Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter"
Judith Kuckart hat mit "Kein Sturm, nur Wetter" ein melancholisch grundiertes Buch geschrieben, findet unser Kritiker. Bildrechte: DuMont

Buchkritik: "Kein Sturm, nur Wetter" Judith Kuckarts melancholischer Roman über verflossene Lieben

Judith Kuckart erzählt in ihrem Roman "Kein Sturm, nur Wetter" von einer Frau, die älter wird, über Verpasstes sinniert und vergangene Beziehungen reflektiert. Unser Kritiker Rainer Moritz vermisst in dem Buch jedoch etwas.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter"
Judith Kuckart hat mit "Kein Sturm, nur Wetter" ein melancholisch grundiertes Buch geschrieben, findet unser Kritiker. Bildrechte: DuMont

Eine Frau wartet. Am Wochenende sitzt sie in der Abflughalle des Berliner Flughafens Tegel, trinkt ein Bier und sieht sich um, bis sie – mal allein, mal in Begleitung – mit dem letzten Bus in die Stadt zurückfährt. 54 Jahre alt ist die namenlos bleibende Frau, die sich an einem Sonntag, der am Anfang von Judith Kuckarts neuem Roman steht, mit dem Ingenieur Robert Sturm unterhält.

Dieser ist auf dem Weg nach Sibirien und fasziniert die Protagonistin sofort. In einer Woche wird er zurückkehren, und da sie ihm heimlich eine Visitenkarte entwendet, kennt sie seine Berliner Adresse und umkreist so fortan nicht nur in Gedanken ihre Zufallsbekanntschaft.

'Kein Sturm, nur Wetter' ist ein melancholisch grundiertes Buch, das über das Verpasste und Verlorene sinniert – und darüber, was unser Leben stärker bestimmt: das Erinnerbare oder das Vergessene.

Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker
Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter" 5 min
Bildrechte: DuMont

MDR KULTUR - Das Radio Di 27.08.2019 08:10Uhr 05:27 min

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Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter" 5 min
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Die 36 als magische Zahl durchzieht den Roman

Sieben Tage umspannt folglich die erzählte Zeit in diesem Buch. Sieben Tage, in denen die Frau ihr Leben Revue passieren lässt und sich vor allem an die beiden ihre Vergangenheit prägenden Liebesbeziehungen erinnert. 36 Jahre alt ist Robert Sturm, 36 Jahre alt war ihr erster Partner Viktor, den sie 1981 als 18-Jährige am Bahnhof Zoo kennenlernte, und 36 Jahre alt war auch der Dramaturg Johann, den sie in der Silvesternacht 1999 ihrer Freundin Nina ausspannte.

Beide Beziehungen währten jahrelang, beide gingen irgendwann auseinander, heftig oder schleichend, und nun, 2017, steht sie als nicht mehr junge Frau vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz. Die Ambitionen, die sie einst hatte, wurden zurechtgestutzt.

Zwar ist es ihr mit Mühe gelungen, ihre neurobiologische Dissertation abzuschließen, doch Karrieregipfel hat sie nie erklommen. So arbeitet sie als "bessere Sekretärin" in einem naturwissenschaftlichen Institut und lektoriert für Wissenschaftsverlage.

Judith Kuckart
Judith Kuckart 2013 bei der Leipziger Buchmesse Bildrechte: dpa

Judith Kuckart hat sich in ihren zahlreichen Theaterstücken und Romanen ausgewiesen als Autorin, die biografische Zäsuren sprachlich präzise zu erfassen weiß und beharrlich ergründet, wie unser Seelenleben funktioniert.

"Kein Sturm, nur Wetter" ist ein melancholisch grundiertes Buch, das über das Verpasste und Verlorene sinniert – und darüber, was unser Leben stärker bestimmt: das Erinnerbare oder das Vergessene.

Sinnieren über die Vergangenheit

Die Liebesgefühle zu Viktor und zu Johann bleiben im Nachhinein kaum erklärbare Phänomene. Während der Erstere ein dunkles Geheimnis hütete – in seinem Aktenschrank entdeckt sie Fotos nackter Mädchen –, sackte der Letztere allmählich in whiskygetränkte prekäre Umstände ab und musste sein Geld fernab der Theaterbühnen als Putzkraft verdienen.

Was vom Leben mit diesen Männern zählt, lässt sich kaum noch sagen – vielleicht ja nur das "Gefühl, mit einer Erinnerung verwechselt zu werden und am Ende doch gar nicht gemeint zu sein".

Judith Kuckart überdeterminiert mit ihrem ausgeklügelten Verweissystem mitunter, was sie erzählen möchte. Das nimmt dem Roman alle Leichtigkeit.

Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Judith Kuckart versucht ihrem sich über einen langen Zeitraum erstreckenden Text ein klares Gerüst zu geben. Von der Halt gebenden Zahlenmagie der "36" abgesehen, werden Motive und Themen immer wieder neu aufgegriffen und variiert, mangelt es nicht an literarischen Anspielungen auf Rilke, Erich Fried, Rainer Werner Fassbinder oder Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter" und seinen "fliegenden Robert".

Wenn zudem die Promotion der Kuckart'schen Heldin dem Thema "Emotionale Ansteckung" gilt, so spürt man letztlich, wo ein Schwachpunkt dieses mit einem Grauton überzogenen Romans liegt: Judith Kuckart überdeterminiert mit ihrem ausgeklügelten Verweissystem mitunter, was sie erzählen möchte. Das nimmt dem Roman alle Leichtigkeit. So bewusst das intendiert sein mag, so offensichtlich ist folglich, dass seine Heldin nur verschwommene Konturen hat, als sähe man sie durch eine Milchglasscheibe. Liebesstürme wird es in ihrem Leben wohl so schnell keine geben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. August 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2019, 11:22 Uhr

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