Der Geiger und Sieger im Wettbewerb "Jugend musiziert" Akim Camara, 2012
Ein junger Geiger bei "Jugend musiziert – wer Berufsmusiker werden möchte, muss viel, viel üben. Bildrechte: dpa

Bundeswettbewerb in Halle Jugend musiziert: "Dieses Gefühl kann man nirgendwo anders erreichen"

Musizieren ist eines der beliebtesten Hobbies unter Kindern und Jugendlichen. Was aber, wenn der Sohn oder die Tochter die Musik zum Beruf machen möchte? Ist das überhaupt realistisch? Wie kann man diesen Wunsch unterstützen? Wir haben drei Teilnehmer des Bundeswettbewerbs von Jugend musiziert gefragt.

von Felicitas Förster, MDR KULTUR-Autorin

Der Geiger und Sieger im Wettbewerb "Jugend musiziert" Akim Camara, 2012
Ein junger Geiger bei "Jugend musiziert – wer Berufsmusiker werden möchte, muss viel, viel üben. Bildrechte: dpa

Einst glaubte man, Drill sei das einzige Mittel, um aus Kindern gute Musikern zu machen. Diese Zeiten sind vorbei. Psychologen betonen den Wert der intrinsischen Motivation, also der Motivation, die von innen kommt und weder Strafe noch Belohnung braucht. Diese Art der Motivation dürfte in der Entwicklung der drei Jugend-musiziert-Teilnehmer eine wichtige Rolle gespielt haben.

Der 18-jährige Jakob Plag beispielsweise spielt seit zehn Jahren Klarinette. Begeistert berichtet er von seinen Erfahrungen im Bundesjugendorchester: "Dieses Gefühl, der ganze Saal wackelt, der Stuhl wackelt, alle Kollegen sind voll am Limit. Dieses innere Gefühl kann man nirgendwo anders erreichen." Jakobs Ziel ist darum die Anstellung in einem Profi-Orchester.

Es muss Liebe sein!

Unter Umständen ist die Liebe zur Musik zwar vorhanden, aber nicht die zum Instrument. Dann kann es sich lohnen, auf ein anderes, ähnliches Instrument umzusteigen. Die heute 16-jährige Tabea Ockert hat jahrelang Geige gespielt, aber nie mit großem Elan. Mit elf Jahren wechselte sie zur Bratsche: "An der Geige war ich eine kleine, graue Maus. Ich wusste nicht so richtig, was ich da mache. Mit der Bratsche war auf einmal alles selbstverständlich." Sie hat sich schnell verbessert, erzählt Tabea Ockert. Dadurch sei die Musikerkarriere realistisch geworden.

Die Sängerin Jenai Ketelaar wiederum hat erst mit elf Jahren ihren ersten Gesangsunterricht bekommen. Der habe sie enorm vorangebracht, weshalb sie bereut, nicht eher damit angefangen zu haben.

Tabea Ockert 2 min
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Jenai Ketelaar ist 13 Jahre alt – und tritt als Sängerin beim Bundeswettbewerb von Jugend musiziert an. MDR KULTUR hat sie bei einer Gesangsprobe getroffen.

Mi 05.06.2019 13:49Uhr 01:35 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-radio/video-jenai-ketelaar-jugend-musiziert-100.html

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Mehr als nur das Elterntaxi

Es ist keine Plattitüde zu sagen: Den drei Wettbewerbsteilnehmern wurde die Musik in die Wiege gelegt. Sie alle kommen aus musikalischen Familien, haben den Fleiß und das fokussierte Arbeiten am Instrument vorgelebt bekommen.

Natürlich sind es auch die Eltern, die die Instrumente und den Musikunterricht bezahlen, die ihre Kinder zu Auftritten fahren, ihnen Mut machen und sie in schwierigen Momenten auffangen. Die Eltern geben auch praktische Tipps, so wie Jenais Vater Michael Ketelaar. Er ist Musiklehrer an ihrem Gymnasium und sagt: "Ich geb mir Mühe, sie herauszufordern." Bedeutet: Ab und zu mache er mit ihr Aufnahmen im Heimstudio und lasse sie in der Schulband ein Solo singen.

Lernen von den Besten

Nichts geht über einen guten Lehrer beziehungsweise eine gute Lehrerin! Für die beiden Instrumentalisten sind die wöchentlichen Einzelstunden selbstverständlich. Jakob Plag lernt sogar bei einem Klarinetten-Professor, Thorsten Johanns von der Weimarer Musikhochschule. Außerdem besucht er das Spezialgymnasium für Musik "Schloss Belvedere", an dem er ein Jahr länger Zeit fürs Abitur hat und zusätzlich zum Regelunterricht weitere musikalische Fächer hat.

Böse Zungen würden behaupten, die drei Jugend Musiziert-Teilnehmer hätten neben der Schule kein Leben mehr. Schließlich verbringen sie ihre Freizeit größtenteils am Instrument, in Jugendorchestern, Jenai Ketelaar auch im Chor. Sie selbst sehen das jedoch nicht so düster, berichten von großer Freude beim Musizieren und dem starken Willen, sich aus eigener Kraft zu verbessern. So opfert Jakob Plag seine Ferien schon mal einem Meisterkurs. Tabea Ockert wiederum würde ohne ihre Bratsche etwas vermissen. Deshalb nimmt sie sie, wenn es geht, in den Urlaub mit.

Jenai Ketelaar 1 min
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Jahrelang hat die 16-jährige Tabea Ockert Geige gespielt, fühlte sich jedoch nie so ganz wohl dabei. Dann wechselte sie zur Bratsche: "Auf einmal war alles selbstverständlich".

Mi 05.06.2019 13:49Uhr 01:20 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-radio/video-tabea-ockert-jugend-musiziert-100.html

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Üben, üben, üben!

Die jungen Musiker nehmen es scheinbar leicht und beweisen dennoch Disziplin und Ausdauer. Anders geht es auch nicht, meint der Klarinetten-Professor Thorsten Johanns. Um an die Spitze zu kommen, müsse man täglich üben. "Sobald man zwei Wochen Pause macht, ist es schon wieder ganz anders."

Jakob Plag schätzt, dass er im Durchschnitt dreieinhalb Stunden am Tag Klarinette spielt. Auf ein ähnliches Pensum kommt Tabea Ockert, wobei sie sich nicht unbedingt an ihre Bratsche zwingt: "Wenn man unkonzentriert ist, kann man es gleich sein lassen." Außerdem findet sie, dass sich die Eltern beim Üben nicht zu sehr einmischen sollten: "Wenn man kleiner ist, ist es wichtig, dass die Eltern sagen 'Kind mach jetzt!' Da versteht man noch nicht, wie wichtig das Üben ist. Später muss es von einem selber kommen."

Ganz anders als die Klassiker übt die Pop-Sängerin Jenai Ketelaar. Sie mache sich keinen Plan, wann und wie lange sie üben wird. Sie singe nämlich sowieso andauernd. Seit ihrem guten Abschneiden bei "Jugend musiziert" und der Casting-Show "The Voice Kids" geht sie aber doch etwas systematischer vor: Jeden Tag singt sie nun ein Lied mit Whistletones, den höchsten Tönen, die die menschliche Stimme erzeugen kann.

Jakob Plag 2 min
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Sich in Wettbewerben messen

In Musikwettbewerben sehen die drei Musiker für sich eine große Chance. Zunächst einmal bieten sie ihnen eine Bühne und damit die Möglichkeit, das Musizieren vor Publikum zu üben. Weiterhin können sie sich dort mit anderen ihrer Altersklasse vergleichen. Bei "Jugend musiziert" sind es vor allem die Anschlussförderungen, die die Nachwuchsmusiker reizen. Diese reichen von CD-Aufnahmen über Kurse bis hin zu Konzerten. Es geht aber auch darum, sich einen Namen machen, um schon früh aus der Masse der sehr guten Musiker herauszuragen.

Bei Wettbewerben gute Resultate zu erzielen, geht allerdings nur mit der richtigen Einstellung, findet Thorsten Johanns, der schon manches Mal in der Jury von "Jugend musiziert" saß. Bei allen Teilnehmern, die es in den Bundeswettbewerb schaffen, beobachtet er ein Interesse daran, "vorzuspielen, sich zu exponieren". Man müsse mit dem Publikum in Kontakt treten wollen. Introvertierte Charaktere haben es folglich schwerer, auch wenn sie technisch genauso fit sind wie die Rampensäue.

Das Ziel vor Augen, die Möglichkeiten im Blick

Wer ins Orchester will, für den führt kein Weg am Musikstudium vorbei. Allerdings sind die Studienplätze rar: Mal kommen sieben Bewerbungen auf einen Platz, mal zwölf, mal sind es sogar an die hundert, die sich alle auf eine Stelle bewerben (laut verschiedenen Hochschulen, bezogen auf verschiedene Studienfächer in den letzten fünf Jahren).

Unter solchen Voraussetzungen Geld, Zeit und Geduld zu investieren sei natürlich ein Risiko, bestätigt der Klarinetten-Professor Thorsten Johanns. Hinzu kommt, dass ein Studienplatz allein noch keine Sicherheit bedeutet. Laut der Deutschen Orchestervereinigung kommen auf rund 150 freie Stellen im Orchester fast 800 Absolventen.

Ein Plan B ist immer gut

Umso verständlicher, dass die Nachwuchsmusiker nicht alles auf eine Karte setzen: Jakob Plag beispielsweise macht nächstes Jahr Abitur und will sich bemühen, eine gute Abschlussnote zu schreiben. Zwar gibt es auf musikalische Studienfächer fast nirgends einen Numerus Clausus, aber "wenn man sich mal verletzen sollte, an einem Finger oder am Handgelenk, dann kann es unter Umständen sein, dass man nicht mehr Musiker werden kann."

Im Bereich der Popularmusik sind die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger als in der Klassik. Manchen gelingt es sogar, ohne weitere Ausbildung durchzustarten. Die Sängerin Jenai Ketelaar will in nächster Zeit auf Festen und Hochzeiten singen, um sich einen Namen zu machen. Ihr ist bewusst, dass zum musikalischen Erfolg auch eine Portion Glück gehört. Für alle Fälle hat Jenai einen Plan B: Sollte es nicht klappen mit der Gesangskarriere, will sie Lehrerin werden und damit in die Fußstapfen ihres Vaters treten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juni 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2019, 04:00 Uhr

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