Jens Balzer
Der Autor und Pop-Kritiker Jens Balzer Bildrechte: imago/Manfred Segerer

"Pop und Populismus" von Jens Balzer Warum in Popmusik immer mehr Populismus steckt

Bushido, Farid Bang und Kollegah erobern mit menschenverachtenden Texten die Charts, Andreas Gabalier posiert - natürlich unabsichtlich - in Hakenkreuz-Pose für ein Plattencover. Was nimmt die Popmusik für eine Entwicklung? Journalist Jens Balzer hat für "Pop und Populismus" die vergangenen 15 Jahre der deutschen Popmusik analysiert.

von Michael Ernst, MDR KULTUR

Jens Balzer
Der Autor und Pop-Kritiker Jens Balzer Bildrechte: imago/Manfred Segerer

Wer heutzutage nach Verantwortung fragt, macht sich nicht unbedingt Freunde. Verantwortung in der Musik, insbesondere der ohnehin polarisierenden Popmusik, das kann rasch zur Gewissensfrage werden. Jens Balzer bekam auf sein Buch dennoch vergleichsweise wenige Reaktionen aus der Szene, wie er erzählt: "Ich weiß gar nicht, ob solche Bücher gelesen werden. Es gab Kritik vor allem von links, weil die in dem Buch implizit vorhandene Gleichstellung oder zumindest der Vergleich zwischen linker und rechter Identitätspolitik auf der eher linken Seite seinerseits als reaktionär angesehen wurde. Von rechts herrscht erstmal Schweigen."

Über mangelnde Aufmerksamkeit muss Balzer sich dennoch nicht sorgen. Vor allem das mediale Interesse an "Pop und Populismus" sei groß, sagt er. In den Feuilletons hätten viele Leute erfreulicherweise verstanden, worum es ihm gegangen sei: "nämlich eine Bestandsaufnahme der popkulturellen Gegenwartspolitik zu versuchen."

Eine niederschmetternde Bilanz

Die Bilanz ist ziemlich eindeutig bis niederschmetternd, denn Balzer musste nach eigenen Worten auch analysieren, wie sich in den vergangenen Jahren antisemitische Motive im deutschen Rap verbreitet haben und wie das mit rechtspopulistischer Politik zusammenhänge.

Kollegah und Farid Bang bei der Echo-Verleihung 2018
Kollegah und Farid Bang bei der Echo-Verleihung 2018 Bildrechte: Imago-Stock

Auslöser für eine breitere Wahrnehmung solch anstößiger bis krimineller Texte dürfte der Eklat um den letzten Echo-Musikpreis gewesen sein, im Frühjahr vergangenen Jahres, bei dem die Rapper Kollegah und Farid Bang mit ihrem Auschwitz-Zitat einen Skandal provozierten. Jens Balzer beschäftigt sich allerdings schon wesentlich länger mit dieser Thematik.

Schon als Popmusik-Redakteur bei der Berliner Zeitung beobachtete er seit Ende der 90er-Jahre die Anfänge des sogenannten Gangsta-, Straßen- und Deutsch-Rap der Szene um das Label Aggro Berlin. In den Nullerjahren schrieb er über sexistische und homophobe Texte von Bushido: "Da gab es ja auch schon Proteste dagegen, vor allem gegen die Art und Weise, wie er dann nach einer Zeit vom Bürgertum und von den Massenmedien umarmt wurde", so Balzer.

Es macht ja auch nun wirklich keinen Spaß, sich diese Art von Musik anzuhören.

Musikjournalist Jens Balzer über die Produktionen von Heimat-Rockern wie Andreas Gabalier oder FreiWild
Jens Balzer: "Pop und Populismus"
Bildrechte: Edition Körber

Sein Buch befasst sich auch mit sogenannten Heimatrockern wie Andreas Gabalier, mit nationalistischen, teils revanchistischen Passagen der Trachten-Konzerte von FreiWild und mit der These, dass die Neue Rechte eine Popkultur ohne Popmusik sei. Dafür musste sich der Autor tief in die Szene begeben.

"Es macht ja auch nun wirklich keinen Spaß, sich diese Art von Musik anzuhören. Das macht man ja, wenn, dann als Feuilleton-Redakteur eher aus sozialtherapeutischen oder ethnologischen Aspekten und nicht, weil das musikalisch von irgendeiner Bedeutung wäre", sagt Balzer. So sei es vermutlich auch einer breiten Öffentlichkeit ergangen, die nach dem Echo-Skandal genauer auf die Texte im deutschsprachigen Hip-Hop schaute.

Wer ist für die Verrohung des Gegenwarts-Pops verantwortlich?

Beim Lesen von Jens Balzers Buch fällt auf, dass die Verrohung des Gegenwarts-Pop, einhergehend mit zutiefst reaktionären, rassistischen und antisemitischen Positionen, zu großen Teilen von Interpreten stammt, die im deutschen Sprachraum eher wenig verwurzelt sein dürften.

Das habe in den letzten 15 Jahren zugenommen, meint Jens Balzer: "Und eigentlich interessanter als die Frage, warum jetzt gerade diese Rapper mit migrantischem Hintergrund sich zu solchen sexistischen und rassistischen Texten aufschwingen, finde ich die Frage, wer das hört. Es ist ja keineswegs Musik, die jetzt nur in migrantischen, subproletarischen Milieus gehört wird, sondern die die meisten biodeutschen, bürgerlichen Mittelschichtskinder ganz toll finden."

Ursprünglich stand der Rap für ein Aufbegehren Unterdrückter, für eine Gegenkultur. Inzwischen ist er in weiten Teilen von inhumanen Botschaften durchsetzt. Wo diese den Boden der Legalität verlassen, entziehen sich die Protagonisten ihrer Verantwortung rasch mit dem Hinweis, es sei doch alles nicht so gemeint. Was Jens Balzer mit seinem gut zu lesenden, klug recherchierten Buch gelungen ist, steht für ein wichtiges Stück Aufklärung auf diesem Gebiet.

Angaben zum Buch Jens Balzer: "Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Popmusik"

erschienen bei Edition Körber
208 Seiten, 17 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2019, 14:13 Uhr

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