Brillantgarnitur
Insgesamt 20 Exponate haben die Juwelenräuber im Grünen Gewölbe gestohlen. Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski

Kulturelle Identität Wieso der Dresdner Juwelen-Diebstahl viele Sachsen berührt

Nach dem Juwelen-Diebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden haben sich viele Sachsen betroffen gezeigt. Als Angriff auf die sächsische Identität wurde der Diebstahl unter anderem von Sachsens Innenminister Wöller bezeichnet. Doch woher kommt diese emotionale Verbundenheit?

Brillantgarnitur
Insgesamt 20 Exponate haben die Juwelenräuber im Grünen Gewölbe gestohlen. Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski

Der Juwelen-Diebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden am Montag hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Eine halbe Million Euro hat die Polizei mittlerweile für Hinweise ausgelobt, die zur Ergreifung der Täter führen. Es gehe allerdings um mehr als einen Diebstahl: Der sächsische Innenminister Roland Wöller (CDU) sagte, der Diebstahl sei ein Anschlag auf die Identität der Sachsen und auch Kulturministerin Monika Grütters betonte die "identitätsstiftende Wirkung" der Kunstschätze aus dem Gewölbe.

Auch für Ministerpräsident Michael Kretschmer geht der Fall weit über einen Diebstahl hinaus. Bei Twitter schrieb er: "Nicht nur die staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen. Man kann die Geschichte von Sachsen nicht verstehen, ohne das Grüne Gewölbe."

Sind die teuren Exponate, wie die Diademe, Epauletten oder der Weiße Adlerorden für die Sachsen weit mehr als die fürstlichen Prunkstücke von August dem Starken? Die Juwelen seien ein Zeugnis einer Zeit, in der die Stadt Dresden zu einer großen Blüte gekommen war, schätzt es der Redaktionsleiter der ZEIT im Osten, Martin Machowecz, bei MDR KULTUR ein: "Ich glaube, viel von dem Stolz der Dresdner, der heute auch angeknackst ist und die sich heute auch oft sehr unterschätzt fühlen, kommt aus der damaligen Zeit." Daher könne man den Angriff auf das Grüne Gewölbe auch als Angriff auf die Dresdner Identität und ihre DNA sehen.

Einfaches DDR-Leben vs. feudaler Prunk

Ähnlich beschreibt es auch Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch im Gespräch mit MDR KULTUR. Er erinnert sich an die Blicke der Verwandtschaft seines Vaters, gebürtiger Dresdner, wenn es schon zu DDR-Zeiten gemeinsam ins Grüne Gewölbe ging.

Ich konnte in meinen Verwandtenkreis […] sowas wie leuchtende Augen sehen. Die waren ähnlich brillant wie die Brillanten, die man sich dort angesehen hatte. Es gab also eindeutig – ich kann das quasi als Feldforscher sagen – eine unglaublich starke Identifikation mit diesen Brillanten.

Jochen Hörisch, Literatur- und Medienwissenschaftler

Diese emotionale Anhänglichkeit der Sachsen zu den Juwelen oder speziell der Dresdner findet Hörisch nicht erstaunlich und hat dafür eine relativ simple Erklärung: "Der Kontrast zwischen der doch recht großen Einfachheit des Lebens in der DDR auf der einen Seite und diesem feudalen Prunk auf der anderen Seite hatte – gerade unter DDR-Bedingungen – etwas schlechterdings Überzeugendes.

Bildergalerie Diese Kostbarkeiten verschwanden aus der Vitrine im Grünen Gewölbe

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur
Die Diamantrosengarnitur Überblick über alle Teile der Diamantrosengarnitur Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski
Degen (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Degen aus der Diamantrosengarnitur Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Jürgen Karpinski
Zwei gewölbte Schuhschnallen aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur Zwei gewölbte Schuhschnallen aus der Diamantrosengarnitur Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Kleinod des Polnischen Weißen Adler-Ordens: Er trägt 225 größere und kleinere Diamanten. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Hutagraffe: Der Diamant in der Schleife oben hat 24,98 Karat. Der Mittelstein unten in der Rosette zeichnet sich durch 16,5 Karat aus. Die Hutkrempe besteht aus 13 großen und 103 kleineren Diamanten, aus Silber und Gold. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Große Diamantrose (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Große Diamantrose Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Achselschleife (Epaulette) - Teilstück vorhanden: Das Schmuckstück trägt 20 große und 216 kleine Diamanten, besteht aus Gold und Silber. Die größte Diamantrose in der Mitte der Doppelschleife hat 31,5 Karat. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
10 Rockknöpfe aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur 10 Rockknöpfe aus der Diamantrosengarnitur (einzelne erhalten) Bildrechte: Jörg Schöner
Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Überblick über die Brillantgarnitur Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski
Hutschmuck, sogenannter Reiherstutz aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Hutschmuck, sogenannter Reiherstutz Bildrechte: Jürgen Karpinski
Epaulette mit dem sog. "Sächsischen Weißen" aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Epaulette mit dem sog. "Sächsischen Weißen" Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Brillantgarnitur Bruststern des polnischen Weißen Adler-Ordens Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinksi
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Diese große Brustschleife gehörte Königin Amalie Auguste. Der Schmuck stammt aus dem Jahr 1782 und trägt 51 große und 611 kleine Brillanten. Die Steine werden von Gold- und Silbereinfassungen gehalten. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Aigrette für das Haar in Form einer Sonne Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
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Identität entsteht durch Erzähltes

Dem Wissenschaftler zufolge ist Identität etwas Konstruiertes, das häufig durch große Erzählungen entsteht – Erzählungen, zu denen die Menschen als Identitäten selber häufig gar keinen Zugang haben. In Bezug auf die Juwelen aus dem Grünen Gewölbe fasst Hörisch zusammen:

Ich war nicht König August der Starke von Sachsen, der das ganze Glitzerzeug angeschafft hat. Aber gerade, weil es nicht meine Geschichte ist, weil es nicht meine Identität angeht, kann ich umso stärker projizieren. Das sind relativ weit verbreitete und plausibel zu erklärende Mechanismen.

Jochen Hörisch

Emotionale Bindung durch Diebstahl geweckt

Der Dresdner Schriftsteller Ingo Schulze sieht das anders. Ihm kommt die Gleichsetzung von Diamanten und sächsischer Identität ein wenig überzeichnet vor. Er sagte im Gespräch mit MDR KULTUR, er bezweifle, dass viele vor dem Diebstahl eine Beziehung zu den Edelsteinen gehabt hätten. Erst das Fehlen habe die emotionale Beziehung aufgebaut. "Jetzt, da sie fehlen, denkt man über manche Dinge vielleicht nach oder es ist eine Möglichkeit, darüber nachzudenken."

Juwelen in einem Katalog. 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Juwelen in einem Katalog. 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. November 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2019, 14:03 Uhr

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