Interview Amazons Alexa - Überwachungskapitalismus in Reinform?

Johannes Bröckers kritisiert in "Schnauze, Alexa! Ich kaufe nicht bei Amazon" die Monopolstellung und Datensammelwut des Online-Unternehmens. Doch gerade in der Vorweihnachtszeit ist das eine Mahnung und Vorsatz gleichermaßen, die sicher nicht einfach einzuhalten sind. Im Interview erläutert er seine Kritik und gibt sich dabei aber auch selbstkritisch.

MDR KULTUR: Sie kaufen ja nicht wirklich Nichts bei Amazon?

Johannes Bröckers: Ja, ich habe auch noch ein Kundenkonto. Das war ja so ein bisschen der Ausgangspunkt von meinem Buch, dass ich mal von meinem eigenen schrägen bis unkontrollierten Einkaufsverhalten ausgegangen bin und mir dann aber mal Unternehmen wie Amazon gründlich angeguckt habe und da bin ich dann doch erschrocken.

Warum ist es aus Ihrer Sicht so problematisch, die Dienste von Amazon in Anspruch zu nehmen?

Wir müssen uns einfach klar machen: Amazon bietet einen super Service, das muss man sagen. Eine sehr bequeme Art des Einkaufens, es wird uns alles nach Hause geschickt. Aber das ist verknüpft mit einer großen Datensammelwut, die dieses Unternehmen mittlerweile an den Tag legt – nicht nur jeden Klick auf der Webseite auswertet, sondern mit dem Tool Amazon Echo jeden Sprachbefehl mitschneidet. Das ist schon etwas, was mich stört.

Da kommen natürlich noch andere Sachen dazu. Wir haben das jetzt gerade im Umfeld des "Black Friday" gehört, dass an solchen Tagen nicht nur von Amazon – weil es auch sowieso viel Onlinehandel gibt – bis zu 10 Millionen Pakete werden in Deutschland verschickt, was eine irre Zahl ist. Im Jahr kommen wir, glaube ich, mittlerweile auf über drei Milliarden Pakete, die hier in Deutschland hin und her geschickt werden. Auch ein riesiges Problem: Klimaschutz, Straßenverstopfung, schlechte Luft und natürlich auch eine Menge Abfall, der da entsteht.

Sie sind nicht der Einzige, der vor der Übermacht der sogenannten "Big Four", Google, Amazon, Facebook und Apple warnt. Welche Alternativen gibt es denn?

Der Journalist und Autor Johannes Bröckers.
Johannes Bröckers arbeitet als Journalist, Autor und Marketingberater. Bildrechte: Westend-Verlag/Johannes Bröckers

Wenn wir uns die Zahlen angucken vom letzten "Blackout-Friday“", wie ich es gerne sage, weil ich denke, dass wir alle – ich nehme mich da als Konsument nicht raus – all' diese Dinge vergessen, wenn wir mit Schnäppchen gelockt werden. Da brauchen wir Alternativen. Wir müssen also erstmal anfangen, unsere Konsumhaltung zu verändern. Vor dem Stichwort "Digitalisierung", was ja in Deutschland gerade ganz groß geschrieben wird, finde ich es extrem wichtig, dass wir uns über die Bedingungen unterhalten, unter denen uns dieses Marken- und digitalen Services angeboten werden.

Das ist eine Frage der Politik, die hier dringend regulierend eingreifen muss.

Johannes Bröckers, Autor und Journalist

Wenn wir uns das mal in die analoge Welt übersetzen: Über 40 Prozent der Geschäfte in der Fußgängerzone gehören Amazon, fast alle Marktplätze auf einem Wochenmarkt gehören Amazon und über ein Drittel aller Gewerbe- und Industriegebiete. In unserer analogen Welt hätte längst das Kartellamt gesagt: Moment, wo ist denn hier der Wettbewerb? In der digitalen Welt gibt es viele Regeln nicht.

Alexa hat es in den Titel ihres Buches geschafft. Zu Weihnachten werden sicherlich viele Amazon Echos auch in Deutschland ein neues Zu Hause finden. Was kritisieren Sie an der Sprachassistentin, die uns das Leben erleichtern soll?

Ich habe das Problem, dass auch dieses Gerät – also der Lautsprecher Alexa – mit sieben Mikrofonen ausgestattet ist und alle unsere Befehle aufzeichnet. Und wenn ich mir vorstelle, dass Alexa demnächst mein interaktives Zuhause steuert, dann kann ich damit Lichtschalter an- und ausmachen, die Heizung regulieren. Und dann weiß Amazon-Chef Jeff Bezos wann wir morgens aufstehen, was wir zu Mittag essen und wann wir abends wieder ins Bett gehen.

Amazon-Versandzentrum in Leipzig
In Amazon sieht Bröckers einen riesigen Marktmonopolisten. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, dass ein Staubsaugerroboter meine Wohnung sauber macht. Aber warum muss der meine Wohnung ausmessen und Daten an Dritte senden? Natürlich weiß ich, dass Amazon immer differenziertere Kundenprofile erlangen will, die uns zu noch mehr Konsum anregen und Amazon will am besten schon vor uns selbst wissen, was wir als nächstes kaufen. Aber diese Überwachung und diese Form des Überwachungskapitalismus, die können wir nicht mitmachen, wenn wir weiter in einer freien und demokratischen Gesellschaft leben wollen.

Wo und wie kaufen Sie eigentlich ihre Weihnachtsgeschenke?

Ich bin noch ganz im Hintertreffen. Wir haben das in unserer Familie eigentlich schon im letzten Jahrzehnt ganz bewusst reduziert, weil es um andere Dinge geht, als sich teure Geschenke zu machen. Die Zeit, die wir miteinander verbringen und das gemeinsame Tun. Das ist doch eigentlich das Schöne an Weihnachten.

Das Interview führte MDR KULTUR-Redakteurin Claudia Bleibaum.

Das Cover des Buches "Schnauze, Alexa!" von Johannes Bröckers.
Bildrechte: Westend-Verlag

Informationen zum Text Johannes Bröckers
"Schnauze, Alexa! Ich kaufe nicht bei Amazon"
96 Seiten
Westend-Verlag
ISBN: 978 386 489 2516
7,50 €

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Dezember 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2018, 14:28 Uhr

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