Biografie Joni Mitchell – vom Prärie-Mädchen zur Folk-Legende

Joni Mitchell zählt zu den Top Ten der größten Singer Songwriter des 20. Jahrhunderts. Sie gewann acht Grammys, 2002 erhielt sie ihn für ihr Lebenswerk. Seit 2007 ist sie Mitglied der Canadian Songwriters Hall of Fame, in ihrem Song "Woodstock" findet sich eine ganze Generation wieder. Joni Mitchell ist eine der Ikonen der Siebzigerjahre und bis heute Inspirationsquelle für viele Musikerinnen und Musiker. Nun erscheint eine mitreißende Biografie von David Yaffe über sie.

Joni Mitchell
Joni Mitchell Bildrechte: imago/ZUMA Press

Ich hatte einige Fragen im Vorfeld – zum Beispiel, wieso eine Kultfigur wie Joni Mitchell mit ihrer Musik seit den Achtzigern eigentlich kaum noch mit ihrem Werk in der Öffentlichkeit so in Erscheinungen tritt, wie sonst Stars dieser Größenordnung. Und natürlich, wie sie durch den mörderischen Betrieb der Musikindustrie über all die Jahre hindurchgekommen ist.

1968 war ihr erstes Album "Song To a Seagull" erschienen und 2007 "Shine", also 19 Studioalben in einem Zeitraum von 40 Jahren. Und in diesen vier Jahrzehnten haben wir mit den 60er-, 70er-, 80er- und 90er-Jahren völlig verschiedene musikalische Trends und Entwicklungen erlebt. Wie kann man sich da anpassen und gleichzeitig unverwechselbar sein?

Eine überstandene Kinderlähmung als Motivationsschub

David Yaffe erklärt den Unterschied der Popularität einer Beyoncé heute im Vergleich zu Joni Mitchell in den Siebzigern damit, dass ihre Bühnen-Performance heute ganz anders medial abbildbar ist, während die Möglichkeiten der Schallplatte in diesem Punkt zu Jonis großer Zeit eher beschränkt blieben.

Wie es Joni Mitchell gelang, ihren nach einer Kinderlähmung erworbenen Überlebenswillen in einen zähen Freigeist voller Kreativer Neugier zu entwickeln, beschreibt David Yaffe in den 33 Kapiteln mitreißend, und es wird auch relativ schnell klar, dass dieser lebens- und wissenshungrige Charakter des einstigen Prärie-Mädchens aus dem kanadischen Alberta weder privat noch beruflich ohne Ärger davonkommen würde.

"Ich bin kein Traditionalist", sagte Joni Mitchell über sich selbst, "mich reizen die Entdecker". Spannend macht der Autor die Biografie dann noch damit, dass er aus seinem Wissen heraus gelegentlich andeutet, dass es alles noch viel schlimmer kommen wird …

Der Autor führte viele Interviews mit Weggefährten

Neil Young und Joni Mitchell
Joni Mitchell beim legendären Abschiedskonzert "The Last Waltz" von The Band 1976 an der Seite von Neil Young. Bildrechte: IMAGO

David Yaffe hat im musikalischen Umfeld Joni Mitchells Musiker, Produzenten und Kritiker befragt, von Bob Dylan bis Herbie Hancock und Wayne Shorter; er hat ihre Ehemänner und Liebhaber interviewt, David Crosby, Graham Nash und Leonard Cohen, und Freundinnen die Geheimnisse entlockt.

Insgesamt ergibt sich aus dem weitverzweigten Netz von persönlichen und Arbeitsbeziehungen einer der größten Musikerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts ein Panorama der interessantesten künstlerischen Entwicklungen und Projekte der letzten fünfzig Jahre mit wirklich aufregenden Verbindungslinien und Referenzen.

David Yaffe, Professor für Geisteswissenschaften an der Uni in Suracuse und Autor vieler Publikationen und Artikel, traf Joni Mitchell zum ersten Mal im Januar 2007, als sie gerade die Aufnahmen für ihr Album "Shine" abgeschlossen hatte in Los Angeles, um sie für die New York Times zu interviewen. Er beschreibt, wie aufgeregt er war und wie er dann eine Hand voller Schmuck entgegen gereicht bekam und kein Wein gut genug war, den der Italiener, in dem sie sich trafen, servierte.

Musikalische Einflüsse aus Jazz und Impressionismus

Joni Mitchell
Joni Mitchell und ihre Gitarre Bildrechte: imago/ZUMA Press

Sie plauderte über ihre großen Lieben Miles Davis, Duke Ellington und Debussy, über Ballett, Umweltkatastrophen und den serbischen Filmemacher Kusturica. Sie landeten bei ihr zu Hause, und ab da redete sie ununterbrochen, und Yaffe resumiert schon zu Beginn seines Buches über die wohl einflussreichste Singer-Songwriterin des 20. Jahrhunderts: "Sie liebte es, ein, wie Sie es nannte, Unruhestifter zu sein. Sie bedeutete nichts als Ärger und darin war sie richtig gut."

Der geplante Artikel erschien, und dafür wurde David Yaffe erstmal von ihr, wie er sagt, "Zur Schnecke gemacht", weil er ihr Heim als "Mittelklasse" bezeichnet hatte. Danach vergingen Jahre, bis er wieder in ihrer Küche saß, um mit ihr über Musik zu sprechen und festzustellen, dass über Musik zu sprechen bedeutete, "über alles zu sprechen".

Und somit beginnt die Geschichte der Roberta Joan Anderson, die am 7. November 1943 in Fort McLeod, Alberta geboren wurde, als Tochter einer Bankangestellten und eines Managers in einem Lebensmittelladen, in einer kanadischen Kleinstadt. Die ihr natürlich schnell viel zu eng wird.

Songs über die Lust am Ausbrechen

Bevor es aber losging mit ihrer künstlerischen Entwicklung wurde Joni im Alter von zehn Jahren von der Kinderlähmung heimgesucht, eine schlimme Epidemie, bei der Joni Mitchell und Neil Young 1953 zu den Überlebenden gehörten. Der Autor beschreibt Jonis Kampf gegen die Kinderlähmung nicht nur als Motor, der ihren Körper und Geist formte, sondern auch als den Ursprung ihrer Stimme, die als Instrument die Verbindung zu ihren Gefühlen herstellte.

In der kreativ-chaotischen Folkszene von Detroit machte sie ihre ersten musikalischen Schritte, zur Songwriterin wurde sie kurz darauf in New York. Einer ihrer ersten eigenen Songs handelte von der Abenteuerlust und vom Ausbrechen: "Born To Take The Highway".

Joni Mitchell mit Eltern
Joni Mitchell mit ihren Eltern Bildrechte: imago/ZUMA Press

Joni Mitchells sicherlich nicht einfacher Charakter und ihr Hang zur Perfektion haben die Zusammenarbeit mit Kollegen und Freunden nicht immer einfach gemacht. Sie war kein einfacher Partner, weil sie immer darauf bestand, ihr eigenes Ding zu machen, und sie wusste auch immer am besten, wie das klingen sollte.

Die meisten waren von ihrer Schönheit und der Schönheit ihrer Kompositionen überwältigt, und wie offenherzig und schonungslos sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen in ihren Texten preisgab. Diese Verbindungen zwischen Jonis Leben und ihren Texten analysiert der Autor akribisch, genauso wie ihre extravaganten Harmoniefolgen, in die sich auch versierte Jazzmusiker ihrer Band erst einarbeiten mussten, etwa Jaco Pastorius, Joe Zawinul oder Pat Metheny.

Eine zentrale Figur der Musikszene im berühmten Laurel Canyon

Zunächst war sie das Mädchen, das die berühmte Rockszene im Laurel Canyon inspirierte und prägte, Für Graham Nash war die Anziehungskraft von Laurel Canyon und Joni Mitchell ein und dasselbe und vergleichbar nur mit dem Freigeist von Wien zur Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert, nur in kleinerem Maßstab.

Sie verweigerte sich dem Erwartbaren und veränderte sich weiter, bis ihr Publikum ihr nicht mehr folgen konnte. "Star sein heißt", schreibt David Yaffe, "sich synchron zu den Erwartungen der Leute zu verhalten." Daran war Joni Mitchell nicht interessiert, und sie hasst das Musikbusiness und versuchte es zu vermeiden, solange es ging. Auf der Suche nach Wahrheit und spiritueller Erfahrung machte Joni Mitchell weder vor Kokain noch vor einem trinkfreudigen Buddhismus-Guru halt.

Zu den berührendsten Momenten des Buches gehört die Beschreibung der Aufnahmen zu ihrem Album "Both Sides Now", das sie 2000 mit Orchester einspielte. "Both Sides Now" – einen ihrer frühen Songs, der davon handelt, das Leben von beiden Seiten zu sehen – hat sie erst begriffen, als sie auf ihre Karriere zurückblickte.

Aber das schönste Zitat, das David Yaffe gefunden hat, stammt von Leonard Cohen, ihrem Landsmann und ehemaligen Liebhaber in einer Hommage anlässlich ihres 70.Geburtstages:

You changed the way women sing,
and the way men listen.

Leonard Cohen

Angaben zum Buch David Yaffe: "Joni Mitchell. Ein Porträt"
Matthes & Seitz Berlin
550 Seiten
28 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. April 2020 | 08:10 Uhr

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