Der Schriftzug 'documenta' steht auf einer Fensterscheibe des documenta-Archivs in Kassel (Hessen).
Der documenta-Schriftzug auf dem documenta-Archiv in Kassel Bildrechte: dpa

Juni 1977: erstmals DDR-Künstler bei der documenta in Kassel Internationaler Durchbruch der "Leipziger Schule"

von Sven Hecker

Der Schriftzug 'documenta' steht auf einer Fensterscheibe des documenta-Archivs in Kassel (Hessen).
Der documenta-Schriftzug auf dem documenta-Archiv in Kassel Bildrechte: dpa

Ein Ruhmesblatt für die bundesdeutsche Kunstkritik ist es nicht, wie sie bisher auf das erste Auftreten von DDR-Malern auf einer documenta reagierte. Man ist da sehr schnell fertig mit dem Wort. Begnügt sich entweder damit, vom absurd überproportionierten Beitrag der DDR zu sprechen oder ein Missverhältnis zwischen Quantität und Qualität festzustellen. Und selbst, wo man weniger nach Quadratmeter Hängefläche urteilt, ist dafür gesorgt, dass das documenta-Publikum mit neu bekräftigten Vorurteilen die separierten Kojen der DDR-Künstler Sitte, Heisig, Tübke und Mattheuer betritt.

Gisela Brackert Anfang Juli 1977 in "Transit – Kultur in der DDR", ein Magazin des Hessischen Rundfunks

Anfang Juli 1977: "Transit - Kultur in der DDR" - ein Magazin des Hessischen Rundfunks - zieht Bilanz nach einer Woche documenta mit DDR-Künstlern. Eine Premiere, an der auch die Bildhauer Fritz Cremer und Joachim Jastram mitwirken. Deren Werke erregen aber wohl nicht solches Aufsehen - gegenüber den großformatigen Bildern der Maler aus dem Osten.

Hier werde der Realismus formal bis an die Grenze der Nazikunst vorangetrieben, konnte man lesen. Die Etikettierung der DDR-Maler als historisierende Farbtechnokraten ist dagegen schon wohlwollend zu nennen.

Gisela Brackert Anfang Juli 1977 in "Transit – Kultur in der DDR", ein Magazin des Hessischen Rundfunks

Die Teilnahme der DDR-Elite-Künstler an der wichtigsten Kunstausstellung im Westen Deutschlands – das ist ein Symbol für die Annäherung der beiden deutschen Staaten seit Beginn der 70er-Jahre. Und zugleich dafür, wie schwierig diese Annäherung ist, auch ganz persönlich.

Es war ungeheuer interessant, die Stadt Kassel zu erleben, aus dem zerfallenden Leipzig zu kommen, und dann mitten in diesen Kunstzirkus zu kommen, der mir ja völlig fremd war.

Der Maler und Bildhauer Wolfgang Mattheuer

Ab 21 Uhr Laserlicht über dem documenta-Gelände und 22 Uhr will HA Schult in New York ein  Flugzeug abstürzen lassen, also ein Schwergewicht an Happening an diesem ersten Wochenende.

Radiobericht über die Höhepunkte am ersten documenta-Wochenende 1977

Ein fremder Kunstzirkus. Ganz unterschiedliche Auffassungen von Kunst, davon, was sie ist, kann, soll und darf: Provokation, Happening oder Staatskunst? Als deren Vertreter gelten manchem im Westen die ausstellenden DDR-Maler. Hat nicht Honecker selbst ihre Teilnahme abgesegnet? Und ist ihre Hofierung nicht ein Affront gegen die unterdrückten Künstler im Osten? Georg Baselitz und Markus Lüpertz jedenfalls hängen ihre Werke wieder ab, aus Protest. Daneben gibt es aber auch viel Interesse. Der Kunsthistoriker Christian Saehrendt schreibt:

Zahlreiche Besucher hatten die maltechnische Versiertheit der Leipziger und Hallenser Künstler bewundert. Ihre exotischen und geschichtsträchtigen Bilderwelten faszinierten all jene Kunstfreunde, die von entsinnlichtem Konzeptualismus und klamaukartigem Fluxus abgestoßen wurden.

Kunsthistoriker Christian Saehrendt Neue Zürcher Zeitung vom 23. Juni 2007

Die DDR-Funktionäre drehen die Sache - wie zumeist - im Sinne ihrer Weltsicht: Kunst als Waffe im Kampf der Systeme. Der Abteilungsleiter für Bildende Kunst im Kulturministerium, Fritz Donner, stellt nach dem Besuch der documenta befriedigt fest, die Kunst aus der DDR habe sich sehr gut abgehoben – "angesichts der riesenhaften Menge wahrhaften Mülls". Die Ausstellung sei doch insgesamt ein Sinnbild des …

… gegenwärtigen Verfallsstadiums, der Krise und Perspektivlosigkeit der imperialistischen Kunstpolitik.

Fritz Donner, Abteilungsleiter für Bildende Kunst im DDR-Kulturministerium

Willi Sitte verkörpert aufs Schönste den Konflikt, um den es in Kassel auch geht: Er ist zum einen Maler, zum anderen als Präsident des DDR-Künstlerverbandes auch Funktionär. Sitte sieht sich von der Abqualifizierung der DDR-Kunst provoziert. Er giftet zurück:

Wir werden niemals einen in Bronze gegossenen Hundescheiß-Haufen in einen Plexiglaskasten setzen und die Sache zur Kunst erklären.

Willi Sitte

Entspannter sieht das Werner Tübke im Juli 1977:

Ich halte die Ausstellung für einen Künstler für sehr anregend. Dass innerhalb einer solchen Monsterschau, besonders in kurzer Zeit, es sehr schwer ist, zu trennen zwischen Bluff und hochinteressanten, neuen Versuchen, das versteht sich von selbst.

Werner Tübke, 09.07.1977, Radio- Interview

Tübke ist sich sicher: Der Beitrag der DDR-Maler wird Spuren hinterlassen. Tatsächlich folgen weitere Ausstellungen von DDR-Kunst im Westen. Und für die sogenannte "Leipziger Schule" gilt die Ausstellung bei der documenta 1977 als internationaler Durchbruch.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Kalenderblatt | 29.06.2017 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2019, 09:24 Uhr

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