Leo Trotzki und Josef Stalin in Menschenmenge, um 1917
Leo Trotzki (2. v. re.) und Josef Stalin in einer Menschenmenge, um 1917 Bildrechte: IMAGO

17.05.1917: Trotzki kehrt nach Russland zurück Anders als Lenin, konnte Trotzki die Massen begeistern

1917 ergreifen die Bolschewisten in Russland die Macht, angeführt von Lenin und Trotzki. Eines haben beide gemeinsam: Sie werden von der Revolution überrascht – Lenin im Züricher Exil, Trotzki in New York. Nachdem Lenin schon im April nach Russland zurückgekehrt ist und in seinen Aprilthesen eine sofortige Machtergreifung postuliert hat, kommt am 15. Mai Trotzki in Petrograd an. 

von MDR KULTUR-Autor Hartmut Schade

Leo Trotzki und Josef Stalin in Menschenmenge, um 1917
Leo Trotzki (2. v. re.) und Josef Stalin in einer Menschenmenge, um 1917 Bildrechte: IMAGO

Leo Trotzki ist frustriert. Er hat sich getäuscht. Die französische Bourgeoisie ist nicht so zahnlos, wie er glaubt und Frankreichs Proletarier interessiert sein Schicksal nicht. Und so schieben ihn die Franzosen ohne Proteste Ende 1916 nach Spanien ab. Von dort geht es weiter nach New York: "Das ist das letzte Mal, dass ich der alten Kanaille Europa einen Blick zuwerfe", dachte Leo Trotzki damals.

Ein Leben im Exil ist Trotzki vertraut. London, München, nach der gescheiterten Revolution von 1905 Wien, mit Kriegsausbruch Paris und nun also New York. Seinen Lebensunterhalt verdient Leo Trotzki mit Journalismus und öffentlichen Reden. Als begnadeter Redner stets vor vollen Sälen erinnert sich die Anarchistin Emma Goldman:

Nachdem einige reichlich dumme Redner gesprochen hatten, wurde Trotzki vorgestellt. Ein mittelgroßer Mann mit hageren Wangen, rötlichem Haar und wucherndem roten Bart. Seine Rede, zuerst auf Russisch, dann auf Deutsch, war kraftvoll und mitreißend.

Emma Goldman, Zeitzeugin

Ein immer wiederkehrendes Thema in Trotzkis Reden: wie das europäische Blutbad zwangsläufig zur Revolution führt: "Die kommende Zeit wird eine Epoche der sozialen Revolution sein", sagte er.

Als die Revolution in Russland ausbricht, ist Trotzki wie alle Revolutionäre überrascht. Er will sofort zurück. Vier Wochen nach Lenin kommt Trotzki in Petrograd an. Mit einem klaren Plan: "Das russische Proletariat wirft jetzt eine brennende Fackel in die Pulverkammer der sozialen Revolution."

Februarrevolution 1917 Russland Gemälde Lenin
Gemälde der Februarrevolution 1917 in Russland, in der Mitte: Lenin Bildrechte: dpa

Damit liegt er auf Lenins Linie, der in seinen Aprilthesen die Weiterführung der Revolution gefordert hatte. Trotzdem hält Trotzki Distanz zu den Bolschewiki, schreibt Robert Service in seiner Trotzki-Biographie: "Nach seiner Vorstellung sollten die Bolschewiki, die Vereinigten Sozialdemokraten und verschiedene 'nationale Organisationen' gemeinsam auf einer gleichberechtigten Basis eine neue Partei bilden."

Lenins Vorstellung einer Kaderpartei entschlossener Revolutionäre lehnt Trotzki ab. Für Lenin hingegen ist der Gedanke, gleichberechtigt mit den von ihm verachteten Sozialdemokraten zusammenzuarbeiten, ein Graus, und stößt auf rigorose Ablehnung.

Politisch nähert sich Trotzki Lenin immer mehr an. Unermüdlich wirbt er für die Weiterführung der Revolution. Für die Bolschewiki ist der mitreißende Redner Trotzki unverzichtbar, denn Lenin kann die Massen nicht begeistern.

Das Leben kreiste im Wirbel der Meetings. Jedesmal kam es mir vor, ich würde diese neue Versammlung nicht mehr bewältigen können. Aber irgendeine Nervenreserve öffnete sich, und ich sprach ein-zwei Stunden lang, und während meiner Rede umgab mich schon ein dichter Ring von Delegationen verschiedener Fabriken oder Bezirke.

Leo Trotzki

Als nach dem gescheiterten Juli-Putsch Lenin nach Finnland flieht, wird Trotzki zum Gesicht der Bolschewiki. Im September 1917 wird er zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gewählt. Eine Funktion, die er schon 1905 innehatte. Doch diesmal scheitert die Revolution nicht. Angeführt und organisiert von Leo Trotzki.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 17. Mai 2017 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2017, 00:00 Uhr