Stimmen zu Johannes R. Becher
Statue von Johannes R. Becher in Bad Saarow, dorthin zog er sich zu DDR-Zeiten in seine Datsche zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Porträt Zum 60. Todestag: Johannes R. Becher – der zerrissene Dichter

KPD-Mitglied und SED-Genosse, expressionistischer Künstler und DDR-Kulturminister, dazu Drogenkonsum und Geldnöte: Johannes R. Becher führte ein widersprüchliches Leben – bis zuletzt. Als der Dichter der Nationalhymne am 11. Oktober 1958 starb, inszenierte die DDR ein großes Staatsbegräbnis. Dabei wollte Becher gar nicht in den Parteihimmel. Seine Biografie führte ihn durch ein "Jahrhundert der Extreme", das ihn zerrissen hat.

Stimmen zu Johannes R. Becher
Statue von Johannes R. Becher in Bad Saarow, dorthin zog er sich zu DDR-Zeiten in seine Datsche zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Johannes R. Becher am 11. Oktober 1958 in Ostberlin stirbt, inszeniert die DDR ein großes Staatsbegräbnis. Schließlich heißt es, Abschied nehmen vom Dichter der Nationalhymne, vom Gründer des Kulturbundes und Kulturminister – ein Amt, das Becher überhaupt erst geschaffen hat. Seinen Genossen hinterlässt er ein poetisches Testament, das es in sich hat:

Lasst bitte mich nicht in den Himmel ein,
ich litt dort in eurem Paradiese
noch mehr Qual als in der Hölle Pein.
Ich wähl die Hölle – und begehr nur diese.

Johannes R. Becher

Becher zieht den Schlussstrich, als wollte er verlogenen Nachrufen zuvorkommen – und sein eigenes Leben verdammen. Tatsächlich gleicht es von Anbeginn einer Höllenfahrt.

Der Bürgersohn sucht die Revolte

Jens-Fietje Dwars in "Lebensläufe: Johannes R. Becher"
Becher-Biograf Jens-Fietje Dwars Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Sohn eines ehrgeizigen Staatsanwaltes wird Becher 1891 in München geboren. "Der bricht ihm früh das Genick, das kann man so sagen", erklärt der Becher-Biograf Jens-Fietje Dwars. Der Junge, der pausenlos Verse schreibt, sieht sich als Dichter. Auf Wunsch des Vaters, der auch vor Prügel nicht zurückschreckt, wird er Offiziersanwärter. In seinen Texten rebelliert er gegen die Kälte im Elternhaus, gegen den Drill in Schule und Internat. Er entdeckt die expressionistische Künstlerszene als Gegenwelt. Aus der realen will er entkommen, mit seiner Geliebten plant er 1910 den Suizid, sie stirbt, er überlebt. Gleichsam wiedergeboren als Dichter, wie Dwars meint.

Die Zwanziger: Immer auf Droge und in Existenznot

Vorgeblich um Medizin zu studieren, geht Becher 1911 nach Berlin. Doch dafür hat der junge Poet keine Zeit. In seinen Schriften fordert er die Revolution, die das wilhelminische Spießertum wegfegen soll. Im Gedicht "Beengung", das im Sommer 1914 erscheint, sehnt er den Krieg herbei. Als Ästhet der Gewalt trifft er den Nerv der Zeit:

Das ist genau die Stimmung seiner Generation, dieser Jugend, die mit 40 Jahren Kaiserfrieden nichts anfangen kann und sagt: 'Lieber möge dieser Staat zugrunde gehen, dieses Europa explodieren, als dass es so weitergeht.'

Jens-Fietje Dwars, Becher-Biograf

Becher führt ein wildes Leben, in der Berliner Künstlerszene stehen Morphium und Kokain hoch im Kurs. Sein Drogenkonsum bringt ihn in Geldnöte. Der erste eigene Verlag ist bald pleite. Becher schlägt sich als Schnorrer durch. Am Ende retten ihn Gönner wie Harry Graf Kessler und das Ehepaar Kippenberg. Kessler hält ihn für das größte Talent seit Rilke und unterstützt den Dichter finanziell. Der Leipziger Insel-Verlag schließt einen Fördervertrag mit Becher ab. Im "Coffee-Baum", am Literatentisch, trifft Becher auf Größen wie Erich Kästner, Franz Werfel und Kurt Wolff. Bei Insel erscheint schließlich sein Gedichtband "Triumph und Verfall", ein erster Erfolg.

"Ich muss jetzt funktionieren"

Stimmen zu Johannes R. Becher
Schriftsteller Joachim Walther blickt hinter die Maske des Dogmatikers Becher Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Halt findet er nicht. Das Grauen des industriellen Massenmords im Ersten Weltkrieg macht Becher zum Kriegsgegner. 1918 erschießt sich sein jüngerer Bruder Ernst mit 19 Jahren. Johannes reagiert mit Selbstmordversuchen. Für den inzwischen 27-jährigen wird eine Entziehungskur in Jena die letzte Hoffnung, vom Morphium loszukommen. Erlösung sucht er im Kommunismus. Becher, ab 1919 Mitglied der KPD, steigt in der proletarischen Partei, der es noch an parteilichen Literaten fehlt, über die Jahre bis ins Zentralkomitee auf. Aus dem Lyriker wird der Agitator: "Ich muss jetzt funktionieren und habe endlich festen Boden," notiert er.

Er war eigentlich nicht Kommunist, er war ein haltloser Haltsuchender.

Joachim Walther, Schriftsteller über Becher

1927 schreibt er in einem dreimonatigen Schaffensrausch sein Buch "Levisite", in dem er einen Giftgaskrieg kommen sieht, er ruft zum Bürgerkrieg gegen die Kapitalisten auf. Das Reichsgericht wirft ihm Hochverrat vor. Landesweit wird gegen das Verfahren demonstriert. Prominente Literaten wie Maxim Gorki und Thomas Mann solidarisieren sich mit Becher. Die kommunistische Internationale in Moskau ernennt ihn zum Sekretär für revolutionäre Literatur.

Zerrissen zwischen den Fronten

Nach Hitlers Machtübernahme flieht Becher in die Sowjetunion. Nun revidiert der Dichter, der einst heftig gegen die Einheit aller Antifaschisten polemisierte, seine Haltung und wirbt für ein breites Bündnis, auch mit den Sozialdemokraten. Seinen Lyrikband "Der Glücksucher und die sieben Lasten" (1938) nennt Thomas Mann "das repräsentative Gedichtbuch unserer Zeit und unseres schweren Erlebens".

1939 aber feiert Becher den Hitler-Stalin-Pakt, der 1.200 deutsche Emigranten, die in der Sowjetunion Zuflucht suchten, ans Messer liefert. Dass er – wie viele andere – Genossen denunziert, um selbst davonzukommen, ist nicht bekannt. Stattdessen setzt er sich für Beschuldigte ein. Das hat damals fast niemand gewagt. Im Herbst 1941 stehen deutsche Truppen vor Moskau. Becher wird nach Taschkent evakuiert. In 14 Tagen entsteht dort sein Drama "Die Winterschlacht", das fragt, warum jemand Hitlers Soldat wird und einen Militär sagen lässt: "Die Leute wollen und wollen sich nicht an den Krieg gewöhnen, betrachten ihn nach wie vor als einen bösartigen Sonderfall, während der Krieg doch das Leben ist." Als die Schlacht um Stalingrad tobt, schneidet sich Becher die Pulsadern auf.

Egal wer siegt, ob jetzt die Deutschen über die Russen, bei denen er Asyl gefunden hat oder die Russen über die Deutschen, denen sein Herz gehört, deren Sänger er sein will; egal wer gewinnt, er verliert immer, das zerreißt ihn.

Jens-Fietje Dwars, Becher-Biograf
Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel in "Lebensläufe: Johannes R. Becher"
Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von seiner Seelenpein und Sehnsucht nach innerem Frieden erzählen seine Gedichte, die Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel faszinieren, weil sie so einfach und klar formuliert seien, ohne jede Ideologie, in einem "unglaublich kindlichen Ton". Und das vom Auftragsdichter, der Stalin-Hymnen schrieb.

Die Nächte aufzubleiben, und bei Brot und Wein mit dem, der grad am Tische sitzt, zu sprechen. Und namenlos zu sein.

Aus: Der Sommer summt Johannes R. Becher

Bis an den Abgrund widersprüchlich

Der Philosoph und Dozent an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, Wolfgang Harich (r), am 10. Februar 1955 während des 3. Westberliner Treffens des DDR-Kultusministers  Johannes R. Becher (l) mit westberliner Journalisten, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden.
Noch Seite an Seite: Becher (links) als DDR-Kulturminister mit dem Philosophen Wolfgang Harich (rechts), 1955 Bildrechte: dpa

Auch nach dem Kriegsende und seiner Rückkehr in den deutschen Osten bleibt Becher ein Zerrissener. Im Westen wird er als Kremlknecht geächtet, er setzt sich unverdrossen für die Einheit der Deutschen ein. 1949 schafft die Gründung der beiden deutschen Staaten neue Realitäten. Er stellt sich darauf ein, preist öffentlich das Leben im sozialistischen Kollektiv, genießt selber die bürgerliche Idylle. Sogar nach Westberlin darf er Reisen, wo er Joachim Walther zufolge nach sexuellen Abenteuern sucht, auch bei Strichjungen und Prostituierten.

Becher weiß, wie weit er gehen kann. Er schreibt Ulbricht eine Biografie, als er die Druckfassung in den Händen hält, muss er vor Scham weinen. Er nutzt 1953 die Gunst der Stunde, um ein Ministerium für die Kultur zu fordern, um sie unabhängiger von der Parteikontrolle zu machen. Als es 1956 zu einem Schauprozess gegen Verlagsleiter Walter Janka und den Philosophen Rolf Harich kommt, interveniert er privat bei Ulbricht. Mehr Solidarität mit den Freunden wagt er nicht. Ein Jahr später tritt er – inzwischen schwer krank – von seinem Amt als Kulturminister zurück.

Stimmen zu Johannes R. Becher
Bechers Haus im Pankower "Funktionärsviertel" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In seinem Buch "Das poetische Prinzip" spricht Becher vom Sozialismus als Grundirrtum seines Lebens und von der Mitschuld an Exzessen. Seine Abrechnung und späte Reue wird erst 1988 öffentlich. Mit dem Ruf "Deutschland einig Vaterland", einer Zeile aus Bechers Nationalhymne der DDR, fordern im Herbst 1989 Demonstranten auch das Ende des Staates, dem der Dichter gedient hatte. Ein passende Wendung der Geschichte und für den Poeten, der wie Dwars meint "bis an den Abgrund widersprüchlich" war.

Was sagt uns Bechers Leben heute?

Grab von Johannes R. Becher auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin
Grab von Johannes R. Becher auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Genau deswegen dürfe man Becher nicht vergessen, findet der Schriftsteller Günter Kunert, sein Schicksal sei ein "so typisches für Deutschland und für einen Weg der deutschen Nation".

Wenzel denkt nach vorn und meint, die Nachgeborenen sollten Biografien in ihrer Widersprüchlichkeit akzeptieren: "Das fällt uns sehr schwer." Aber: "Wenn wir das nicht lernen, sind wir nicht in der Lage, die politische Kultur, in der wir jetzt leben, weiter zu entwickeln."

Quelle: MDR-Reihe Lebensläufe | Höllenfahrt - Das Leben des Johannes R. Becher | Uli Wendelmann

Buch- und CD-Tipp: Jens-Fietje Dwars: Johannes R. Becher. Triumph und Verfall.
Eine Biographie. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 2003
ISBN 3-7466-1953-X.

Johannes R. Becher: Hundert Gedichte
Hrsg. von Jens-Fietje Dwars
Aufbau Verlag
164 Seiten
978-3-351-03245-6
14,00 Euro

Album: Wenzel: "Sterne Glühn - Wenzel singt Johannes R. Becher"
Label: matrosenblau|Indigo

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Oktober 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 04:00 Uhr