Jan Ullrich (Deutschland/T Mobile) schreibt ein Autogramm auf eine Wasserflasche der Tour de France.
Jan Ullrich beim Autogramme-Schreiben. Der ehemalige deutsche Profi-Radrennfahrer wurde 1973 in Rostock geboren. Bildrechte: imago/Suedraumfoto

27. Juli 1997: Radrennfahrer Jan Ullrich gewinnt die Tour de France Der gefallene Stern des deutschen Radsports

Jan Ullrich galt als Held, nachdem er die Tour de France 1997 als Sieger beendete. Doch vom einstigen Glanz ist wenig übrig geblieben.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Jan Ullrich (Deutschland/T Mobile) schreibt ein Autogramm auf eine Wasserflasche der Tour de France.
Jan Ullrich beim Autogramme-Schreiben. Der ehemalige deutsche Profi-Radrennfahrer wurde 1973 in Rostock geboren. Bildrechte: imago/Suedraumfoto

Schon als Kind hab ich die Tour de France im Fernsehen verfolgt. Ich hab damals immer schon Gänsehaut bekommen, wenn Greg LeMond und Fignon sich gegenseitig attackiert haben. Und jetzt steh ich hier selbst als Sieger auf dem Siegerpodest. Also das ist unglaublich.

Jan Ullrich, Radsportler
Jan Ullrich
1997: Ullrich mit der Siegertrophäe nach dem schwersten Radrennen der Welt: 3.950 km in 21 Etappen Bildrechte: dpa

A Star Is Born. Jan Ullrich gelingt 1997, was vorher noch keinem anderen Deutschen geglückt ist: Er gewinnt die berühmte Tour de France. Und was für ein Star das ist: Ganz normal, ohne Allüren.

Und dann diese Fähigkeiten. Ein Reporter der Tour de France beschreibt sie so: "Seine stoische Ruhe, sein glänzender Renninstinkt. Ein phänomenales Erholungsvermögen zeichnet Jan Ullrich ebenso aus wie die kolossale Kraft in den Oberschenkeln, die es ihm ermöglicht, dort wo andere am Berg aus dem Sattel gehen, noch sitzenzubleiben."

Jan Ullrich wird herumgereicht, gibt Interviews, wird zum "Sportler des Jahres" gekürt. Freilich mag nicht jeder in den Chor der Jubelnden einstimmen.

Am wenigsten haben mir sicherlich die Dopingvorwürfe gefallen, dass im Prinzip der Neid der Leute einfach wieder hochkommt.

Jan Ullrich, Radsportler

Ullrich kann dies unwidersprochen formulieren.

Der Ullrich-Hype ebbt ab. Kritiker mäkeln über seinen "Winterspeck", bezweifeln seinen Trainingseifer. Er avanciert zum Dauerzweiten, 1998 hinter Marco Pantani, dann ab dem Jahr 2000 mehrfach hinter Lance Armstrong. Das sorgt, wegen der Erwartungshaltung, für Enttäuschung. Enttäuscht sind noch mehr Menschen, als ihm 2002 die Einnahme von Amphetaminen nachgewiesen wird.

Die Sache ist die, dass ich weg war mit Bekannten und einiges getrunken hatte, und unbewusst hab ich Tabletten bekommen. Hab die eingenommen, ohne zu überlegen, dass ich irgendwas Falsches oder irgendwas Unkorrektes mache. Es war einfach eine Dummheit, die nicht verzeihlich ist, und ich übernehme die volle Verantwortung dafür.

Jan Ullrich

Es ist ein Skandal, aber nichts im Vergleich mit dem Fuentes-Skandal von 2006. Jan Ullrich steckt knietief drin. Wie viele andere Radsportler ist er verdächtig, zur namhaften Kundenschar des Doping-Arztes Eufemiano Fuentes zu gehören. Blutbeutel können Ullrich zugeordnet und Überweisungen nachgewiesen werden, berichtet der "Spiegel". Ullrich darf an der Tour de France 2006 nicht teilnehmen, fliegt aus dem Team und tritt schließlich 2007 zurück. Er erklärt:

Ich hab mir nichts vorzuwerfen. Ich hab in meiner ganzen Karriere keinen betrogen und keinen geschädigt. Und das ist ganz groß.

Jan Ullrich
Radprofi Lance Armstrong (l) und Tyler Hamilton vom Team CSC fahren am 13.07.2003 während der achten Etappe der Tour de France 2003 in Frankreich.
US-Radprofi Lance Armstrong bei der Tour de France 2003 Bildrechte: IMAGO

Doch nicht nur Ullrich steht am Pranger. Sondern mit dem Fuentes-Skandal der gesamte Profi-Radsport. Und die Dopingsünder fliegen weiter auf: Tour-Sieger Floyd Landis, Dauergewinner Lance Armstrong, das massive Doping im Team Telekom der 1990er-Jahre. All das – ein riesiger Image-Schaden. Und das kostet Geld. Eine verseuchte Sportart, in der nicht der Beste gewinnt, sondern der, der am besten auf Dopingmittel anschlägt, interessiert nur eine Minderheit.

Der Internationale Sportgerichtshof erklärt Ullrich 2012 für überführt. Und Ullrich gibt bald darauf zu, gedopt zu haben. Jüngst erst hat er um eine zweite Chance gebeten. Dass er die erhält, ist wenig wahrscheinlich. Denn die Distanz ist eine unbedingte, der Radsport präsentiert sich als sauber, mit dem "systemischen Doping" sei es vorbei, so der Chef des Bundes Deutscher Radfahrer, Rudolf Scharping, kürzlich. Massive Zweifel müssen indes noch zerstreut werden, denn wie hat Lance Armstrong gesagt: Ohne Doping gewinnt man die Tour nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. August 2017 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2017, 00:00 Uhr