4. August 1667: Carl Hildebrand von Canstein geboren Spendenaktion für einen stehenden Bibel-Drucksatz

von Hartmut Schade

Das Deckblatt des am 1. März 1710 veröffentlichten ohnmaßgeblichen Vorschlags , wie Gottes Wort den Armen zur Erbauung um einen geringen Preiss in die Hände zu bringen ist im Cansteinschen Bibelarchiv in den Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale
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Wenn die Ärzte nicht mehr weiter wissen, dann kann nur noch Gott helfen. Und Carl Hildebrand von Canstein geht es schlecht, richtig schlecht. Die rote Ruhr, eine blutige Durchfallerkrankung, hat ihn im Griff. Er gelobt:

Wenn ihn Gott von dieser Krankheit errettete, so wollte er Ihm sein Lebenlang dienen.

Carl Hildebrand von Canstein

Als Canstein dieses schwört, ist er 25 Jahre alt, hat Juristerei studiert und dient als Offizier in brandenburgischen Diensten. Er nimmt Abschied und zieht sich auf seine Güter zurück, um wie versprochen sein Leben Gott zu widmen. Bei der Beerdigung seiner Mutter lernt Canstein Philipp Jakob Spener kennen, den Begründer des Pietismus. Einen Mann, der schon seit Jahren fordert, dass man...

... außer der öffentlichen Verkündigung das Lesen der Heiligen Schrift, besonders des Neuen Testaments, zu einer Beschäftigung häuslicher Andacht mache.

Philipp Jakob Spener

Ein frommer Wunsch, solange eine Bibel mehr kostet, als ein Handwerker oder Bauer im Jahr verdient. Der Druck ist aufwändig und damit teuer. Die Drucker können nur ein paar Seiten auf einmal drucken, für mehr reicht die Zahl ihrer Drucklettern nicht. Dann muss der Satz auseinandergenommen und die nächsten Seiten gesetzt werden. Eine Abhilfe wäre ein "Stehender Satz" - die gesamte Bibel in einem Drucksatz, den man immer wieder verwendet.

Canstein praktiziert Crowdfunding im 18. Jahrhundert

Ohnmaßgeblicher Vorschlag, wie GOTTES Wort denen Armen zur Erbauung um einen geringen Preis in die Hände zu bringen sei

Carl Hildebrand von Canstein

1710 druckt Canstein seinen Vorschlag und verschickt ihn an potentielle Geldgeber. Es wird eine erfolgreiche Spendenaktion. Der Prinz von Dänemark gibt, die preußische Königin schenkt 1.000 Taler her und Canstein selbst setzt sein ganzes Vermögen ein: 10.000 Taler. Es reicht, um die rund fünf Millionen Blei-Lettern zu gießen und mit dem Bibeldruck zu beginnen. Gedruckt wird in Halle, in der Druckerei des Waisenhauses, dessen Stifter August Hermann Francke zum Freundeskreis Cansteins zählt.
Im Sommer 1712 erscheint das "Neue Testament". Aus Berlin schreibt Canstein an Francke:

Das Neue Testament findet hier großen applausum... Gleich bei der Herauskunft der ersten Edition...freuete man sich, daß man zu vieler Menschen Verwunderung das Exemplar...für den gesetzten Preis der zwei gute Groschen weggeben konte.

Carl Hildebrand von Canstein

Zwei "gute Groschen" - das ist in etwa der Tagelohn eines Handwerkers. Die komplette Bibel ist für 6 bis 8 zu bekommen. Zum niedrigen Preis trägt auch bei, dass man den Buchhandel umgeht. Die Bibel gibt es im Waisenhaus direkt zu kaufen, anfangs in der Apotheke, später in einer Buchhandlung - oder sie wird verschickt. Die 5.000 Exemplare der ersten Auflage sind innerhalb weniger Monate vergriffen, im Jahresrhythmus folgen Nachdrucke. Die Bibel wird zum Volksbuch. Karl Heinrich Christian Plath urteilt in seiner 1861 verfassten Canstein Biographie:

So ergänzt und vervollständigt der Freiherr ein Werk Luthers und nicht dessen schlechtestes.

Karl Heinrich Christian Plath

Im festen Glauben, sein Versprechen von 1692 eingelöst zu haben, stirbt Carl Hildebrand von Canstein 1719. Und lebt doch weiter: Die Cansteinsche Bibelanstalt versorgt die Gläubigen aus Halle bis weit ins 20. Jahrhundert mit Bibeln.

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2017, 00:00 Uhr

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