Luftaufnahme des französischen Gezeitenkraftwerkes in der Rance-Mündung bei St. Malo.
Luftaufnahme des französischen Gezeitenkraftwerkes in der Rance-Mündung bei St. Malo. Bildrechte: dpa

04. Dezember 1967 Die erste Energie aus dem Meer

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Luftaufnahme des französischen Gezeitenkraftwerkes in der Rance-Mündung bei St. Malo.
Luftaufnahme des französischen Gezeitenkraftwerkes in der Rance-Mündung bei St. Malo. Bildrechte: dpa

Wohl kaum ein Vorhaben ist umstrittener als die Energiewende, also der Ausstieg aus Atom und Braunkohle. Man könnte auch sagen: "Back to the roots". Zurück zu jenen Energien, deren sich der Mensch schon bediente, als er von Gas und Öl noch nichts ahnte: Wind und Wasser. Trieben sie einst Mühlen an, so drehen Wind und Wasser heute Turbinen.

Wasser fasziniert dabei die Techniker besonders, da man sich im Gegensatz zum Wind auf seine Bewegung verlassen kann. Wasserkraftwerke entstehen heute nicht allein an Flüssen. Auch das Meer wird angezapft. Das erste Kraftwerk, welches die Gezeiten ausnutzte, ging vor 50 Jahren in Frankreich ans Netz.

Gegenüber anderen Kraftwerkssystemen, also nuklearen, thermischen oder hydraulischen Kraftwerken hat dieses Kraftwerk den Vorteil, kostenlosen Rohstoff vorzufinden.

Jean Maroleau, ehemaliger Direktor des Gezeitenkraftwerks bei St. Malo

Erstes Probe-Wasserkraftwerk schon 1912

Ein Surfer reitet eine Welle in tiefblauem Meer.
In Wellen steckt jede Menge Kraft, die in Zukunft wohl eine noch größere Rolle bei der Energiegewinnung spielen werden, schätzt der Weltenergierat. Bildrechte: Thomas Junker

Die Idee, die Kraft der Gezeiten zu nutzen, ist nicht neu. Schon im 12. Jahrhundert treiben Ebbe und Flut Mühlen an der bretonischen Küste an. Und 1912 baut der Ingenieur Emil Pein ein "Probe-und Beweisflutkraftwerk" in Husum, um die drei Meter Tidenhub an der deutschen Küste auszunutzen. In den 30er- bis 50er-Jahren entwickelt Carl Becker gigantische Pläne, die gesamte deutsche Nordseeküste zur Energiegewinnung mit Deichen und Turbinen umzugestalten. Doch weder Hermann Göring noch Wirtschaftsminister Ludwig Erhard lassen sich vom Nutzen der weißen Kohle überzeugen.

Anders die Franzosen: 1961 beginnen die Bauarbeiten an einem 750 Meter langen Damm quer durch die Mündungsbucht der Rance. Durch 24 Öffnungen läuft nun das Wasser bei Flut in das künstliche Becken, bei Ebbe strömt es wieder dem Meer entgegen. In jeder der Öffnungen sitzt eine Turbine mit einer Leistung von zehn Megawatt - ausreichend, um den Strombedarf der Bretagne zu decken.

Nur 7 von 100 möglichen Ebbe-Flut-Kraftwerken umgesetzt

Weltweit gibt es 100 Buchten, in denen Ebbe und Flut angezapft werden könnten. Entstanden sind gerade mal sieben weitere Kraftwerke. Zwei davon dienen allein der Forschung. Auch in Frankreich begräbt man die Pläne für die Nutzung der Meereskraft.

Dieses Kraftwerk ist eine Vorstufe für das geplante viel größere Kraftwerk von St. Michel. Da aber nun die Atomkraft die Kinderkrankheiten überwunden zu haben scheint, glauben wir, dass dieses Projekt nicht mehr verwirklicht wird.

Jean Maroleau, ehemaliger Direktor des Gezeitenkraftwerks bei St. Malo

Auch die "weiße Kohle" ist umweltschädlich

So sauber, wie es scheint, ist die weiße Kohle mitnichten. In der abgeriegelten Bucht stirbt das alte Ökosystem, selbst in benachbarten Buchten verlaufen Ebbe und Flut anders. Tot ist die Idee aber nicht.

Vor allem Kraftwerke, die Gezeiten und starke Meeresströmungen für die Elektrizitätserzeugung nutzen, werden schon in naher Zukunft einen Anteil zur regenerativen Energieversorgung beisteuern.

Weltenergierat

Der Weltenergierat schätzt, dass Gezeitenkraftwerke in Zukunft noch stärker genutzt werden. In einer aktuellen Prognose schätzt er die aus dem Meer zu holende Energiemenge auf 2.000 Terrawattstunden im Jahr. Das entspricht dem Dreifachen des deutschen Stromverbrauchs.

Angezapft werden die Ozeane heute aber nicht mehr über Gezeitenkraftwerke. In der irischen See drehen sich seit 2003 Rotoren unter der Wasseroberfläche. Die an Windkrafträder erinnernden Konstruktionen nutzen die Meeresströmung zur Energiegewinnung. Und die Schotten haben vor ihrer Haustür eine weitere unerschöpfliche Energie entdeckt: Wellen. Im Meer steckt unendlich viel Energie. Erneuerbar. Aber wie klagte schon 1950 Gezeitenkraftwerks-Visionär Carl Becker im "Spiegel":

Da sieht man's: Die weiße Kohle formt das Bild der Zukunft. Nur bei uns bleibt sie schwarz.

Carl Becker, Gezeitenkraftwerks-Visionär

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Dezember 2017 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2017, 00:00 Uhr

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