam bereits Mechanismen der Ausgrenzung wirksam zu machen.

Die Abgrenzung, der Widerspruch, manchmal auch die Ausgrenzung sollten am Ende einer offenen Debatte stehen und nicht am Anfang, denn das weckt tatsächlich bei vielen ganz üble Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Und das ist jetzt der Anfang, weil die Bilder ja noch gar nicht gezeigt wurden in dieser Ausstellung?

Es ist ja ein Unterschied, ob ich Kunstwerke per se ausschließe aus Ausstellungen oder aus Aufführungen etc., oder ob ich Künstler schon wegen ihrer Gesinnung ausschließe, noch bevor ich dieses Kunstwerk des entsprechenden Künstlers überhaupt gesehen habe oder zur Kenntnis genommen habe, also das erschließt sich mir überhaupt nicht. Das wäre auch überhaupt gar nicht mein Ansatz in einer solchen Situation.

Der Künstler benutzt Parallelen aus der Geschichte, indem er sich jetzt als "entarteten Künstler" bezeichnet. Auch interessant. Und gefährlich vielleicht.

Genau da sind wir dann in dieser Schraube der Eskalation. Dann können sich Ausgegrenzte auch sehr schnell als Opfer stilisieren. Und es ist ja auch kein Geheimnis mehr, dass die Vertreter der Neuen Rechten im politischen Spektrum sich sehr gerne eines Opfer-Narrativs bedienen, manchmal sogar von diesem Opfer-Narrativ politisch leben. Und das wird dann genau von denen bedient, die von sich aus mit einigem Recht sagen, die Neue Rechte politisch bekämpfen zu wollen.

Wir stecken in einem Dilemma. Einerseits wollen wir die offene, liberale Gesellschaft verteidigen, und wollen Ausgrenzung vermeiden. Andererseits müssen wir natürlich damit rechnen, dass es Menschen gibt, die diese liberale Gesellschaft bekämpfen. Gerade mit den Mitteln der liberalen Gesellschaft. Es ist ein Dilemma, da kommen wir nicht raus. Es gibt vielleicht auch keinen Königsweg, aber im Zweifelsfall würde ich immer für mehr Liberalität und Offenheit und Debatte plädieren als für vorschnelle Ausgrenzung.

Und das in alle Richtungen?

Ja natürlich. Wie gesagt, eines der Prinzipien muss heißen, wir können die Gefahr der Ausgrenzung nicht mit vorauseilender Ausgrenzung bekämpfen. Das geht nicht. Wir brauchen die offene Debatte.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Annette Militz.

Mehr zur Absage der Leipziger Jahresausstellung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juni 2019, 15:56 Uhr

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