10. Juni 1932: Falladas "Kleiner Mann - was nun?" erscheint im Rowohlt Verlag Eine Welt voll Enge und Muffigkeit - doch so zart gedichtet

von Sven Hecker

Es ist ein Wunder; meine Frau und ich kommen uns vor wie verwunschene Kinder.

Hans Fallada

Hans Fallada ist im Glück. Das "Wunder" hat einen Namen: "Kleiner Mann - was nun?". Seit seinem Erscheinen, Anfang Juni 1932, wird der Roman von der Presse euphorisch gefeiert. So urteilt Carl Zuckmayer in der "Vossischen Zeitung":

Fallada hat etwas geschaffen, was weit über den sogenannten 'Zeitroman' hinausgeht, auch weit über die Kategorie des Nur-Realistischen, Abgeschilderten, Aus-der-Nähe-Gesehenen - er hat eine Welt voll Enge, Dumpfheit, Muffigkeit, voll schlechter Luft und üblen Odems so zart gedichtet, so zart und stark, daß sie erlöst wird aus ihrer Finsternis und Duft, Glanz und Wärme bekommt.

Carl Zuckmayer in der "Vossischen Zeitung"

Die Handlung des Romans

Um 1930: Die Weltwirtschaftskrise hat Deutschland im Griff. Im Heimatdorf hat der Buchhalter Pinneberg seinen Job verloren. Gemeinsam mit seiner schwangeren Ehefrau zieht er nach Berlin. Doch auch hier kann sich die junge Familie nur mühsam über Wasser halten. Der Traum vom sozialen Aufstieg platzt. Johannes Pinneberg muss vor allem eines begreifen:

… dass er draußen ist, dass er hier nicht mehr hergehört, dass man ihn zu Recht wegjagt: ausgerutscht, versunken, erledigt. Ordnung und Sauberkeit: es war einmal. Arbeit und sicheres Brot: es war einmal. Vorwärtskommen und Hoffen: es war einmal. Armut ist nicht nur Elend, Armut ist auch strafwürdig. Armut ist Makel, Armut heißt Verdacht.

Zitat aus dem Roman

Ein Roman, der nah an der Realität liegt. Inspiriert hat Fallada ein dokumentarisches Essay des Journalisten Siegfried Krakauer: "Die Angestellten". Eine soziale Gruppe - so sieht es Krakauer - immer auf Karriere hoffend, jedoch längst proletarisiert, heimatlos irgendwie und in ständiger Existenznot und in Angst vor dem Absturz.

Fallada kennt aussichtslose Lebenslagen

Fallada alias Rudolf Dietzen kennt aussichtslose Lebenslagen. Der 40-jährige Schulabbrecher, Wirtschaftsinspektor und Journalist hat einen Selbstmordversuch hinter sich, mehrere Aufenthalte in Gefängnissen, psychiatrischen Kliniken und Entzugsanstalten. Er balanciert ständig am Abgrund vieler "kleiner Tode" und beginnt dann, Anfang der 1930er-Jahre sich seine Erlebnisse und Erfahrungen von der Seele zu schreiben. Daraus entsteht eine neue Sucht.

Ich schreibe. Ich schreibe jede Stunde des Tags und des Nachts, ob ich nun an meinem Schreibtisch sitze oder umhergehe - alles wird mir zum Buch.

Hans Fallada

"Kleiner Mann - was nun?" bringt Fallada internationalen Ruhm - das Buch wird millionenfach verkauft, in zwanzig Sprachen übersetzt, insgesamt 3 Mal verfilmt - 1967 mit Jutta Hoffmann in der Hauptrolle von Pinnebergs Frau "Lämmchen".

Und plötzlich ist die Kälte weg, eine unendlich sanfte, grüne Woge hebt sie auf und ihn mit ihr. Die Woge steigt und steigt. …Es ist das alte Glück, es ist die alte Liebe. Höher und höher, von der befleckten Erde zu den Sternen. Und dann gehen sie beide ins Haus, in dem der Murkel schläft.

Zitat aus dem Roman

Es ist Falladas eigene Ehefrau, Anna Issel, die als "Lämmchen" in seinen Roman eingeht. Und die Liebe ist es, die am Ende doch - um mit Zuckmayer zu sprechen - "Duft, Glanz und Wärme" in die enge, dumpfe Welt der sozial abgehängten Pinnebergs bringt. Die Liebe, die zumindest zeitweise auch dem Dichter Fallada Hoffnung und Halt gibt.

Ein knappes Jahr nach Erscheinen seines Romans, im Frühjahr 1933, sitzt der umjubelte Erfolgsautor allerdings im Gefängnis. Denunziert und verhaftet wegen des "Umgangs mit Juden". Sein Verleger Rowohlt bekommt Fallada nach zwei Wochen mit Hilfe eines renommierten Anwalts frei. "Kleiner Mann, was nun?" Als Antwort scheint nur der Rückzug ins private Glück zu bleiben - im Buch wie im Leben. Mit den Gewinnen aus seinem Erfolgsroman kauft Fallada sich einen Gutshof. Im mecklenburgischen Carwitz, ein wenig neben der Zeit gelegen, versucht er, durch die Jahre der Nazi-Diktatur zu kommen.

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2017, 00:00 Uhr

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