Schaden in Milliardenhöhe Corona-Krise: Musikwirtschaft fordert schnelle Staatshilfen

Auch wenn sich das Land behutsam aus der Corona-Starre befreit, ist an ein musikalisches Live-Erlebnis in einem Club, einer Halle oder einem Konzerthaus momentan noch nicht zu denken. Großveranstaltungen wie viele Festivals im Sommer sind bis zum 31. August 2020 verboten. Der deutschen Musiklandschaft droht ein immenser Schaden, kleineren Konzertveranstaltern die Insolvenz. Die Musikveranstalter fordern von der Politik nun schnelle Hilfen und haben einen Forderungskatalog vorgelegt.

Festivalbesucher stehen vor einer Bühne.
Solche Bilder von Musikfestivals wird es wegen der Corona-Krise in den kommenden Monaten nicht geben. Bildrechte: dpa

Deutschlands Musikveranstalter fordern in der Corona-Pandemie schnelle, staatliche Hilfen. Einen entsprechenden Forderungskatalog haben zehn Verbände und Einrichtungen der Musikwirtschaft nun der Politik vorgelegt. Denn während die vergangenen Tage zwar von vorsichtigen Lockerungen der Corona-Maßnahmen geprägt waren, lautet die Botschaft in der Musiklandschaft dabei nach wie vor: Großveranstaltungen sind bis Ende August 2020 verboten. Die Frage, wie Großveranstaltungen denn definiert sind, bleibt dabei allerdings offen. Wann und wie es für die Branche weitergehen kann, ist damit unklar.

Jens Michow 10 min
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An Konzertbesuche ist in der Corona-Krise weiter nicht zu denken. Der deutschen Musiklandschaft droht damit ein imenser Schaden. Jens Michow, Chef des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft im Gespräch

MDR KULTUR - Das Radio Mi 22.04.2020 12:10Uhr 09:56 min

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Der Bundesverband der deutschen Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) hat bereits vor einigen Wochen in einem Papier mit sehr konkreten Zahlen und Bildern die Folgen beschrieben, auf die sich die Musikbranche wegen der Corona-Einschränkungen einstellen muss. Diese Warnung gipfelte in dem Satz: "Eines ist klar, wenn es keine entsprechende Hilfe für die Musikwirtschaft gibt, werden an Weihnachten 2020 weder neue Tonträger, Noten, Instrumente, noch Konzertkarten unter dem Weihnachtsbaum liegen. Dann ist ein Wirtschaftszweig, der wie kein anderer für die kulturelle Vielfalt steht, verschwunden."

Branche rechnet mit 5,7 Milliarden Euro Schaden

Jens Michow
Jens Michow, Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Konzert- und Veranstaltungswirtschaft Bildrechte: dpa

BDKV-Chef Jens Michow sagte MDR KULTUR, der Schaden in der Musikwirtschaft durch die Corona-Einschränkungen belaufe sich auf rund 5,7 Milliarden Euro. Man habe in dem Forderungskatalog deutlich gemacht, in welcher Weise, die Gelder von welchem Bereich in Anspruch genommen werden könnten. "Kein Mensch geht davon aus, dass uns nun 5,7 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt werden. Aber wir haben dezidiert dargelegt, welcher Teil dieses Betrages aus unserer Sicht erstattet beziehungsweise zur Verfügung gestellt werden muss – und zwar nicht rückzahlbar."

Die Politiker müssten zur Kenntnis nehmen, dass es sich in der Musikwirtschaft um schnell verderbliche Waren handele, so der BDKV-Chef. Ein Konzert, das heute nicht stattfinde, könne morgen grundsätzlich nicht nachgeholt werden. Zwar könne man es zu einem späteren Zeitpunkt ansetzen, das Konzert als solches sei aber ausgefallen.

Festival-Veranstaltern fallen komplette Einnahmen weg

Noch drastischer ist es Michow zufolge bei Festivalveranstaltern. Diese arbeiten ein ganzes Jahr an der Organisation. Fällt es aus, kann es frühestens im kommenden Jahr nachgeholt werden. Dann findet es sowieso statt. Dem Unternehmen brechen somit hundert Prozent der Einnahmen weg. Michow: "Insofern haben wir ganz erhebliche Schäden, die man nicht kompensieren kann, schon gar nicht durch Kredite, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen." Besonders kleine Firmen ohne Rücklagen drohten durch die Veranstaltungsverbote der finanzielle Kollaps.

Ohne eine Hilfe ist es nicht möglich, die Musiklandschaft im jetzigen Umfang aufrechtzuerhalten.

Jens Michow, Chef des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft

Michow weist zudem darauf hin, dass selbst wenn ab September Veranstaltungen wieder in uneingeschränkten Umfang durchgeführt werden könnten, die Musiklandschaft nicht über Nacht wieder hochfahren kann. Viele Veranstaltungen müssen neu gebucht werden. Ihmzufolge nehmen zahlreiche Konzerthäuser und Veranstaltungshallen derzeit keine Buchungen an. Stattdessen wollen sie abwarten, wie sich die Lage entwickelt. "Es geht also nicht um sechs Monate, sondern um weitaus mehr. Die nicht vorhandenen Gewinne, die über die sechs Monate hinausgehen, müssen mit berücksichtigt werden. Insofern ist es ohne eine Hilfe nicht möglich, die Musiklandschaft im jetzigen Umfang aufrechtzuerhalten."

Von der Politik erwarte die Branche klare und auch schnelle Antworten, sagt Michow. Ohne staatliche Hilfe, ohne einen Fonds, aus dem die Schäden für alle Beteiligten der Musikwirtschaft beglichen werden könnten, drohten große Teile der Musikwirtschaft wegzubrechen. Er könne sich nicht vorstellen, das die Politik das in Kauf nehme.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. April 2020 | 12:10 Uhr

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